Shade, Tea, Clocken: Die queere Geschichte hinter unserem Internetslang
Woher kommen Shade, Tea und Clocken wirklich? Die Antwort liegt in der Schwarzen, queeren Ballroom-Kultur – und kaum jemand weiß es.
„Shade werfen“, „Tea spillen“, oder etwas „clocken“ – Im Internet kursieren gerade zahlreiche solcher Slang-Ausdrücke und sie wandern zunehmend in die Sprache von Jugendlichen und jung Gebliebenen ein. Viele Eltern schauen ratlos auf den Sprech ihrer Kinder.
Doch was trotz chronischem Online-Sein den meisten unbekannt ist: Woher diese Wörter kommen. Denn immer mehr Begriffe aus der sogenannten Ballroom-Kultur wandern in den Mainstream über, ohne dass sich viele der Nutzer:innen ihres Kontexts bewusst sind. Wir erklären, was „Shade“, „Tea“,„clocken“ und „serven“ bedeuten, wo die Wurzeln unserer Internetsprache liegen und was Madonna mit dem all dem zu tun hat.
Die Sprache einer Subkultur
Die Anfänge liegen im New York der 60er-Jahre: Die weiße Schwulenszene der Stadt ist alles andere als inklusiv. Schwarze und lateinamerikanische LGBTQ-Personen sind in den Bars, Clubs und auf den Bällen, auf denen sich der weiße Teil der Community trifft, nicht willkommen. Es bildet sich daraufhin eine eigene Bewegung: Queere Personen mit Rassismuserfahrung treffen sich an neuen Orten, starten ihre eigenen Bälle und messen sich dort in verschiedenen Kategorien. Verglichen werden extravagante Outfits, Dragperformances und Tanzeinlagen, aber auch, wie gut eine Person „passed“ – also für das Geschlecht wahrgenommen wird, das sie nach außen hin präsentiert.
Die Subkultur wird zum Safe Space: Die Teilnehmenden werden Mitglieder sogenannter „Häuser“, die nicht nur als Wohnort, sondern auch als eine Art Familie und Netzwerk dienen. Innerhalb dieser Community bildet sich eine eigene Sprechweise heraus: Es wird „Tea gespillt“, „geclockt“ oder jemand wirft „Shade“ – und noch vieles mehr.
Mit der Zeit griffen Mainstream-Kreise bestimmte Begriffe auf, doch der historische Kontext ging dabei verloren. Erstmals hatte Ballroom durch die Dokumentation „Paris is Burning“ (1991) sowie Madonnas Musikvideo für „Vogue“ (1990) Einzug in die Popkultur gefunden. Madonna engagierte dafür echte Ballroom-Tänzer:innen.
Durch Fernsehsendungen wie „RuPaul’s Drag Race“ fanden viele Begriffe Einzug in die sozialen Medien. Gerade machen einzelne Content Creator:innen darauf aufmerksam, welche Hintergründe der Internetslang hat. Damit generieren sie neue Aufmerksamkeit und zollen der Ballroom-Kultur Respekt.
Was bedeuten die Begriffe?
Viele Bedeutungen haben sich durch die popkulturelle Nutzung verändert oder die Verwendung ist breiter geworden. Oftmals bleibt jedoch der Kern der Aussagen erhalten.
Etwas clocken
„Clocken“ wird heute zumeist einfach synonym mit „verstehen“ verwendet, oft begleitet vom Zusammentippen von Zeigefinger und Daumen. Schon vor der Verwendung in der Ballroom-Szene stand „to clock something“ dafür, etwas zu erkennen oder zu bemerken. In der Schwarzen Queer-Kultur wurde diese Bedeutung spezifischer: Jemanden zu „clocken“ hieß nun, etwas nicht sofort Sichtbares zu bemerken und zu durchschauen – wie etwa das Trans-Sein oder die Sexualität einer Person. „Geclockt“ zu werden war damit ein reales Risiko. Es musste bestmöglich verhindert werden, in der Öffentlichkeit als trans oder homosexuell erkannt zu werden, da dies gravierende Folgen gehabt hätte. Dem Begriff „clocken“ kam damit eine sehr wichtige Bedeutung zu. Auch die Handbewegung hat sich verändert: Statt Daumen und Zeigefinger wurde Daumen und Mittelfinger genutzt.
Tea spillen
Ähnlich verhält es sich mit dem Slang „Tea spillen“: Heute steht das Heißgetränk meist einfach dafür, Tratsch und Klatsch zu verbreiten. Erstmals tauchte der Ausdruck im Ballroom-Kontext auf und bedeutete die wahre Seite einer Geschichte. Wer „Tea“ hatte, konnte wichtige Insider-Informationen beisteuern.
Shade
Wer heutzutage von „Shade“ spricht, meint eine indirekte Kritik oder Beleidigung. In „Paris is Burning“ erklärt Pepper LaBeija die Verwendung in der Ballroom-Szene: „Shade ist, wenn ich dir nicht sage, dass du hässlich bist, aber ich muss es dir nicht sagen, weil du weißt, dass du hässlich bist. Das ist Shade.“ Hier bleibt die Slang-Verwendung also nah an ihrer ursprünglichen Intention.
Serven
Ein weiterer Begriff aus dem Ballroom: Wer bei einem Ball „served“ – also serviert hat –, präsentierte ein bestimmtes Element oder Attribut in Vollendung. Wenn ein:e Ballroom-Teilnehmer:in seinen „Look served“, brachte er Outfit und Performance in perfekten Einklang. Die Verwendung ist heutzutage ähnlich: Wer „served“, macht etwas perfekt, ist extrem gut gestylt oder zeigt viel Selbstvertrauen.
Respekt für die Entstehungsgeschichte
Für die Entstehung moderner Slang-Wörter wird gerade wieder mehr Respekt eingefordert. Dabei stellt sich die Frage, ob weiße, heterosexuelle Personen die Begriffe trotzdem weiterverwenden sollten. Die Meinungen darüber gehen auseinander: Manche User:innen auf sozialen Medien finden, Ballroom-Sprache sollte nicht für den Mainstream vereinnahmt werden und queeren Personen vorbehalten bleiben. Andere sehen die Thematik lockerer – solange Respekt für die Entstehungsgeschichte herrsche und die wahren Schöpfer:innen des Internetslangs anerkannt werden, dürfe jeder „Shade“, „Tea“ und „clocken“ weiterführen.






