Immer Ärger im Internet: Linus Volkmann über seine schönsten Shitstorms
Beworfen mit Stuhl, übergossen mit Hass: Linus Volkmann schreibt über das Wohl & Wehe von Shitstorms – und stellt die 5 schönsten vor, die ihm selbst zuteil wurden.
Eine meiner ersten Erinnerungen an die Wucht von Social Media stammt aus Mitte der Zehnerjahre, Facebook stellte da noch das Maß der Dinge dar.
Damals veröffentlichte ich einen Post, der ging so: In jener Zeit war an vielen, vielen Haltestellen des ÖPNV Kölns Reklame für 1Live zu sehen. Es handelte sich um eine Kampagne, die im Wechsel eine Handvoll prominenter deutschsprachiger Musik-Acts abbildete mit immer demselben Slogan. Zum Beispiel bei Cro las sich das dann so: „1Live macht Cro“.

Mich hat das getriggert. Als Kulturjournalist ist gerade in Köln, wo ich zu jener Zeit lebte, sehr präsent, wie viel Mittel dem Öffentlich-Rechtlichen oder eben auch konkret dem WDR (zu dem der Radiosender 1Live gehört) zur Verfügung stehen. Ich vertrat zudem die Haltung, dass dafür im Verhältnis zu wenig interessantes Programm rauskam. Und nun nervte 1Live im öffentlichen Raum mit dieser sicherlich extrem teuren Werbe-Kampagne – die ja im Endeffekt vor allem Gratis-Promo für etablierte Acts darstellte. Kostenlose Werbung für Cro und Co. Kleinere Acts bekamen wie immer keine Aufmerksamkeit, aber die großen wurden via Gebührengelder noch mal damit zugeschissen. So sah ich das.
Das Foto für mein Facebook-Posting hatte ich im Dunkeln aufgenommen, weil ich nie rechtzeitig daran dachte, eines ihm Hellen zu machen. Es sah dementsprechend nicht sehr ansprechend aus, egal, meine Gedanken mussten raus und so gab ich dem Bild noch einen Rant gegen den Sender und die Kampagne mit.
Ein paar Tage später staune ich nicht schlecht, das Posting entpuppt sich als das weitreichendste, das ich in den ersten Jahren absetzt habe. Tausende Likes, unzählige Kommentare – mit viel (selbst)gerechtem Zorn und recht wenig Aufwand hatte ich innerhalb der Medienblase einen kleinen Shitstorm zu Ungunsten von 1Live erschaffen.
Ich will jetzt gar nicht den damaligen Case neu eröffnen, also ob gebührenfinanzierte Sender (solche) Werbung machen sollten, oder ob es sich hierbei nicht auch um einen Wettbewerbsnachteil gegenüber alle anderen Medien und in dem Fall auch anderen Musik-Acts handelt. Dieses ganze Thema sei hier und jetzt mal: Geschenkt. Mir geht es einzig darum, dass ich damals etwas gelernt habe – ohne dass es mir zu Anfang gleich bewusst war: Empörung erzeugt Reichweite. Ausagierte Wut bringt Likes.
Adaptiert habe ich das Prinzip intuitiv allerdings schnell. Nach der Sache mit „1Live macht Cro“ (okay, ich finde diese Werbung heute noch komplett beschissen, sorry!) flossen in mein „Social Media Game“ immer öfter Rants hinein – und quasi jedes Mal gab mir der Algorithmus recht, belohnte mich mit der heiß begehrten digitalen Währung: Aufmerksamkeit.
Blicke ich heute darauf zurück, wundert es kaum, was für ein dauerempörtes, hasserfülltes Shithole Social Media geworden ist. Denn wie ich haben auch alle anderen, die sich hier aufhalten und einbringen, mitbekommen, wie die Nummer funktioniert. Der vergiftete Umgang im analogen sozialen Miteinander, den wir in dieser Dekade gerade erleben, steht in Verbindung – davon bin ich überzeugt – mit den Wut-Verstärker-Algorithmen von Instagram, Twitter, TikTok und Facebook. Und ja, ich schreibe bewusst Twitter!!11! Weil ich den neuen Namen von dem gottlosen Hund niemals nutzen … Oops, Entschuldigung, verdammt schwierig, diese ewige Entrüstung auch mal hinten an zu stellen.
Shitstorm und Drang
An der Spitze der empörungsgetriebenen Wutpraxis steht er: Der Shitstorm. Hier muss man selbst nicht mehr viel leisten sondern nur noch mit allen anderen zusammen draufhauen. Aber so richtig! Die betroffene Institution oder auch Person soll nie wieder aufstehen – und wer es wagt, sich mit jener dennoch gemein zu machen, den darf man gleich mit durchs digitale Dorf prügeln. So läuft es, friends, ich habe die Regeln nicht gemacht – aber wir tragen sie mittlerweile alle im „Herzen“.
Ein Shitstorm ist eine Waffe. Und wie jede Waffe ist sie in sich selbst erstmal neutral. Wohin sie schießt, das gibt erst die Community beziehungsweise deren Einpeitscher vor. Das klingt jetzt schon wieder so negativ, aber damit möchte ich sagen, dass ich nicht der Meinung bin, dass jeder Shitstorms eine Zumutung war/ist, manch einen empfand ich als durchaus gerechtfertigt.
Auch hat die grassierende Angst vor solchen Shitstorms sicherlich sonst beratungsresistente Arschlöcher dazu gebracht, etwas Ekliges zu unterlassen, um nicht in diesen Stuhl-Strudel zu geraten. Ich halte Shitstorms daher nicht per se für schlecht. Dennoch widerstrebt mir der inhärente Vernichtungswille. Aussöhnung, Dialog, Kompromis, Annäherung … all das spielt hier überhaupt keine Rolle mehr, darf es im Shitstorm nicht geben. Wie die Atombombe eben, mit der kann man auch nicht mehr diskutieren.
Im Anus des Orkans: Meine 5 schönsten Shitstorms
Auch in meinem kleinen, grellen Social-Media-Empire hat sich über die Jahre die ein oder andere Empörungswelle gegen die Klippen geworfen. Zum Glück blieb es bislang überschaubar vergleichsweise harmlos. Ich blicke zurück.
Die Bosstransformation
Worum ging’s: In der Printversion des Musikexpress schrieb ich Ende der Zehnerjahre über den Boss. Nein, nicht Bruce Springsteen, in Deutschland hatte diesen Titel der Friedberger Rapper Kollegah inne. Für mich stellte er eine Mischung dar aus der faszinierenden kontemporären Testorap-Trashkultur und einem echten Ärgernis. Im Artikel über das haarsträubende Kollegah-Buch „Das ist Alpha!“ zitiere ich dann auch Dani Fromm von den Kollegen von laut.de – und zwar so: „Dieses Buch wird keinen einzigen Versager in einen Gewinner verwandeln. Aber es wird reihenweise unsympathische Versager in noch unsympathischere, weil nun auch noch großmäulige und frauenfeindliche Versager verwandeln. Womit Kollegah die Welt tatsächlich verändert hätte. Sie ist jetzt ein schlechterer Ort.“
Kurz nach der Veröffentlichung des Artikels nässten Dutzende und Aber-Dutzende Kollegah-Fans in meine DM’s. Sie schrieben meist nicht viel – das aber drastisch. Beliebteste Schmähung damals bei den Shitstorm-Ultras war „Häng‘ dich auf!“.
Mein Fazit: Vielleicht der beste Shitstorm, den ich hatte. Mein Artikel wurde offensichtlich geteilt und geklickt – und das Sujet Kollegah war mir wie die Anfeindungen auch völlig fern. Zudem gefiel es mir, dass ich endlich von nachwachsenden Generationen „gesehen“ wurde. Als Popjourno schreibt man ja immer eher für Gleichaltrige und Rentner – und fragt sich ständig, wie kann ich bloß die Kids erreichen? Nun, hier war es mir gelungen.

Human Abfall
Worum ging’s: Corona hat die Leute gegeneinander aufgebracht. Solidarisch daheim bleiben oder doch lieber die Systemlinge Lauterbach und Drosten kidnappen und in Säure auflösen? Die Fronten schienen verhärtet. Dazu trug auch ich meinen bescheidenen Beitrag bei. Als Anfang Juni 2020 Bilder aus Berlin viral gingen, wie sich Leute trotz Kontaktbeschränkung dicht getränkt zu Wasser trafen, schrieb ich – auch für mich selbst überraschend – ein Gedicht.
„Es treibt Human Abfall auf dem See
Tausende Menschen, sie fluten die Spree
Motiv lautet ‚Öffnet die Clubs!‘
Vorsicht, Idiotenflashmob, oops
Immerhin ein Transpi: ‚Black lives matter‘
Virus ist cool, Stimmung noch better
We’re party people, we don’t give a fuck
Oh, geh endlich unter, Vergnügungspack“
Während Corona-Lockdowns war der Druck auf Social Media ohnehin größer und auch dieses Posting machte so viele Meter, dass der Ärger nicht lange auf sich warten ließ. Aufreger dabei der Begriff Human Abfall. Das war eine meiner Lieblingsbands derzeit, daher lag es mir wohl auch leicht auf der Zunge beziehungsweise Feder. Die Kritik konstatierte allerdings: Entmenschlichung!
Mein Fazit: Ich wäre gern als kritisch origineller Pop-Lyriker durchgestartet, aber dem Argument habe ich mich doch gebeugt. Das Posting steht bei Facebook heute in der Kategorie „Wer kann das sehen?“ auf: „Nur ich“. So moderat kann ich sein!

Red Hot Chili Peppers
Worum ging’s: Zum Höhepunkt meiner eigenen Rant-Seligkeit schrieb ich möglichst durchgeknallte Textminiaturen über prominente Acts aus dem Pop-und-Rock-Kanon, die mir aus unterschiedlichsten Gründen nie gut reinliefen. Schon eine der allerersten Folgen der Reihe „Verhasste Klassiker“ über das Durchbruchs-Album der Red Hot Chili Peppers brachte viel (kalkulierten) Ärger (lies: Aufmerksamkeit) ein. Ich war zufrieden.
„‘Blood Sugar Sex Magik‘ ist ein zappeliger Oben-Ohne-Tanz für Männer – und für schlechte Mucker, die dauernd all ihr Können zeigen müssen …“
Mein Fazit: Nur zu Beginn positiv. Im Nachhinein habe ich echt gekotzt, da wütende Red-Hot-Chili-Peppers-Fans das damals aktuelle Werbevideo für meine Live-Shows entdeckten und den Diss-Like-Count (der prangte damals noch sichtbar unter den YouTube-Clips) nach oben jazzten und mir Hass-Kommentare wegen meines unverschämten Popkritikergebarens hinterließen. Der Clip hatte zwar null mit den Peppers, wie wir Profis sie gern nennen, zu tun, aber das war dem Mob zurecht egal. Ich löschte das Video und lud es erst wieder hoch, als sich der Aufruhr gelegt hatte. Aber Re-Upload ist natürlich immer auch eine Niederlage, Mist!

The Big Puff Swindle
Worum ging’s: Als im Zuge von Corona das Riesenbordell Pascha insolvent ging, habe ich mich sehr gefreut. Ich schrieb: „Dieser dystopische, gewalttätige Unort in Köln macht dicht? Ganz ehrlich, wie geil ist es!“ Launisch ergänzte ich, die Stadt solle doch die Immobilie übernehmen, ein großes Kulturzentrum draus machen und den ausgebeuteten Frauen damit gleich neue Job-Perspektiven eröffnen. Das fand natürlich Zuspruch, aber ich hatte folgendes Konzept nicht auf dem Schirm, das unter der Abkürzung SWERF fungiert, es steht für Sex Worker Exclusionary Radical Feminism. Okay, man versteht sicher, was das heißt: Hier wird ein Feminismus markiert, der Sexarbeiter:innen ausschließt und daher als unsolidarisch zu bewerten ist. Prostitution stellt ohnehin ein konfliktbeladenes Sujet innerhalb feministischer Diskussionen dar und das musste auch ich spüren, indem ich mich als paternalisierender Macker geframed sah. Ich schloss daraufhin das Facebook-Posting beziehungsweise stellte es auf „nur Freunde“. Die Beteiligten zogen weiter auf Twitter und empörten sich anhand eines Screenshots nun eben dort weiter.
Mein Fazit: Natürlich der unangenehmste Fall hier. Was mir minderjährige Kollegah-Penisse an den Hals wünschen (Strick), tangiert mich wenig, mich von feministischen, vornehmlich weiblichen Akteurinnen überfahren lassen zu müssen, weil ich mich über das Ende von Europas größtem „Laufhaus“ freute, das tat dagegen weh. Vielleicht würde ich heute die Zeilen, die mir damals den Shitstorm einbrachten, sorgfältiger gegenchecken. Grundsätzlich hat sich für mich aber nichts geändert. Sexworker:innen verdienen Solidarität, aber diese ganze Puffkultur finde ich weiterhin furchtbar. Sorry not sorry. Und – jetzt kommt’s – dieser Laden hat längst schon wieder aufgemacht. Von wegen Kulturzentrum für alle. Einfach ein Ärgernis an allen Fronten – und von denen gab’s in diesem Fall wirklich mehr, als ich zuerst gedacht hatte.

Kurze Hosen
Worum ging’s: In einer Video-Kolumne für den Sender Cosmo (gehört wie 1Live zum WDR, just sayin‘…) war ich angewiesen, jede Woche möglichst große Reichweite auf Social Media einzufahren. Im Nachhinein ein nerviges Unterfangen, mich alle sieben Tage innerhalb des nicht gerade wendigen WDR-Tankers mit der Redaktion auf ein Aufreger-Thema zu verständigen. Jenes war meist, wenn der Clip dann erschien, schon wieder „Schnee von gestern“, als wäre dieses Hinterhergerenne hinter dem stinkenden Auspuffs des Empörungs-Express nicht eh schon würdelos genug. Anyway, in einer Sommerfolge verkündete ich „Sommer, Sonne, Flunkyball – warum ich Festivals hasse“. Dort platzierte ich auch folgenden Satz: „Männer, die im Sommer kurze Hosen tragen, haben keine Ehre“. Eine freche Volte, mit der ich ein wenig dieses ganze männliche und halblange Cargohosen-Elend in den Sommermonaten triggern wollte. Und oh boy, das gelang. Das – heute nicht mehr verfügbare – Video kommentierte damals wirklich jeder, der irgendwann schon mal eine kurze, lange oder überhaupt eine Hose angehabt hatte.
Mein Fazit: Auch hier hat meine Online-Sichtbarkeit sehr profitiert von dem ganzen evozierten Hate. Angenehm war auch, dass das Thema selbst am Ende des Tages natürlich sehr weich war. Manche Rück-Beschimpfungen gegen mich und meinen Style konnte ich sogar witzig finden. Um die Ohren geflogen ist es mir allerdings analog. Bei einer Lesung auf einem Festival trug ich unter anderem diesen vogelwilden Satz vor. Das ohnehin mäßig begeisterte Publikum nahm das persönlich und wütende Kurzhosler und ihre Verbündeten verließen in größeren Mengen des Auditorium. Das hatte ich nun davon! Shitstorm zu Fuß.

Okay, eigentlich besäße ich noch eine weitere Handvoll Online-Krawall-Storys, aber ich habe mich schon wieder vom Platz her völlig verzettelt. Vielleicht mache ich demnächst mal eine Fortsetzung – und falls nicht: Treibt sie einfach mit Hilfe eines Shitstorms ein. Das sollte mich lehren!
Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.








