Foo Fighters: „Musik ist Überlebenshilfe“
Ein Treffen mit den Foo Fighters: Dave Grohl über das, was bleibt.
Nach finsteren Jahren wagen die Foo Fighters mit ihrem zwölften Studioalbum YOUR FAVORITE TOY die Flucht nach vorne.
Wir trafen die Band in London, wo wir bei einem Club-Konzert, einem Termin in den Abbey Road Studios und in Interviews mit Dave Grohl, Nate Mendel und Chris Shiflett eine Band erlebten, die trotzig nach vorne blickt – um überhaupt weiter bestehen zu können.
Weltpremiere im Studio Two
Wir befinden uns im Wohnzimmer der Beatles: dem legendären Studio Two der Abbey Road Studios. Studio Two gilt als Herzkammer des wohl berühmtesten Studiokomplexes der Welt. In jüngerer Vergangenheit haben unter anderem Little Simz, The Smile, Stormzy und Idles ihr Equipment auf dem abgewetzten Parkett des zweitgrößten Abbey-Road-Studioraums aufgebaut; in den Jahrzehnten davor arbeiteten hier neben den Beatles Shirley Bassey, Kate Bush, Oasis, Adele und viele andere. An diesem frühlingshaften Wintertag Ende Februar 2026 soll im Studio Two keine Musik aufgenommen, sondern lediglich vorgespielt werden – das neue Foo-Fighters-Album YOUR FAVORITE TOY.
Es gibt Stehtische und eine improvisierte Bar, an der Wein, Bier, Softgetränke sowie Chips und Pizza gereicht werden. An der Wand im hinteren Bereich des Studios hängen nebeneinander großformatige Fotos der Beatles und von Pink Floyd sowie, direkt daneben, auf jeder Seite drei der Foo Fighters. Außerdem stehen da ein Flügel und ein Harmonium. Das Artwork von YOUR FAVORITE TOY wird auf einen kleinen Screen geworfen, auf dem später die Lyrics der Songs zu lesen sind.
Im Raum: rund 100 Leute, handverlesene Gäste, die in irgendeiner Weise mit den Foo Fighters verbunden sind. Unter anderem ist ihr langjähriger deutscher Agent zugegen, außerdem Journalist:innen, Videoregisseure, Leute von der Plattenfirma, Freunde der Band.
Pünktlich um 19 Uhr ist es so weit: Nach einem Grußwort von Dipesh Parmar, UK-Chef des FF-Labels Columbia, treten Dave Grohl, Chris Shiflett, Nate Mendel, Rami Jaffee und der neue Schlagzeuger Ilan Rubin aus dem im ersten Stock gelegenen Kontrollraum und kommen über die offene Treppe hinab ins Studio. Pat Smear ist nach seinem rätselhaften Gartenunfall – später dazu mehr – aktuell nicht dabei.
Finstere Jahre, kampflustiges Album
Die Foo Fighters befinden sich auf schwieriger Mission: Nach dem tragischen Tod von Schlagzeuger Taylor Hawkins ist die Band nicht mehr zur Ruhe gekommen. Dave Grohls Mutter Virginia verstarb ebenfalls, der Wechsel von Hawkins‘ Interimsnachfolger Josh Freese zu Ilan Rubin sorgte für Unruhe bei den Fans, außerdem geriet Dave Grohl mit einer privaten Affäre in die Schlagzeilen.
Mit YOUR FAVORITE TOY wollen die Foo Fighters die finsteren Jahre nun hinter sich lassen. Es ist ein in großen Teilen wütendes, kampflustiges Album geworden, mit dem sich allerlei Teufel trefflich austreiben lassen dürften. Nach einer kurzen Ansprache hebt Dave Grohl den Daumen, und die ersten Akkorde von „Caught In The Echo“ erklingen in infernalischer Lautstärke – die Weltpremiere von YOUR FAVORITE TOY hat begonnen.
Die Stimmung im Studio Two ist während der folgenden 36 Minuten beinahe konzertartig, ausgelassen, freudig erregt. Anschließend mischt sich Dave Grohl unter die Leute; er wirkt erleichtert und ein bisschen müde. Nach 20 Minuten Smalltalk verkündet Grohl, er gehe nun zum Abendessen mit seiner Frau, und entschwindet über die Treppe in den Kontrollraum.
„Eine Band muss in Bewegung bleiben“
Zwei Tage später treffen wir die Band in der Londoner Filiale der Rosewood-Hotelkette und sprechen zunächst mit Nate Mendel und Chris Shiflett sowie anschließend mit Dave Grohl. Es gibt mehr Themen als Zeit.
ME: War es eine bewusste Entscheidung, nach dem Tod von Taylor Hawkins als Band weiterzumachen, oder ein organischer Prozess?
NATE MENDEL: Es war eher ein Prozess. Wir mussten den Verlust von Taylor verarbeiten. Das hat zunächst alles bestimmt. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, einfach um zusammen zu trauern und über ihn zu sprechen – nicht über die Zukunft.
CHRIS SHIFLETT: Irgendwann haben wir angefangen, vorsichtig darüber zu reden: „Wollen wir das eigentlich noch machen?“ Und alle waren ungefähr am selben Punkt. Niemand hatte das Gefühl, dass das das Ende ist. Wir wussten nur nicht genau, wie es weitergehen sollte. Aber wir wollten es herausfinden.
NATE: Die letzten Jahre waren einfach unglaublich seltsam. Covid, Taylors Tod, ein neues Album, Touren, dann die Dinge, die mit Josh [Freese – Anm.] nicht funktioniert haben. Es kam eines nach dem anderen.
CHRIS: Aber ich habe nie gedacht, dass alles vorbei sein könnte. Nach diesem Jahr war es eher tröstlich, wieder arbeiten zu können. Einfach etwas zu tun.
NATE: Ich erinnere mich, dass ich damals Kommentare im Internet gelesen habe. Viele Leute schrieben Dinge wie: „Wie können sie nur weitermachen? Sie haben nicht einmal ein Jahr gewartet.“
Das sollte man in solchen Situationen natürlich unbedingt vermeiden: Kommentare lesen!
NATE: Ich weiß, ich konnte nicht anders. Die Leute vergessen dabei: Das ist unser Leben. Das ist das, was wir tun, was uns nicht zuletzt Trost gibt.
CHRIS: Eine Band muss in Bewegung bleiben. Sonst fallen irgendwann die Räder ab.
Dave hat kürzlich gesagt, dass Taylor Hawkins für euch immer noch ständig präsent sei.
NATE: Ja, absolut. Er ist immer noch sehr präsent. Ich kann mir genau vorstellen, welche Dinge er an dem neuen Album nicht gemocht und welche Kommentare er dazu gemacht hätte. Es gibt jetzt niemanden mehr in der Band, der so eine direkte Art hat wie er. Zum Guten oder zum Schlechten.
Trauerarbeit und das Vakuum der Stille
Das war also der Ausgangspunkt: Als sie mit der Arbeit an YOUR FAVORITE TOY begannen, war den Foo Fighters klar, dass dieses Album sie zurück in die breite Öffentlichkeit führen würde. Gemeinsam mit den beiden Tribute-Konzerten in London und Los Angeles war das vorangegangene Album BUT HERE WE ARE unmittelbare Trauerarbeit gewesen. Der Schock und die Fassungslosigkeit nach dem plötzlichen Tod von Taylor Hawkins waren der Musik fest eingeschrieben; es ging darum, als Gruppe und Familie gemeinsam zu bestehen und der Düsternis trotzend die Stirn zu bieten. BUT HERE WE ARE sagte: Seht her, wir haben überlebt, wir sind versehrt, aber wir machen trotzdem weiter. Es war das beste Foo-Fighters-Album seit ziemlich langer Zeit.
Interviews hatte die Band weder nach dem Tod von Taylor Hawkins noch zu BUT HERE WE ARE gegeben, öffentliche Äußerungen blieben aus. So entstand ein Vakuum, in das der US-amerikanische „Rolling Stone“ jene fatale Geschichte veröffentlichte, die Dave Grohls Ehrgeiz indirekt für den Tod des Schlagzeugers verantwortlich machte. Als vermeintliche Kronzeugen für diese These wurden ausgerechnet zwei Freunde der Band angeführt: der damalige Pearl-Jam-Schlagzeuger Matt Cameron und Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers. Beide distanzierten sich unmittelbar danach von der Berichterstattung und gaben an, sich niemals im zitierten Kontext in dieser Weise geäußert zu haben.
Wer die Foo Fighters und insbesondere Hawkins und Grohl in den vergangenen Jahrzehnten auch hinter den Kulissen erlebt hat, dem musste die RS-These ohnehin absurd vorkommen. Die Freundschaft dieser Männer war nicht gespielt; Dave Grohl und Taylor Hawkins waren wie Zwillingsbrüder, die Foo Fighters stets geprägt durch einen familienartigen Zusammenhalt.
Das Bild vom netten Mr. Grohl, dem freundlichsten Mann der Musikwelt, bekam dennoch Kratzer – erst recht, als vor einigen Monaten eine außereheliche Affäre des Musikers bekannt wurde und viele den Umgang mit dem Interims-Schlagzeuger Josh Freese verurteilten, nachdem dieser angegeben hatte, ohne größere Erklärung von der Band gefeuert worden zu sein.
In dieser Phase zog Grohl sich zurück und arbeitete ein Jahr lang an insgesamt bis zu 40 Songideen, aus denen sich eines Nachts beim Anhören der bisherigen Demos die finale Setlist ergeben habe, wie er Zane Lowe in einem Interview für Apple Music 1 erzählte. Die Foo Fighters produzierten das Album anschließend gemeinsam mit Oliver Roman in Grohls Heimstudio; die Musiker:innen nahmen ihre Parts nacheinander auf, beginnend mit dem neuen Schlagzeuger Ilan Rubin, der zuvor unter anderem bei Nine Inch Nails gespielt hatte.
„Dieses Album klingt wie unsere Band im Moment“
Die Produktion des neuen Albums erinnert mich an die Aufnahmen zu eurem Album WASTING LIGHT von 2011. Auch damals habt ihr in Daves Haus aufgenommen, allerdings gemeinsam im Stil eines Familiencamps. Diesmal habt ihr eure Parts getrennt aufgenommen – aus besonderem Grund?
NATE: Du musst bedenken, dass wir bei WASTING LIGHT nicht von Anfang an auf diese Weise gearbeitet haben. Aber ja, es stimmt, irgendwann haben wir begonnen, uns alle dort zu versammeln. Daves Frau Jordyn hat damals sogar einen zusätzlichen Bereich auf dem Tennisplatz für uns errichten lassen – das wurde dann unsere Lounge.
CHRIS: Diesmal gab es keinen Ort, an dem alle gleichzeitig herumhängen konnten. Wir sind inzwischen aber auch eine ziemlich große Gruppe, wenn man die Crew dazurechnet. Es wäre logistisch gar nicht möglich gewesen, mit so vielen Leuten zur selben Zeit in Daves kleinem Studio zu arbeiten.
Wenn ihr dieses neue Album mit nur einem Wort beschreiben müsstet, welches wäre das?
CHRIS: Die Stimmung ist wütend. Ziemlich wütend.
NATE: Es ist ein wirklich rohes Album.
Es klingt in der Tat direkt und ziemlich aggressiv. Hat das Album sich beim Aufnehmen für die Foo Fighters wie eine Wiederentdeckung angefühlt oder wie ein Neuanfang?
NATE: Es fühlt sich definitiv an wie ein neues Kapitel. Schon allein dadurch, dass Ilan in die Band gekommen ist und wir eine Zeit lang nicht besonders aktiv waren. Aber ehrlich gesagt denke ich während der Aufnahmen nicht über das große Ganze nach. Man konzentriert sich auf die Arbeit.
CHRIS: Diese großen Interpretationen entstehen erst später, wenn man Interviews gibt. Niemand sitzt im Studio und sagt: „Okay Leute, das ist jetzt der große Neustart.“ Wir nehmen sehr viel Material auf, und währenddessen wissen wir oft gar nicht genau, welche Songs am Ende auf das Album kommen. So richtig erkennt man erst danach, was man eigentlich gemacht hat.
NATE: Ich musste mir ehrlich gesagt selbst erst erklären, was dieses Album eigentlich ist. Als ich es zum ersten Mal komplett gehört habe, mochte ich es überhaupt nicht.
Woran lag das?
NATE: Es klang mir zu roh. Fast hastig, übereilt. Ich dachte: „Was soll das denn bitte sein?“ Wenn man sich unsere letzten drei Alben mit Greg Kurstin anschaut, waren das sehr ausgearbeitete, detailreiche Produktionen. Dieses Album ist das Gegenteil davon. Und ich war so daran gewöhnt, dass mich das zunächst irritiert hat.
Hat sich deine Haltung inzwischen geändert?
NATE: Ich habe eine ganze Weile darüber nachgedacht. Unsere Band hat in den letzten Jahren einiges durchgemacht. Wir haben einen neuen Schlagzeuger. Wir sortieren uns neu. Und plötzlich dachte ich: „Dieses Album klingt genau danach. Es klingt wie unsere Band im Moment. Roh, ein bisschen aus dem Gleichgewicht, aber auch trotzig und entschlossen.“ Als ich das verstanden hatte, habe ich angefangen, das Album wirklich zu lieben.
Pat Smears Gesicht auf dem Fell
Das Resonanzfell der Bassdrum von Ilan Rubin zeigt das Gesicht von Pat Smear – eine kleine Hommage an den Foo-Fighters- und früheren Nirvana-Gitarristen, der sich vor einigen Wochen bei einem Gartenunfall einen Fuß gebrochen hat und den Foo Fighters erst wieder bei der anstehenden Tour zur Verfügung stehen wird. Laut Nate und Chris hat Smear die Zuneigungsgeste allerdings zunächst nicht verstanden, da er sein eigenes Gesicht auf der Fotografie nicht erkannt habe.
Jetzt, in diesem Moment, ist das über die gesamte Breite des Fells gezogene, grinsende Gesicht des Hobbygärtners das Einzige, was man sieht im Londoner Shepherd’s Bush Empire. Es sind jene aufgeregten Minuten kurz bevor die Band auf die Bühne kommt: Das Licht ist ausgegangen, die Bühne schwach erleuchtet, die Anspannung im Saal ist mit Händen zu greifen – alle wissen, dass dieser Abend etwas ganz Besonderes werden wird.
Mit drei Club-Shows in Dublin, Manchester und London wärmen sich die Foo Fighters für die große Tour zu YOUR FAVORITE TOY auf, die sie ab Ende April einige Monate um die halbe Welt und unter anderem zu ihren bislang größten Deutschlandkonzerten in München und Berlin führen wird. Das Shepherd’s Bush Empire fasst 2.000 Menschen; für die Stadionband Foo Fighters ist es ein Wohnzimmerkonzert. Ein besonderer Anlass, zu dem die Band von zahlreichen Freunden und Familienmitgliedern begleitet wird – unter anderem ist Daves Frau Jordyn im Publikum.
Die um den Pat-Smear-Vertreter Jason Falkner erweiterten Foo Fighters spielen ein zweieinhalbstündiges Best-of-Set, aber auch selten gehörte Fanfavoriten wie „A320“ und „Hey, Johnny Park!“.
Die Atmosphäre in dem kleinen Theater ist elektrisierend, Dave Grohl schreit sich das Adrenalin aus dem Körper, die Band ist spürbar beseelt. Man versteht jetzt auch, warum die Foo Fighters unbedingt Ilan Rubin in der Band haben wollten und den Bruch mit Josh Freese riskierten: Der Schlagzeuger pflegt einen wilden, körperbetonten Stil und scheint bereits nach vergleichsweise kurzer Zeit stärker mit der Band verwachsen zu sein als der technisch brillante Freese, der allerdings in erster Linie Studiomusiker ist. Nachdem Grohl einen kleinen Jungen auf die Bühne geholt und ihm das Erlebnis seines Lebens beschert hat, beendet die Band den Abend wie gewohnt mit einer überfallartigen Version ihres größten Hits „Everlong“.
„Die Musik ist wie eine Infusion“
Der nächste Tag: Dave Grohl gibt heute nur wenige Interviews, den Nachmittag hat er sich für Aktivitäten mit der Familie freigehalten. Seine privaten Verwicklungen sind als Interviewthema tabu. Der Foo-Fighters-Chef ist wie gewohnt auf unprätentiöse Weise freundlich und bodenständig, es gibt Filterkaffee.
Gestern Abend hast du im Shepherd’s Bush Empire erzählt, wie du backstage alte Nirvana-Fotos entdeckt und dich wieder daran erinnert hast, damals mit der Band in dem Club gespielt zu haben. Solche Momente muss es bei dir permanent geben – erinnerst du dich dann immer gleich an alles?
DAVE GROHL: Oft kann ich mich sehr deutlich erinnern, so war es gestern. Manchmal muss ich aber auch von anderen erinnert werden.
Was geht dir dann durch den Kopf? Was alles passiert ist, seit du ganz allein ein paar Songs geschrieben hast, um deine Trauer um Kurt Cobain zu verarbeiten, aus denen dann die Foo Fighters wurden?
DAVE: Musik hilft mir, durchs Leben zu gehen und mit solchen Schicksalsschlägen fertig zu werden – das war bei mir schon immer so. Dieses erste Foo-Fighters-Album war für uns als Menschen absolut notwendig, um überhaupt weiterleben zu können. Wir haben uns damals voll und ganz auf die Hilfe der Musik verlassen. Und so war es dann immer wieder, in den unterschiedlichsten Situationen, vom letzten Album bis zu diesem neuen jetzt. Die Musik ist wie eine Infusion, die dir gibt, was du brauchst, um überleben zu können.
Ein Tropf, den ihr beliebig anzapfen könnt?
DAVE: Beliebig nicht, aber in gewisser Weise kann ich mich schon darauf verlassen. Einmal bam – und ab geht’s!
Du scheinst immer noch diese gewaltige Energie in dir zu haben, wie du dich da gestern Abend zweieinhalb Stunden am Stück ausgetobt hast. Kommt das auch von dieser Infusion, ist es die Musik selbst, der du diese Energie verdankst?
DAVE: Gewissermaßen. Ich habe keine Ahnung, woher das kommt. Ich tue ansonsten absolut nichts dafür. Aus irgendeinem Grund verliere ich meine Stimme einfach nie.
Ilan Rubin: Der richtige Mann am Schlagzeug
Es war eines der ersten Konzerte mit dem neuen Schlagzeuger. Bereits früher galt es als einer der härtesten Jobs im Rock’n’Roll, Schlagzeuger ausgerechnet in der Band von Nirvana-Drummer Dave Grohl zu sein. Der arme Ilan Rubin muss nun gleichzeitig in Taylors und deine Fußstapfen treten …
DAVE: Klingt nicht gerade leicht, oder? Aber weißt du, Schlagzeugspielen hat vor allem mit Gefühl zu tun, und das ist individuell verschieden. Gib zwei Drummer:innen dasselbe Stück Musik, und ihre Beiträge werden vollkommen unterschiedlich klingen. Es ist also kein Wettbewerb, sondern es geht ausschließlich darum, dass das Gefühl des Schlagzeugers zum Gefühl der Band passt. Offensichtlich war es bei Taylor und mir so, dass wir perfekt zusammengepasst haben – als Menschen und als Musiker. Wir waren wie Brüder, das gilt für die ganze Band. So jemanden zu ersetzen ist natürlich nicht leicht, aber Ilan fügt sich durch seine Persönlichkeit perfekt hinein. Er ist liebenswert, freundlich, brillant – ein großartiger Mensch. Es macht irre viel Spaß, mit ihm zusammen zu sein. Er passt wirklich sehr gut in die Band.
Es geht also weniger um die technische Seite?
DAVE: Die kann ich schnell beurteilen. Wenn ich einen Schlagzeuger beobachte, weiß ich sofort Bescheid. Wie sie auf dem Hocker sitzen, die Haltung ihrer Schultern oder Ellbogen – daran erkenne ich, was jemand wie und wo auf dem Instrument gelernt hat. Bei Ilan ist es so: Er setzt Arme und Handgelenke expressiv ein und ist gleichzeitig kreativ und leidenschaftlich, hat eine enorme Energie. Als wir begonnen haben, mit ihm zu spielen, wussten wir sofort: Okay, das wird wirklich großartig. Und nun wird es mit der Zeit immer besser, je enger wir als Freunde zusammenwachsen.
Das echte Gefühl einfangen
Wie schwer fällt es euch nach über 30 Jahren, für jedes Album immer wieder einen neuen Ansatz zu finden?
DAVE: Nach so langer Zeit in einer Band wäre es wohl nachvollziehbar, wenn wir uns etwas zurücklehnen und entspannen würden. Auf Nummer sicher gehen, etwas milder werden. Aber so fühlen wir uns nicht.
Die Ereignisse der vergangenen Jahre scheinen sich in diese neuen Songs eingeschrieben zu haben. Sie stecken in „Caught In The Echo“ und „Of All People“, indirekt sogar in „Child Actor“. Kannst du diese Beobachtung bestätigen?
DAVE: Absolut, klar, das ist so.
Während euer letztes Album BUT HERE WE ARE sehr von der Trauer um Taylor Hawkins und dem Umgang damit geprägt war, scheint mir dieses jetzt kämpferischer zu sein …
DAVE: Das ist es auch. Das Album geht nach vorne, es ist offensiv. Gleichzeitig glaube ich aber, dass diese Musik in Teilen Angst in sich trägt.
Inwiefern Angst?
DAVE: In gewisser Weise sind diese Songs ein Gespräch. Sie haben eine introspektive Seite, was daran liegt, dass ich zuletzt oft in mich gekehrt war. Ich habe ungefähr anderthalb Jahre an der Musik für das Album gearbeitet, und zwischendurch gab es immer wieder kleine Phasen, in denen ich die Texte geschrieben habe. Dadurch spiegeln die Songs sehr unterschiedliche Gefühlslagen wider. Einige sind kämpferisch und marschieren nach vorne, andere sind introspektiv. Es ist ein ständiges Hin und Her und spiegelt das Wechselbad der Gefühle wider, in dem ich mich in dieser Zeit befunden habe.
War dir das wichtig, alle Facetten dieser schwierigen Phase für die Band und dich selbst abzubilden?
DAVE: Nun ja, wir machen immer noch Alben. Es macht Spaß, einen einzelnen Song aufzunehmen und zu veröffentlichen, aber in dieser Band geht es in erster Linie um die Komposition eines ganzen Albums, bei dem es einen Anfang und ein Ende gibt. Das ist immer noch wichtig für uns – die Reihenfolge, jedes einzelne Detail.
Was ist das Wichtigste bei der Konzeption eines solchen Albums?
DAVE: Es sollte nicht konstruiert wirken, oder? Es sollte echt sein. Vor allem geht es darum, das jeweilige Gefühl authentisch einzufangen. Die Musik sollte exakt das ausdrücken, was man im Moment ihrer Entstehung empfunden hat. Genau das sollte man dann aufnehmen und der Welt zeigen, wie man sich tatsächlich fühlt.
Woher weißt du, wann es so weit ist?
DAVE: Als ich meine gesammelten Demos für das Album durchgehört habe, entdeckte ich inmitten der vielen Skizzen und Ideen eine Goldader. Plötzlich drängte sich mir eine Reihenfolge auf – genau diese zehn Songs in dieser Folge sind das Album. Mir wurde klar: Das ist das echte Gefühl, so wird nichts beschönigt, genau das ist es, verdammt noch mal. Es war plötzlich einfach da. Als hätte ich ein Netz ausgeworfen, das sich bis zum Rand mit Fischen gefüllt hat.
Violet und das Mikrofon für ASMR
Deine älteste Tochter Violet veröffentlicht in diesen Tagen ihr erstes Album – bist du stolz?
DAVE: Oh, Violet. Sie ist großartig, sie ist unglaublich – warte mal ab, bis du die Platte hörst. Sie ist unfassbar talentiert.
Machen deine anderen Töchter auch Musik?
DAVE: Die jüngste hat mich kürzlich gebeten, ihr ein Mikrofon zu kaufen. „Aber wir haben doch bereits jede Menge Mikrofone im Haus“, habe ich ihr gesagt. Sie antwortete, dass sie eines ganz allein für sich selbst haben wolle. Nicht um zu singen, sondern weil sie dieses ASMR-Zeug mag – kennst du das?
Geht es dabei nicht um als angenehm und entspannend empfundene Reaktionen auf akustische und sensorische Sinnesreize?
DAVE: Man flüstert dabei – das ist total beliebt bei Kindern. Sie lieben dieses Geflüster. Als Nächstes komme ich in ihr Zimmer und sie hat das Mikrofon aufgestellt, die Kopfhörer auf und flüstert da so rein. Das war ziemlich lustig.
„Ich bin so glücklich, dass wir immer noch hier sind“
Dave Grohl wird in den kommenden Monaten wenig Zeit haben, abends nach seinen Töchtern zu sehen, aber auch bei dieser Tour wird es nicht zuletzt um Fürsorge gehen. Er ist natürlich ein Showman, ein absoluter Medienprofi. Aber diesen einen Satz im Shepherd’s Bush Empire kurz vor „My Hero“ scheint er doch absolut ernst gemeint zu haben – die Erleichterung war ihm anzusehen: „Wenn ihr mich mitten in den Songs lachen hört, dann liegt das daran, dass ich so glücklich bin, dass wir immer noch hier sind. Und wenn ich ‚wir‘ sage, meine ich uns.“
Manchmal ist Selbstvergewisserung das maximal Mögliche – und Nötige.






