Paulas Popwoche: Die da oben
Paula Irmschler über Wasserwerfer, WM, Halo-Effekt und ein berührendes Lied von Apsilon.
Als ich neulich mal durch meine verschwitzten Äuglein aufs Handy schaute, traute ich ihnen kaum. Da tanzten Leute, echte Leute, vermutlich ganz normale Leute aus Fleisch und Blut, vor einem Wasserwerfer. Und dieser war auch noch AN. Und er warf wirklich Wasser. Und die fanden das gut. Denn es waren ja 40 Grad in Berlin.
Der Stern meldete: „Polizei setzt Wasserwerfer nicht gegen, sondern für Menschen ein“. Weil gegen wäre ja normal! Daran haben wir uns schon gewöhnt. Dass die Polizei nicht Menschen, sondern Eigentum und Macht schützt. Deswegen sollen wir dankbar sein, wenn sie mal was für Menschen tun. Das mit dem Davorherumtanzen war für mich Peak Pick-Me. Verüble den Leuten das Mitmachen nur nicht über alle Maßen, weil halt 40 Grad waren und sie deshalb vielleicht nicht ganz beieinander.
Aber was kommt als nächstes? Streifschüsse als „Luftzug“ interpretieren? Pfefferspray mit Cooling-Effekt? Taser-Einsätze als „immerhin kriegt man dann nix mehr mit“?
Bei den Leuten, die um den Werfer herumstanden, während die Sonne prasselte – im Hintergrund auch noch das Brandenburger Tor –, musste ich an den „Halo-Effekt“ denken, über den Claire Dederer in ihrem Buch „Monsters“ schreibt. Darin geht es um das Verhältnis, das wir als Publikum zu Künstler:innen haben, die Scheiße bauen. Ich versuche seit Wochen, es fertig zu lesen – schon seit meiner letzten Kolumne. (Ihr erinnert euch sicher alle, das war die, in der es um Blumengarten, Michael Jackson und den Einfluss ging, den wir als „Konsument:innen“ haben oder uns einreden.)
Dederer beschreibt den Halo-Effekt als Fanphänomen: Fans halten reiche, berühmte Stars für besonders gut, schlau, schön, fit, sexuell erfüllt und so weiter. Deswegen sprechen sie ihnen Autorität zu, nach der sie sich richten oder richten sollen. Stars erzeugen diesen Effekt nämlich manchmal ganz bewusst, durch Inszenierungen und später dann durch Geld, Macht, Aggression, Getue.
Das zerscheppert natürlich dann oder könnte zerscheppern, wenn sie böse sind, wenn sie Böses tun. Allen voran ist das natürlich immer wieder der Frauenhass, die Gewalt gegen Frauen, der Missbrauch. Die Leute mit Halo-Effekt sind meistens Männer, denn das sind die Genies. Dederer schreibt über Picasso, Polanski, Woody Allen, Bowie, Jackson and many more. Auf sie zielen die Projektionen, das magische Denken, die Unterordnung. Wie eben früher bei Königen oder sonstigen Herrschern.
Und Herrscher wollen nun mal, dass wir für sie in den Krieg ziehen. Passenderweise wurde der Halo-Effekt zuerst in einem militärischen Kontext beschrieben. Edward Lee Thorndike untersuchte während des Ersten Weltkriegs, wie Offiziere ihre Soldaten wahrnehmen. Und die schlossen oft von einer besonders fitten, normschönen Erscheinung auf positive Charaktereigenschaften.
Nun, wo die Bundeswehr einem überall auf die Pelle rückt, gelingt eine solche Identifikation noch besser. Überall Männlichkeit, überall Autorität, überall Fitness – in den sozialen Medien (Protein), im Fernsehen (Nuhrs Witze über Femizide), auf den Straßen (immer mehr Polizeipräsenz). Also vertraut man den Typen mit den Wasserwerfern, weil man sowieso muss. Geblendet von Sonne, Brandenburger Tor und Wasserspritzern sieht alles ungefähr richtig aus.
Manche können da aber gar nicht mitmachen – weil sie eingesperrt sind, weil sie Platzverbote haben, weil sie von der Polizei schikaniert werden. So zum Beispiel die „Klimakleber“, die Streikenden, die Protestierenden, die etwas gegen 40 Grad tun wollen und genau deshalb bisher den Wasserwerfer abbekamen.
Oder natürlich migrantisierte Menschen. So sind gerade wieder große Rassismuswochen, nachdem Deutschland aus dem angeblich so unpolitischen WM-Turnier (Klinsmann et al.) ausgeschieden ist. Dafür sollen mal wieder nichtweiße Spieler herhalten – plus nichtweiße Leute auf der Straße, die sich zufällig in der Nähe von Public Viewings aufgehalten oder sogar daran teilgenommen haben.
Das riecht ganz schön dolle nach zum Beispiel 2006, als hinter Fahnenmeeren der Deutsche wieder so richtig zu sich gefunden hat und herrschermäßig vermeintlich Schwächtere jagte. Genau wie im Märchen! Das Sommermärchen.
Apsilon hat vor kurzem ein sehr berührendes Lied darüber gemacht mit noch berührenderem Video.
Da lag der Halo-Effekt mal so richtig auf der deutschen Nationalmannschaft. Daneben: Gewalt gegen „Ausländer“, Angriffe auf Geflüchteteneinrichtungen, NSU. Beim Verharmlosen und Vertuschen ganz groß dabei: die Polizei. Wasserwerfen auf Demonstranten, Schattenwerfen auf „die anderen“.
Und nun: Deutschland raus, 84 Millionen Bundestrainer, parasoziale Beziehung zu den Spielern, Halo-Effekt wieder futsch, man selbst ist jetzt das Genie, könnte selbst, würde selbst, ist selbst deutscher als andere, stellt die Mannschaft aus den eigenen Kumpels zusammen, will mitreden, das sind doch Millionäre, Repräsentanten Deutschlands, die ziehen für uns in die Schlacht – äh, das Turnier! Aber es ist doch unpolitisch, muss es doch sein … Will. Trotzdem. Mitreden.
2006 gab’s immerhin noch mehr freche antideutsche Musik gegen den Wahnsinn, bisher hat mich nur diese gute Provokation erreicht:
Falls man noch einen Schritt weiter zurückmachen will, nämlich ins Jahr 1994, und sich aus diesem Grunde die ARD-Doku „Elf Helden – Ein Albtraum“ reinzieht, sieht man da, wie ganz viele Männer mit Halo-Effekt (berechtigterweise) ganz viel Mitleid mit den Spielern haben, die unter der schlimmen Hitze damals litten – über 40 Grad gab es auch damals in Dallas.
Wenn wir dieses Mitleid nur auf Alte, Kranke, Arme, Arbeiterinnen und eben für alle aufbringen könnten, dann würde es wahrscheinlich so richtig politisch! Die Wasserwerfer bräuchte dann erst recht kein Schwein mehr. Von mir aus könnte man sie dann den armen Fußballspielern gönnen, für die heißen Spielfelder, die die Welt bedeuten.
Und nun zum Schluss noch ein kleiner Kulturtipp, weil er so schön zum Thema „die da oben“ passt:
„Project Hail Mary“ (mit Ryan Gosling und Sandra Hüller) ist ein ganz toller Film über Halo-artiges Licht, über Neugier, übers Anderssein, übers Miteinander. Wholesome, inspirierend, eskapistisch, einfach schöööön (und jetzt streambar).







