Montreux Jazz Festival: Die 10 besten Live-Alben aller Zeiten
Von Nina Simone bis Iggy Pop: Die zehn unverzichtbaren Live-Dokumente des Montreux Jazz Festivals.
Iggy Pop ist nur einer der letzten großen Namen, die das Montreux Jazz Festival aufgemischt haben. Vor ihm gaben sich schon Ikonen wie Aretha Franklin, Ray Charles, Pink Floyd, Santana, Prince und natürlich Deep Purple die Ehre am Genfer See. Mehr als 7.000 Konzerte wurden seit der ersten Ausgabe des 1967 vom Kulturmanager Claude Nobs ins Leben gerufenen und über Jahrzehnte geleiteten Events mitgeschnitten, mehr als 450 davon als Tonträger veröffentlicht, tausende in Funk und Fernsehen übertragen. Im Jahr von Nobs‘ Tod 2013 nahm die Unesco diesen einzigartigen Nachlass in ihr Weltdokumentenerbe-Register auf.
Hier präsentieren wir eine der Spitzen dieses eiskalten Gebirges: zehn unbedingt empfehlenswerte Live-Dokumente aus Montreux.
Nina Simone – Live At Montreux 1976 (CD/DVD)
1976 war Nina Simone gebrochen: traumatisiert von einer von Gewalt geprägten Ehe und finanziell am Ende, kehrte sie acht Jahre nach ihrem Montreux-Debüt einzig aus monetären Gründen in die Stadt der Reichen und Schönen zurück. Dieser Kontrast manifestiert sich in einer zutiefst widersprüchlichen Performance. Simone schwankt zwischen Momenten der Orientierungslosigkeit – etwa wenn sie sich am Klavier festhält oder ins Publikum starrt – und plötzlicher Intensität und körperlicher Präsenz. Sie sucht Nähe zum Publikum und stößt es im nächsten Moment wieder ab. Ein prägnantes Beispiel: Sie weist eine Besucherin scharf zurecht und befiehlt ihr, sich wieder hinzusetzen. Musikalisch bleibt sie dennoch beeindruckend. Ihr Klavierspiel und ihre Stimme behalten ihre Kraft, besonders in Interpretationen wie „Stars“. Dieses Cover von Janis Ian – ein Lied über Künstler:innen, die ihren Höhepunkt überschritten haben oder sich verloren fühlen – spiegelt auf eindringliche Weise Simones eigene damalige Verfassung.
Talk Talk – Live At Montreux 1986 (DVD)
Zugegeben, man muss sich den voluminösen Vokuhila von Live-Gitarrist John Turnbull und Keith Harings Backdrop wegdenken, um sich statt wie in einem Möbelhaus der 80er-Jahre in einer Halle mit einem der wichtigsten Konzerte einer der sensationellsten Bands der Dekade zu fühlen. Nur zwei Monate nach ihrem Auftritt am 11. Juli ’86 in Montreux sollten Talk Talk im spanischen Salamanca zum letzten Mal auf einer Bühne stehen, um sich fortan in experimentelleren Gefilden vollends zu entfalten. Sänger Mark Hollis versteckt sich zwar hinter Haaren und Sonnenbrille, doch für seine Verhältnisse gibt er alles. Die Intensität seiner Performance zieht uns für 87 Minuten die Gänsehaut über.
David Bowie – Montreux Jazz Festival 2002 (CD/LP)
Bowie war dem Genfer See schon lange verbunden: 1976 erwarb er ein Chalet in den Hügeln nördlich des Sees, 1995 kreierte er das offizielle Poster des Jazz Festivals. Sein erster Auftritt dort ereignete sich zwar spät, am 18. Juli 2002 im Stravinski-Auditorium, doch David Bowie glich die lange Wartezeit mit einem gewaltigen Doppelset aus. Den regulären Teil des zehnten Konzerts der „Heathen Tour“ bestritt er ausgewogen mit dem wider Erwarten grandiosen aktuellen Material wie „Sunday“, „Everyone Says ‚Hi’“ und dem Pixies-Cover „Cactus“ sowie einem kaum Wünsche offenlassenden Best-of aus Klassikern von „Life On Mars?“ über „Starman“ bis „Let’s Dance“ mit seinem damals dramatisch umarrangierten Intro. Zur fast einstündigen Zugabe spielte der Meister dann das Album LOW fast vollständig – mit Ausnahme von „Weeping Wall“ und in veränderter Reihenfolge. Vielleicht wurde hier seine letzte perfekte Show festgehalten.
Wu-Tang Clan – Live at Montreux 2007 (DVD)
Mit dem Auftritt der Hardcore-HipHopper aus Staten Island unterstrich das Festival seine Diversität fett – oder besser geschrieben: phat. Wer keine Tickets für die laufende Abschiedstour des Kollektivs bekommen hat, kann zu diesem 31 Songs umfassenden Konzertfilm prächtig den Kopf nicken. Der gesamte Clan präsentiert sich hier; auch das spätere Vollzeitmitglied Cappadonna ist am Start. Neben Genre-Meilensteinen wie „C.R.E.A.M.“ und „Protect Ya Neck“ präsentieren die Erneuerer des Eastcoast-Sounds auch Solo-Hits ihrer Mitglieder wie „Da Rockwilder“ von Method Man & Redman. Den 2003 gestorbenen Ol‘ Dirty Bastard würdigen sie mit gleich drei Hits aus dessen Schaffen, bevor das Set auf den größten europäischen Erfolg der Crew endet: „Gravel Pit“. Wer noch eines Beweises bedurfte: Wu-Tang Clan ain’t nuthing ta f‘ wit.
Motörhead – We Play Rock’n’Roll – Live At Montreux Jazz Festival ’07 (CD/LP)
Mit der trockenen Feststellung „So this is the Montreux Jazz festival“ begrüßt Lemmy Kilmister das Publikum: „here’s a bit of jazz for you…“ – doch nix da: „We are Motörhead and we play Rock’n’Roll!“ Der erste Song ist gleichermaßen Programm und Rarität: „Snaggletooth“ zollt dem Symbol der Band Tribut; 1984 war er einer der neuen Tracks der Compilation NO REMORSE. Neben unverzichtbaren Headbangern wie „Ace Of Spades“ und „Overkill“ zählt das Cover der Thin-Lizzy-Fassung vom Bob-Seger-Oldie „Rosalie“ zu den Highlights dieses atemlosen Gewaltakts.
The Raconteurs – Live at Montreux 2008 (DVD/Blu-ray)
Vor ihrer elfjährigen Pause zog die Supergroup von Jack White und Brendan Benson Bilanz ihres Senkrechtstarts: Auf 16 Songs knallt uns das Quartett eine frenetisch dargebotene Auswahl aus Stücken ihrer ersten beiden Alben BROKEN BOY SOLDIERS und CONSOLERS OF THE LONELY um die Ohren – beide erreichten Platz sieben in den US-Charts. Was sich auf diesen The-Raconteurs-Platten noch beschwingt und – für einen Bluesrocker wie White – poppig präsentiert, entpuppt sich live als Schlag in die Magengrube. Die Riffs wiegen auf einmal Tonnen; die Rhythmussektion aus Jack Lawrence und Patrick Keeler treibt sie mit Led-Zep-artigem Druck voran.
Alanis Morissette – Live at Montreux 2012 (DVD/Blu-ray/CD)
Natürlich konnte die kanadische Singer-Songwriterin auch 17 Jahre nach dem Monstererfolg ihres dritten Albums JAGGED LITTLE PILL nicht weit aus dessen Schatten heraustreten: Sieben der hier versammelten 20 Songs entstammen dem 33-Millionen-Seller. Was diesen Release für Fans dennoch interessant macht: Alanis Morissette spielt bereits vier Stücke aus ihrer damals noch unveröffentlichten Platte HAVOC AND BRIGHT LIGHTS.
The Smile – Live at Montreux Jazz Festival, July 2022 (Streaming)
Das am 11. Juli 2022 angekündigte und tags darauf über die gängigen Streamingportale verfügbar gemachte Live-Album erfüllte doppelten Zweck. Die hier dargebotenen acht – eigentlich neun, da „Free In The Knowledge“ und „A Hairdryer“ zusammengefasst werden – Stücke aus dem Debütalbum A LIGHT FOR ATTRACTING ATTENTION bewiesen einerseits, dass Thom Yorke, Jonny Greenwood und Tom Skinner als The Smile eine von Radiohead losgelöste Existenzberechtigung haben, weil dieser jazzy Art-Rock weniger zu ihrer Hauptband passt, dafür wie die Faust aufs Auge und Ohr dieses Festivals. Andererseits zeigten sie mit ihrer treibenden Performance, dass sie diese experimentelle Spielart scheinbar mühelos auf die Bühne bringen können – und wollen – und es sich dabei eben nicht um Studiozeitvertreib eitler Art-Rockstars handelt.
Anna von Hausswolff – Live At Montreux Jazz Festival 2022 (LP/CD)
Nun eine kleine Horrorshow: Mitten im sonnenstrahlenden Schweizer Sommer führte uns die schwedische Gothic-Künstlerin im Juli 2018 in ungeahnte Abgründe. Gesanglich unterstützt von ihrer Schwester Maria, präsentierte Anna von Hausswolff eine Auswahl von sechs verschachtelten Stücken aus ihren Alben THE MIRACULOUS und DEAD MAGIC, darunter das fast 20-minütige „Ugly And Vengeful“ an der Grenze von düsterem Bombast-Rock und schierer Kakophonie. Ein Album wie das Ding aus dem Sumpf, das sich immer wieder zu befreien versucht, kurzzeitig das Licht erblickt, doch verlässlich in die Tiefe gezogen wird.
Iggy Pop – Live at Montreux Jazz Festival 2023 (LP/CD)
Der Godfather of Punk und der ultimative Auftritt. Stimmlich in Topform, begrüßt Herr Pop die Menge mit „Hey motherfuckers, kiss my ass!“ Zum Jazz-Festival erscheint er nicht mit Stooges-artiger Rumpelrockbesetzung, sondern mit siebenköpfigem Ensemble samt Bläsern. Vermeintlich totgespielte Klassiker wie „The Passenger“ und „Lust For Life“ erstrahlen in neuer Bläserblüte, „Raw Power“ und „I Wanna Be Your Dog“ überschlagen sich vor Raserei. Auch „Nightclubbing“ trägt die jazzy-elegante Abendrobe ausgezeichnet. Iggy Pop klopft dabei nicht nur die Greatest Hits ab, sondern erinnert auch an Deep Cuts wie „The Endless Sea“ und „Mass Production“. Er ist und bleibt eine Naturgewalt.







