Zugezogen Maskulin im Interview: „Wir haben Glück, dass wir weiße Hetero-Dudes sind“

Es ist noch gar nicht lange her, dass Zugezogen Maskulin ihr zweites Album ALLES BRENNT veröffentlichten und mit ihrem Rap über bizarre Kontraste von Kneipen-Säufern am Berliner Oranienplatz neben Asylsuchenden und über Homophobie und Deutschtümelei im Deutschrap große Anerkennung ernteten. Das Dagegensein fand nicht nur Zuspruch von der Musikpresse, sondern auch von großen Tageszeitungen. Testo, bürgerlich Hendrik Bolz (lebte in seiner Jugend in Stralsund) und Grim104 alias Moritz Wilken (aufgewachsen im niedersächsischen Zetel) fingen mit ihren klugen und aggressiven Parolen die Zeit besser ein als viele anderen.

Zwei Jahre später lodert ihr Feuer noch immer, die Asche knirscht unter der Sohle und Zugezogen Maskulin skizzieren in ALLE GEGEN ALLE ein Gefühl von Zweifel und Unsicherheit. Das Album erscheint am 20. Oktober 2017. Sie erzählen von dem was eigentlich gar keiner erzählen will, zum Beispiel von den Abgründen, in die man blickt, wenn man den Menschen in die Augen schaut und gehen zurück in ihre Vergangenheit, wo Penner mit einer Softair gejagt werden und irgendwie alles ganz anders ist als in der Stadt – irgendwie aber auch nicht. Zugezogen Maskulin treffen mit ALLE GEGEN ALLE erneut den Zeitgeist. Grund genug, mit Testo und Grim104 zu sprechen.

ME: „Alle gegen Alle” ist wie „Alles brennt“ eine ziemlich wütende Ansage. Hattet Ihr in den vergangenen beiden Jahren eigentlich auch mal einen schönen Tag in Berlin?

Testo: Soll ich ernst antworten oder ironisch? Ich antworte mal ernst: Ja, natürlich. Es gibt auch viel Schönes in der Welt, aber gerade in Zeiten, wo das Schöne regiert und zum Imperativ und zur Diktatur wird, wo alles schön, hübsch, glatt, cool gekleidet, gut drauf und erfolgreich ist, ist es wichtig nicht den Blick für Dinge zu verlieren, die vielleicht nicht so schön sind. An Menschen zu denken, die an dieser Schönheit nicht teilhaben dürfen, weil sie sich irgendwann zu Wort melden, um daran teilzuhaben.

„Irgendwas blubbert hier, irgendwas strömt hier auseinander in der Gesellschaft und der Ton wird immer schärfer zwischen den Teilnehmern.“ (Testo)

ME: Euer neues Album ist wieder ziemlich politisch geworden. Inwiefern unterscheidet sich ALLE GEGEN ALLE vom 2015 erschienenen Vorgänger ALLES BRENNT?

Grim104: ALLES BRENNT ist ein großes in Form gegossenes Ausrufezeichen, das Bedürfnis alles in Flammen aufgehen zu lassen, zu zerschmettern und zu zertreten, während ALLE GEGEN ALLE trotz des martialischen Titels sehr viel zweifelnder und fragender ist: „Warum ist die Welt so, wie sie ist?”, „Warum ist Deutschland so, wie es ist?” und nicht zuletzt „Warum sind wir so geworden, wie wir sind?”. „Alles brennt” war im Vergleich auf jeden Fall „faust-auf-den-tischiger”.

Testo: Es geht um ein Gefühl, ähnlich wie das der Menschen nach der Bundestagswahl 2017. Ein Gefühl von „Was geht hier ab?”, „Was habe ich verpasst?”, „Was ist hier auf einmal los?”. Das Gefühl hatten wir bereits letztes Jahr mit Trump, Brexit und mit dem Aufstieg von neuen rechten Bewegungen. Irgendwas blubbert hier, irgendwas strömt hier auseinander in der Gesellschaft und der Ton wird immer schärfer zwischen den Teilnehmern. Dieses Gefühl haben wir auf unserem Album in Worte gegossen.

ME: ALLES BRENNT war thematisch ein ziemlicher Vorreiter. Läuft man bei politischem Rap nicht auch schnell Gefahr sich zu wiederholen?

Testo: Die Themen in der Welt haben sich seit ALLES BRENNT nicht wirklich geändert. Es gab einen Punkt in der Produktion von diesem Album, an dem wir uns fragten: „Ok fuck, worüber schreiben wir denn jetzt?”. Es hat ein bisschen gedauert, bis wir einen anderen Blickwinkel einnehmen konnten. ALLE GEGEN ALLE betrachtet die Vereinzelung in der Gesellschaft, die Entfremdung der Menschen voneinander und es ist nicht mehr so klar im Weltbild. Es gibt nicht mehr nur richtig oder falsch.

„Du kannst dich nicht einfach komplett aus Social Media rausziehen. Vor allem nicht, wenn du stattfinden möchtest.”(Grim104)

ME: In ALLE GEGEN ALLE kritisiert Ihr unter anderem die Wettbewerbsgesellschaft. Im gleichnamigen Song sagt Ihr „Wir sitzen in einer Falle”. Wie kommen wir da wieder raus?

Grim104: Das ist ein ganz schön abgeschmacktes Wort, aber wenn die Gesellschaft eine etwas solidarischere Haltung zueinander findet, würde es auf jeden Fall helfen. Wenn man die Gesellschaft und das Leben als großen Krabbeneimer betrachtet, wo eine Krabbe in den Eimer geworfen wird, um einmal am Rand des Eimers „rumcrawlen” zu können, dann bleiben alle Krabben am Ende in der Falle.

ME: Ihr kritisiert auch den Kampf um Follower und Selbstdarstellung auf Social Media, dabei seid Ihr selbst Teil dieser Maschinerie. Kann man sich dem überhaupt entziehen?

Grim104: Nein, es ist schwer. Aber du kannst dir zumindest noch aussuchen, ob du „full retard” gehst, wie ein Typ der im Bett liegt und sagt „Hey, heute geht meine Promotour los, lasst mal ein Kommi da” oder nicht. Das sind die kleinen Unterschiede. Trotzdem kannst du dich nicht einfach komplett rausziehen. Vor allem nicht, wenn du stattfinden möchtest.

Testo: Unserer Kritik richtet sich eher gegen Privatpersonen, die ihr Leben danach ausrichten was Follower interessiert und sich gegenseitig Werbevideos ihrer Leben vorführen. Das führt zu einer Verzerrung der Realität, bis man irgendwann denkt, es ist wichtig cool zu sein und gut auszusehen. Social Media ist ein Motor und ein riesiges Affentheater. Es ist nicht echt und bildet den Menschen in Unsicherheit und schwachen Momenten nicht ab. Es führt dazu, dass man sich auch von sich selbst entfremdet, weil man denkt, Unsicherheiten dürfen einfach nicht sein und sind nicht wertvoll.

 ME: In „Adams Zeit” geht es um einen bestimmten Teil von sich selbst, den man niemandem preisgibt. Habt Ihr einen blinden Punkt?

Grim104: Ja natürlich, jeder hat verschiedene Sphären. Zunächst das ganz Große, wie wir jetzt im Interview. Da gebe ich nur das preis, was ich wirklich preisgeben möchte. Dann gibt es das, was man seiner Familie und Freunden von sich erzählt. Noch kleiner geht es mit besten Freunden und dem Lebenspartner. Doch der Keller, der hinter deiner Fassade aufgeht, geht sehr tief. Ein paar wenige Kellergeschosse zeigt man den Leuten und offenbart, auf welchen Scheiß man steht. Und dann gibt es aber die tiefen Kellergeschosse, die man niemandem zeigt und die auch besser nie aufgemacht werden. Aber es ist ja auch in Ordnung manche Sachen für sich zu behalten.

„Social Media ist ein Motor und ein riesiges Affentheater.” (Testo)

ME: „Uwe & Heiko“ ist eine Abrechnung mit der Jugend auf dem Dorf, „Nachtbus“ thematisiert das Zerrissensein zwischen der eigenen Herkunft und dem selbst gewählten Leben in der Stadt. Wo fühlt Ihr Euch zu Hause? Ist Berlin wirklich so scheiße?

Testo: In Berlin fühlen wir uns Zuhause. Das ist eine große Fehlinterpretation von Leuten, die denken wir regen uns über alles in Berlin auf und wären lieber auf dem Dorf. Es gibt in Berlin Sachen, die mich aufregen, gerade in bestimmten Milieus. Aber neunzig Prozent von Berlin finde ich total toll und cool. Und deshalb ist es auch der Ort, an dem ich mich wohlfühle und an dem ich leben will.

ME: Trefft Ihr Euch noch mit Freunden aus der Heimat? Die kommen bei Euch ja nicht gut weg.

Testo und Grim104: Ja, aber eher selten.

Grim104: Die meisten der Freunde wohnen jetzt woanders. Wenn ich mich ab und zu mit ihnen treffe, stelle ich nur meine eigene Alienhaftigkeit fest.

ME: Inwiefern Alienhaftigkeit?

Grim104: Ich glaube, ich könnte nicht wieder dort hinziehen. Man hat sich entfremdet und manche Entfremdungen sind auch in Ordnung. Das hat viel damit zu tun, was für ein Leben man führen möchte. Ich wollte ein anderes Leben führen und meine Freunde wollten ein anderes Leben führen. Auf Teufel komm raus versuchen befreundet zu bleiben, ist Quatsch. Natürlich kann ich mich auch mal durchlässig machen, da hilft saufen, aber das ist wieder das typische mit Alten-Freunden-Abhängen-Syndrom. Nur über die Vergangenheit referieren, was daran liegt, dass einen in der Gegenwart nicht mehr viel eint.

„Ein paar wenige Kellergeschosse zeigt man den Leuten und offenbart, auf welchen Scheiß man steht.”(Grim104)

ME: Der eine ist im Plattenbau aufgewachsen, der andere auf dem Land – habt Ihr trotzdem ähnliche Erfahrungen gemacht?

Grim104: Diese Geschichten, dass irgendwelche Typen, mit denen ich sehr viel zu tun hatte, Penner mit Softairs durch Ruinen jagten und geiferten „und der hat vor uns gestanden und hat geheult”, habe ich auch erlebt. Bei uns wurden Tiere aus Spaß gequält und ich selbst als Moritz Wilken opferte jemanden, damit ich nicht von der höher stehenden Figur geopfert wurde. Das gab es auch bei uns auf dem Dorf.

ME: Zum Schluss: Wie übersteht man jetzt die nächsten vier Jahre mit der AfD im Bundestag?

Grim104: Wir haben ja noch das große Glück, dass wir weiße, heterosexuelle Dudes sind. Für andere Bevölkerungsgruppen können auf jeden Fall finstere Zeiten anbrechen. Man sollte die Zeit nutzen dafür zu sorgen, dass es bei der nächsten Wahl keine 13 Prozent, sondern drei Prozent werden. Und das funktioniert nicht, wenn man die ganze Zeit ein Ossi-Bashing betreibt oder mit Verachtung und Hohn auf vermeintlich abgehängte Menschen. Vielmehr sollte man dafür sorgen, dass sich diese Menschen nicht mehr abgehängt, isoliert und verlassen fühlen.

ME: Habt Ihr Eure Facebook-Freunde gecheckt?

Grim104: Ja, drei Stück.

ME: Habt Ihr sie gelöscht?

Grim104: Nö, das wusste ich auch schon vorher. Mit dem einen Typen habe ich sogar schon gerappt. Aber die Personen zu löschen bringt nichts und wird auch nichts ändern. Das ist einfach nur Ohrenzuhalten und eine Selbstvergewisserung und Selbstschmeichelung, dass man selbst auf der guten Seite des Lebens steht.

Zugezogen Maskulin :: Alle Gegen Alle

ALLE GEGEN ALLE von Zugezogen Maskulin erscheint am 20. Oktober 2017 auf Four Music.  Zugezogen Maskulin gehen außerdem auf Tour:

  • 19.10.2017 Berlin (Bi Nuu)
  • 10.01.2018 Leipzig (Werk 2)
  • 11.01.2018 Rostock (Peter-Weiss-Haus)
  • 12.01.2018 Bremen (Tower)
  • 13.01.2018 Münster (Skaters Palace)
  • 15.01.2018 Köln (Club Bahnhof Ehrenfeld)
  • 16.01.2018 Frankfurt (Zoom)
  • 17.01.2018 München (Strom)
  • 18.01.2018 Würzburg (Bechtolsheimer Hof)

 

 


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