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Zum Comeback von ABBA: Der Feind in meinem Ohr

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Aus dem Pop-Entwicklungsland Schweden kommt Anfang der Siebziger eine Band, die kulturell aufgeklärte Menschen unmöglich ernst nehmen dürfen. Aber bald wird klar: Ihre Songs wird die Welt nie wieder vergessen können – und auch nicht wollen. Die schwedische Gruppe ABBA existierte gerade einmal zehn Jahre – von 1972 bis 1982. Doch diese Zeit genügte ihr, um als einer der erfolgreichsten Popacts in die Geschichte einzugehen.

Aber wofür steht dieses Wort eigentlich: „Erfolg“? Abba haben irrsinnig viele Platten verkauft und tun dies noch heute. Ihre Musik läuft jeden Tag in so ziemlich jedem Winkel der Erde im Radio. Mit „Mamma Mia!“ gibt es seit 1999 ein sogenanntes „Jukebox“-Musical mit ihren größten Hits, das alle paar Monate in einem neuen Theater Premiere feiert und Konvois von Reisebussen anlockt. Und in jeder neuen Generation verknallen sich junge Menschen hoffnungslos in ihre Musik. Erfolg bedeutet also Präsenz.


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Im Rückblick auf die Siebziger dürfen wir im Fall von ABBA sogar von Omnipräsenz sprechen. Denn setzt man sich unter Dauerbeschuss der 39 Hits aus ihren beiden Compilations „Gold – Greatest Hits“ (1992) und „More Abba Gold – More Abba Hits“ (1993), entsteht der Eindruck, ihnen gehörte dieses Jahrzehnt ganz allein. (Wer möchte, spüle sich danach die Ohren mit Präparaten von den Sex Pistols, Neu! oder Led Zeppelin, um diesen Eindruck zu revidieren. Das hilft. Vorläufig.)

ABBA und der Pop für Massen

Auch wenn der Massengeschmack einen schlechten Ruf hat, fällt auf, dass unter den Künstlern und Bands, die zu den weltweit erfolgreichsten Acts zählen (Beatles, Elvis Presley und Michael Jackson stehen ganz vorn in den Listen) die meisten durchaus ihre künstlerischen Qualitäten besitzen. Das gilt unbedingt auch für ABBA. Nicht erst im „anything goes“ der von ungezählten Retrowellen durchgeschaukelten Popmusik der vergangenen Jahre hat sich die breite Erkenntnis durchgesetzt, dass dieses Quartett Popware von herausragender Qualität produziert hat.

Spätestens seit dem ersten großen, wenn auch noch mit einem ironischen Unterton versehenen ABBA-Revival Anfang der 90er-Jahre wissen wir: Sie schufen Ohrwürmer für die Ewigkeit, deren besondere Kunstfertigkeit und melodiöse Strahlkraft die Jahre überdauern, fast wie Brian Wilsons „teenage symphonies to god“, Phil Spectors prächtige Gerölllawinen und die eleganten Evergreens Burt Bacharachs. (Was übrigens genau das war, was sich die beiden Emporkömmlinge Björn und Benny in den Kopf gesetzt hatten, als sie von 1968 an Ernst machten mit ihrem gemeinschaftlichen Kompositionshandwerk.)

 

 ALLES WAR RIFF UND KLANG UND DIESE GLOCKENHELLEN STIMMEN. „RING RING – WHY DON’T YOU GIVE ME A CALL?“ GANZ KLAR: DER TYP MUSSTE TAUB SEIN!

Doch vergessen wir nicht: Als ABBA noch lebten und wirkten, waren sie der Feind. Der Feind des Rock, ob breitbeinig, akademisch oder trashig. Der Feind des Anspruchs und der Aufgeklärtheit. Der Feind der Aufbegehrenden, derer mit den umstürzlerischen Gesten wie derer, die tatsächlich eine Gegenkultur in der Popkultur zu etablieren versuchten. Und ABBA waren ein ziemlich mächtiger Feind.



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