Coachella feiert Diversität – sein Eigentümer finanziert das Gegenteil

Queere Ästhetik auf der Bühne, konservative Millionenspenden im Hintergrund: Philip Anschutz zeigt, wie weit Festivalimage und Eigentümer-Agenda auseinanderdriften können.

Das Coachella Valley Music and Arts Festival gilt als Symbol liberaler Popkultur: Sonnenuntergänge im kalifornischen Valley, queere Ästhetik und Diversität auf den Bühnen. Hinter der glitzernden Oberfläche steht jedoch ein Mann, der mit diesem Image wenig zu tun hat: Philip Anschutz, Milliardär, evangelikal-konservativ unterwegs und Eigentümer der Anschutz Corporation. Über sein Firmengeflecht fließen seit Jahren gezielt Gelder in republikanische, christlich-fundamentalistische und anti-LGBTQ-nahe Netzwerke in den USA.

Vom Ölbaron zum Kulturmogul

Philip Frederick Anschutz wurde 1939 in Kansas geboren und baute sein Vermögen zunächst mit Öl, Eisenbahn, Telekommunikation und Immobilien auf, bevor er ins Entertainment-Geschäft einstieg. Heute kontrolliert er über die Anschutz Corporation ein weit verzweigtes Unternehmensnetz, zu dem auch die Anschutz Entertainment Group (AEG) gehört. Unter AEG laufen unter anderem Coachella, die O2 Arena in London und die Uber Arena in Berlin.

Sein Vermögen wird von „Forbes“ auf rund 12,4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Anschutz selbst tritt nur selten öffentlich auf, doch sein Geld wirkt im Hintergrund sehr sichtbar – politisch, wirtschaftlich und ideologisch.

Was hat er mit Coachella zu tun?

Das Coachella entstand 1999 als Wagnis von Goldenvoice und Paul Tollett. Das erste Festival kostete Berichten zufolge rund eine Million US-Dollar Verlust, 2000 fiel es ganz aus. Erst 2001 kam die Wende: AEG kaufte Goldenvoice für etwa 7 Millionen US-Dollar und hielt an Coachella fest, obwohl das Projekt zunächst weiter wenig profitabel war. Genau an diesem Punkt wird die Geschichte politisch interessant – denn Coachella ist seitdem Teil der Anschutz-Welt.

Wichtig ist dabei: AEG übernahm die wirtschaftliche Kontrolle, aber Paul Tollett blieb die prägende Figur hinter dem Festival.

Der Skandal von 2017

Spätestens 2017 wurde das Spannungsverhältnis zwischen Festival-Image und Eigentümerpolitik öffentlich. Damals berichteten Medien, dass Anschutz und seine Stiftungen Gruppen unterstützt hatten, die gegen LGBTQ-Rechte arbeiteten und den Klimawandel infrage stellten. Der Hashtag #BoycottCoachella machte schnell die Runde, während Anschutz die Vorwürfe zurückwies. Der Eindruck blieb dennoch bestehen: Hinter der progressiven Festivalfassade steht ein konservativer Geldgeber mit klarer politischer Agenda.

Spenden mit System

Besonders deutlich wird das an dokumentierten Geldströmen. Laut „OpenSecrets“ und den dort ausgewerteten FEC-Daten spendete die Anschutz Corporation in den vergangenen Jahren regelmäßig an republikanische Machtzentren: an die Republican Governors Association (RGA), die republikanische Gouverneure und Kandidaten unterstützt; an die Republican Attorneys General Association (RAGA), die republikanische Generalstaatsanwälte stärkt; an den Senate Leadership Fund (SLF), der republikanische Mehrheiten im Senat absichert; und an den Congressional Leadership Fund (CLF), das Gegenstück für das Repräsentantenhaus.

Wer diese Strukturen finanziert, investiert nicht nur in Wahlkampf, sondern in Einfluss auf Gesetzgebung, Gerichtsverfahren, Kulturkämpfe und die Umsetzung der Trump-Agenda in den Bundesstaaten.

Die wichtigsten Beträge der letzten Jahre im Überblick:

Republican Governors Association (RGA): 100.000 US-Dollar in 2022, 100.000 US-Dollar in 2023, 125.000 US-Dollar in 2024 und erneut 125.000 US-Dollar am 3. April 2025.

Republican Attorneys General Association (RAGA): 125.000 US-Dollar in 2022 und 100.000 US-Dollar am 1. April 2025.

Senate Leadership Fund (SLF): 500.000 US-Dollar in 2023, 500.000 US-Dollar in 2024 und 250.000 US-Dollar am 3. April 2025.

Congressional Leadership Fund (CLF): 375.000 US-Dollar zwischen 2023 und 2024.

„OpenSecrets“ verzeichnet außerdem zahlreiche weitere Spenden an nationale republikanische Komitees, darunter mehr als 660.000 US-Dollar an das Republican National Committee und rund 960.000 US-Dollar an das National Republican Senatorial Committee – gespendet von Anschutz und seiner Frau Nancy seit 2016.

Geld als politischer Hebel

Das ist politisch relevant, weil gerade diese Ebenen darüber entscheiden, ob queerfeindliche Gesetze durchkommen, ob Einwanderungspolitik verschärft wird und ob Trump-nahe Vorhaben institutionell abgesichert werden. Anschutz finanziert damit nicht einfach konservative Positionen, sondern konkrete Machtinstrumente. Republikanische Gouverneure, die von der RGA unterstützt werden, verabschieden derzeit Gesetze, die lokalen Polizeien zwingen, bei ICE-Deportationsrazzien mitzuwirken – ein entscheidender Hebel für Trumps Einwanderungskampagne. Die Anschutz Corporation spendete hierfür am 3. April 2025 genau 125.000 Dollar an die RGA.

Der größere Zusammenhang ist ein Kulturkampf von oben. Rechtskonservative Kräfte verfügen dabei über zwei entscheidende Ressourcen: Geld und organisatorische Disziplin. Wer diese Netzwerke stützt, stärkt nicht nur eine Partei, sondern eine dauerhafte Verschiebung der gesellschaftlichen Debatte nach rechts.

Coachella ist ein Symbol für den Widerspruch zwischen Oberfläche und Macht: vorne Diversität, Kreativität und Freiheit, hinten ein Eigentümer, dessen Geld republikanische und christlich-rechte Netzwerke stärkt. Philip Anschutz steht exemplarisch für eine Form von Einfluss, die nicht laut auftritt, aber enorm wirksam ist.

Wer Coachella verstehen will, muss deshalb nicht nur auf die Bühne schauen, sondern auch auf die Bilanz. Denn dort zeigt sich, wie Kapital, Kultur und Politik in den USA miteinander verschmolzen sind.