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Zum Comeback von ABBA: Der Feind in meinem Ohr

von
ABBA live in New York 1979.

Hits, Hits, Hits

Auch wenn Stig Andersons unorthodoxe Labelpolitik erst dafür sorgte, dass die ganze Welt diese Lieder kennenlernen durfte, darf man glauben, dass es auf Dauer wohl fast schwieriger geworden wäre, zu verhindern, dass ABBA Hits hat. Musiktheoretiker wie auch die unzähligen ehrfürchtigen Künstlerkollegen, die heute ganz offen über ihre Abba-Verehrung sprechen, referieren sich auf Stichwort gerne den Mund darüber fusselig, welcher Reichtum den meisten Kompositionen ABBAS innewohnt. In einem Meisterwerk wie „Dancing Queen“ verstecken sich mehr Melodielinien als auf einer LP-Seite einer durchschnittlichen Madonna-Platte. Obendrein scheint jede dieser Linien die andere noch zu feiern.


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Und alles kulminiert schließlich in einem dieser einmaligen „Doppel-AA“-Gesang-Refrains, die gerade deshalb so hell strahlen, weil sie sich nach dorthin ausstrecken, wo Euphorie und Melancholie sich überschneiden. Die große Kunst des Pop steckt aber darin, diese Komplexität nicht in den Vordergrund zu stellen – anders als zum Beispiel im protzigen Progressive Rock, dessen Verfechter nur Hohn für die scheinbar seichten Schweden übrig hatten.

Du kannst zu „Dancing Queen“ auch einfach nur tanzen und jiven, „die Zeit deines Lebens“ genießen, ohne einen Schimmer von der Tiefe der Komposition oder der Produktion zu haben oder dir Gedanken darüber zu machen, warum der verhexte Groove dieses Stücks so an deinen Hosenbeinen zerrt. Fragt man Björn Ulvaeus nach dem Geheimnis von ABBA, sagt er: Es sei ihnen darum gegangen, die perfekte Melodie zu finden, die „Essenz“, wie er es nennt, vor der „Drachenhöhle“ zu sitzen und auszuharren, und die so entstandenen Ideen akribisch und wenn es sein muss in immer neuen Versuchen und Variationen auszuarbeiten.

Wer war wichtiger: die As oder die Bs?

„Wir waren zwanghaft perfektionistisch. Heute geben sich Musiker ja schon zufrieden, wenn sie einen guten Refrain haben. Wir plagten uns so lange, bis der Refrain und alle Strophen sehr gut waren.“ Kritiker, die ABBA unterstellen, sie wären zu analytisch und „berechnend“ vorgegangen, mögen sich in einer solchen Aussage bestätigt fühlen. Aber was glauben sie eigentlich, wie große Kunst entsteht? Wer unbedingt ein „Geheimnis“ braucht, fi ndet es bei Abba aber ja vielleicht in den Stimmen von Agnetha und Frida und ihrem betörenden Zweiklang. Michael B. Tretow beschrieb dieses Zusammenspiel einmal in Tontechniker-Worten, die dem Ereignis wohl gar nicht gerecht werden können:

„Die Stimmen passten einfach perfekt zusammen. Agnetha war sehr punchy und Frida hatte diese Hi-Fi-Qualität – hell und gleichzeitig weich und bassig.“

Björn und Benny wussten auf jeden Fall sehr genau, welche Kräfte sich hier bündeln ließen. Sie trieben die Mädchen immer weiter die Tonleitern hinauf, ließen sie Chöre für jede Strophe, jede Bridge und jeden Refrain singen und dann gleich noch ein paar Harmonien dazu improvisieren, bis sie all diese Spuren so zusammenschneiden konnten, dass die Pracht nur noch so knackte und krachte. Soviel auch zur Frage, wer wichtiger war bei ABBA: die As oder die Bs?

Die simple Antwort kann nur lauten: ohne die As und ohne die Bs kein ABBA Die Scheidungen der beiden AB-Ehen mit all ihren vorausgegangenen und folgenden atmosphärischen Störungen innerhalb der Band, der Druck, den der weltweite Erfolg und die Hatz mit sich brachten, diesen immer weiter sichern und ausbauen zu müssen, und letztlich die Gewissheit, dass dem Werk nichts mehr Essenzielles, keine „Essenzen“ mehr hinzufügen sind, bringt 1982 das Ende von ABBA.

Das Ende einer schönen Utopie

Es wird nie offiziell verkündet, aber es gibt auch ohne Erklärung kein Zurück mehr. Im Jahr 2000 bietet ein amerikanisch-britisches Konsortium ABBA eine Milliarde Dollar für eine Reunion-Tour mit 100 Konzerten um die ganze Welt. Die vier bekommen viele Angebote wie diese, aber über ein so hoch dotiertes müssen sie doch etwas länger nachdenken. Dennoch sagt Björn Ulvaeus ab.

Er begründet dies so: „Popmusik ist für die Jugend, und diese Phase haben wir alle schon längst hinter uns.“ Man würde sichwünschen, Absagen wie diese viel öfter zu lesen. Vielleicht hätte so ein Statement ja sogar den Progg-Aktivisten aus den Siebzigern gefallen. Heute klingt es tatsächlich fast schon nach einer schönen Utopie.

 

Waring Abbott Getty Images


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