Kolumne

Paulas Popwoche: Frauen reden!

Von Gisèle Pelicot bis Alanis Morissette: Frauen erzählen seit Jahren von Gewalt & Missbrauch. Paulas Kolumne übers Zuhören-Lernen.

Am 8. März war ich leider krank und konnte nicht demonstrieren. Abgesehen von der FOMO, sich an diesem Tag nicht mit anderen verbinden, nicht netzwerken, keine Solidarität ausdrücken zu können, plagt einen dann natürlich die Frage, ob man nicht auch etwas hätte sagen wollen – zu irgendjemandem, irgendwo, in echt.

Dann hab ich aber zuletzt so viele Stimmen um mich gehabt und aufgesogen, dass ich dachte: Nö, ganz viel wird ja schon gesagt – man kann auch eine Weile mal nur zuhören.

Zum Beispiel Gisèle Pelicot, dieser unglaublichen Heldin, bei Sandra Maischberger.

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Gisèle Pelicot: Eine Heldin, die nicht allein ist

Im Zuge ihrer Buchveröffentlichung „Hymne an das Leben“ gibt sie gerade einige Interviews – und ist unglaublich. Obwohl es eigentlich keine Heldinnen geben müsste, weil wir alles zusammen machen sollten, ist sie halt eine. Sie ist zum Glück trotzdem nicht alleine. Seit sie den Weg an die Öffentlichkeit gegangen ist, haben sie unzählige Frauen unterstützt und begleitet.

Mariybu und Ebow haben auch unseren Rücken. „Jede meiner Freundinnen hat die Scheiße mal erlebt, aber niemand ist ein Täter und ich frag’ mich, wie das geht.“

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Das ist das ganze Lied:

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Frauen reden – miteinander, viel, unaufhörlich

Überall sprechen Betroffene von Missbrauch, überall erzählen sie ihre Geschichten, analysieren die Verhältnisse, stellen Forderungen. Während die Leute immer noch True Crime mit den Epstein-Files spielen und auf mystisch tun, liegt so vieles klar vor uns.

Und statt sich auf solche Leute zu verlassen, zu hoffen, dass sie einem endlich glauben, reden Frauen. Miteinander. Viel. Dieser Tage wirklich unglaublich viel.

Ich muss aktuell immer mal wieder an den Film „Women Talking“ denken (basierend auf dem gleichnamigen Roman), in dem es auch um dieses Zusammen geht. Es geht nur so. Es sind Frauen aus einer mennonitischen Gemeinschaft, die Opfer von Vergewaltigung geworden sind – ebenfalls durch chemische Unterwerfung, ein Ausdruck, der durch Pelicot und ihren Fall bekannt geworden ist. Sie können sich nicht auf Gerichte verlassen (als ob die überhaupt ein Ende von männlicher Gewalt herstellen könnten, aber das ist ein anderes Thema …), sie leben abgeschieden und müssen selbst überlegen, was sie tun, wie sie sich aus ihrer Lage befreien können. Und das tun sie. Sie erzählen sich alles, wägen ab und entscheiden sich schließlich.

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„Trauriger Tiger“: Neige Sinnos Auseinandersetzung mit Täter- und Opfersein

Ob und wie einem die Staatsgewalt überhaupt helfen kann, wenn man Opfer von männlicher Gewalt geworden ist, ist unter anderem Thema des sehr guten Buches von Neige Sinno, „Trauriger Tiger“.

Anhand ihrer eigenen Missbrauchsgeschichte, den Vergewaltigungen ihres Stiefvaters, denkt Sinno über Täter- und Opfersein nach, erwägt, was dazu beitragen könnte, solche Taten zu verhindern, und überlegt, was irgendeine Form von Gerechtigkeit bringen würde. Ich spoilere jetzt nicht, zu welchen Schlüssen sie kommt – aber Leute einfach nur ins Gefängnis stecken ist es halt nicht. Mit der Verkürzung des Themas auf „die muss man nur einsperren“ suggeriert man Gesellschaft und Opfern aber viel zu oft, dass es damit erledigt sei, statt an die Wurzeln zu gehen, damit es nicht passiert und nie wieder passiert.

Das Buch ist eines der besten, das ich je gelesen habe. Es ist explizit, klug und – obwohl die Autorin das gar nicht sein will – sehr stark. Es legt einiges offen, was noch immer unangetastet zu sein scheint, und ist großartig geschrieben. Ich wollte nicht, dass es endet, ich wollte ewig weiter in ihrem Kopf sein und ihren Gedanken lauschen.

Alanis Morissette: Sie hat es uns schon 2002 erzählt

Frauen reden, Frauen erzählen. Egal, ob sie dürfen oder nicht, ob es erwünscht ist oder nicht, egal, ob es überhaupt verstanden wird oder nicht. Manchmal von vielen auch erst sehr viel später. Von mir zum Beispiel.

Vor zwei Wochen wurde mir nämlich ein Reel reingespült. Jemand erzählte da sinngemäß: Ihr habt nie zugehört – Frauen haben uns schon ewig erzählt, was ihnen passiert ist, oft seid ihr aber drübergegangen. Macht das nicht mehr.

Als Beispiel führte die Person folgendes Lied an, das sogar ich als Fan nicht so verstanden habe, wie es gemeint war – obwohl es dermaßen on the nose ist und das Video ebenso:

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Super konkret erzählt Alanis Morissette hier im Jahr 2002 davon, wie sie von jemandem aus der Musikbranche gegroomt wurde, der sie beschwor, es bloß nicht zu erzählen. Und sie geht los und erzählt es ALLEN! Sie macht einen Hit daraus, der weltweit gesungen wird, und thematisiert genau das auch im Video des Songs. HELDIN.

Das Springsteen-Biopic: Männer, die es anders machen

Sooo, wie passt jetzt das Springsteen-Biopic hier noch rein, das ich gestern endlich gesehen habe? Hear me out.

Erstmal: Es ist meiner Meinung nach kein megaguter Film – aber ich überlege natürlich trotzdem gern, was man daraus mitnehmen kann, was er vielleicht doch Besonderes hat. Schließlich haben da viele Leute lange dran gearbeitet und ich hab ihn mir zwei Stunden lang angesehen.

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Es geht um Springsteens Aufnahmen zu „Nebraska“ – die Details kann man sicher überall beim Papamagazin meines Herzens, dem Rolling Stone, lesen. Er ist emo, ihm gefällt sein neuer Ruhm nicht, er will allein sein, keinen Trubel, und ruhige Songs aufnehmen. Und er wird verfolgt von seiner Familiengeschichte: einem depressiven und unberechenbaren Vater, der gern lieb wäre, aber zu oft aggressiv war und heute nur noch depressiv ist. Irgendwann merkt man, dass Springsteen selbst auch nicht nur emo ist, sondern selbst depressiv.

Ich hab dann überlegt, ob ich mir das nochmal angucken kann: Männer, die Frau und Kind terrorisieren, weil es ihnen schlecht geht, weil sie zu viel arbeiten, zu kaputt sind, zu sehr selbst zugerichtet. Als müsste das so sein, als wäre das Abagieren an Schwächeren unvermeidlich.

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Dann geht es aber so weiter, dass Bruce es eben anders macht als sein Vater. Als die Beziehung zu seiner Freundin zerbricht, checkt er – natürlich nachdem sie es ihm gesagt hat –, dass er so nicht sein kann, dass er es versuchen muss, dass er besser sein kann, dass er lieben könnte, wenn er sich Mühe geben würde. Und dann geht er, auf Anraten seines Managers – also auch hier mal ein anderer Lösungsvorschlag als einfach nur zusammen saufen zu gehen – in Therapie. Bruce weint, er schreibt, er versöhnt sich mit seinem Vater, er erzählt. Über seine Kindheit und über die Verhältnisse, in denen Leute werden, wie sie werden. Und so bleiben, wenn niemand darüber spricht.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Paula Irmschler schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.