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ME-Helden

Zum Comeback von ABBA: Der Feind in meinem Ohr

ABBA

Das Duo produziert Rock, Pop, Schlager, Kinderlieder, Big-Band-Jazz, religiöse Musik und lernt dabei sehr viel. Anni-Frid (später Frida) Lyngstads Karriere in den Sechzigern verläuft weniger erfolgreich. Sie singt mit Bands und Orchestern, ist eher im Jazz- und Evergreens-Fach zu Hause, wo sie sich eine bald über jeden Zweifel erhabene Chanson-Stimme antrainiert (im Gegensatz zu Agnetha übrigens, die live nicht immer alle Töne trifft und sich im Studio mehr abmühen muss). „Im Nachhinein haben Fridas Aufnahmen aus den späten Sechzigern die Jahre besser überstanden als viele der plumpen und langweiligen Balladen, die damals zu Hits wurden“, schreibt Carl Magnus Palm sehr richtig in seiner bibeldicken ABBA-Biografie.

Agnetha + Benny + Björn + Anni-Frid

Nur hat Anni-Frid eben ziemlich lang keinen Hit und steht kurz davor, ihren geliebten Job hinzuschmeißen. Als Björn und Agnetha und Benny und Anni-Frid schließlich paarweise zusammenfinden (Letztere lernen sich 1968 in einem Restaurant in Malmö kennen), haben zwei eng befreundete Kollegen nun auch zwei attraktive Freundinnen. Und alle vier machen Musik. Doch eine Band haben sie noch nicht „Wir wohnten nahe beieinander, saßen fast jeden Tag zusammen und machten gemeinsam Urlaub“, erzählt Björn 2005 in einem „SZ“-Interview.

„Aber meinen Sie, es wäre uns eingefallen, eine Band zu gründen?“

Kooperation

Benny und Björn nehmen ein gemeinsames Album auf, sie produzieren Songs ihrer Freundinnen, lernen ihre Qualitäten als Background-Sängerinnen schätzen. Doch erst bei einer gemeinsamen Zypern-Reise im Jahr 1970 fällt angeblich der Groschen. Sie haben Gitarren dabei. Musizieren und singen unter der Sonne des Mittelmeers. „Hui, das klingt aber gut! … Und ehrlich gesagt singen die Mädels auch viel besser als wir beide, vielleicht sollten wir ihnen das ganz überlassen.“

Zurück im heimischen Königreich beschließen sie, als Quartett auf Tour zu gehen. Allerdings haben es Livecombos zu dieser Zeit schwer, weil sich die jungen Leute inzwischen lieber in den neu eröffneten Diskotheken tummeln. Die schwedische Bandszene, in der die meisten Musiker ohnehin weit davon entfernt sind, sich als innovative Künstler nach dem großen Vorbild der Beatles zu begreifen, sondern einfach für die Abendunterhaltung zuständig sind, muss sich umorientieren – ein breiteres Publikum gewinnen, in Varietés und Hotels auftreten, noch mehr Coverversionen spielen, Abwechslung bieten.

Und genau das tun Agnetha, Frida, Benny und Björn in ihrer „Festfolk“-Show. Sie treten mit einer Tanzband auf, geben kabarettistische Einlagen, animieren in Mitsingspielchen, schneiden eigene und fremde Stücke kurzweilig zusammen. Sparen Sie sich die Suche, von diesen Auftritten finden sich keine YouTube-Videos. Ist wohl besser so. Vom ersten TV-Auftritt der Band gibt es jedoch eines, da heißen sie noch gar nicht ABBA. In einer WildWest-Kulisse stehen sie da am Tresen aufgereiht, als Saloon-Damen und Cowboys verkleidet, zünftig den Broadway-Standard „California Here I Come“ zum Besten gebend. Peter Alexander, übernehmen Sie!

ABBA machen aus Schlager Pop

Der Mainstream in Schweden ist zu dieser Zeit immer noch – wie auch in Deutschland – in Schlagerhand. Und Abba mittendrin. Aus dieser Tradition stammt die Gruppe und wird ihr auch nie ganz entfliehen können. Da sie sich an allen erdenklichen Stilen und Genres der Unterhaltungsmusik zu schaffen macht, dabei fleißig jedes Klischee bedient, noch den albernsten Fummel drüberzieht, um Aufmerksamkeit zu erheischen, bleiben ABBA auf ewig eine Revueband. Und da haben wir noch kein Wort verloren über die mit Zwangsreimen, Internationalismen und manch Törichtem gespickten Englisch-für-Anfänger-Texte der Band – über kleine Ballerinas, Tiger, Cowboys und vor allem jede Menge Herzschmerz.

Im besten Fall erzählen sie eine nette, kleine, nichtige Geschichte. Über die Menschen hinter ABBA erzählen sie nichts. (Das wird sich im Herbst ihrer Karriere allerdings ändern, wenn ihre eigenen zerrütteten Beziehungen Material für ernsthaftere Lyrics bieten.) ABBA sind kein Künstler-Quartett, das in seinem Inneren schürft oder sich an der Welt reibt, auf dass die Funken sprühen. ABBA sind nicht„echt“ im Sinne der romantischen Vorstellung, der Popmusikant habe sich sein Werk von der Seele zu spielen und zu singen.

ABBA spielen nicht einmal gerne live, obwohl sie ihre opulente Musik auf der Bühne durchaus umzusetzen wissen. Ihre Konzerte werden von Band und Management eher als Promotion-Notwendigkeit angesehen. Sie möchten eigentlich lieber in Ruhe an ihren Songs arbeiten. Was genau macht diese vier Skandinavier dann aber zu „Helden“? Ganz einfach: Alles, was sich gegen Abba vorbringen lässt, wird von ihrer Musik um ein Vielfaches überragt. Sie setzt sich gegen alle Widerstände durch.

Abgekoppelt von irgendeiner relevanten Szene, komponiert mit großem Enthusiasmus auf einer winzigen Insel in der Ostsee, arrangiert und eingespielt mit großartigen Studiomusikern, deren Namen in London oder Los Angeles keiner je gehört hat, produziert mit dem Ziel, den edelsten Veröffentlichungen der Bee Gees über Fleetwood Mac bis hin zu Pink Floyd das Wasser zu reichen, stehen Songtitel wie „Dancing Queen“, „SOS“ und „The Name Of The Game“ auch über 30 Jahre später noch mit für die beste Popmusik, die je geschaffen wurde.

RB Redferns

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