Agitation im Waschsalon

Tom Gabel, Sänger von Against Me!, schreibt engagierte Polit-Texte – das neue Album ist auf Airplay getrimmt. Ein Widerspruch? Nicht wirklich!

Er verkörpert Idealismus: Tom Gabel, 29-jähriger Sänger, Gitarrist und Sprecher des Quartetts aus Gainesville, Florida, ist tätowiertes Gesamtkunstwerk. Vegetarier aus Überzeugung, linker Polit-Aktivist und ehemaliges Skate- und Punkrockkid. Damals hat er sein eigenes Fanzine herausgebracht („mit ganz schlimmen Rechtschreibfehlern“), sich auf seinen ersten Tourneen fast ausschließlich von Zwiebelsandwiches ernährt („grausam“) und in einem Waschsalon und einer Scheune irgendwo in der deutschen Provinz gespielt.

„Es war einer unserer ersten Europa-Gigs überhaupt – auf einem Bauernhof zwischen Kühen und Schweinen. Wir haben noch tagelang nach Stall gestunken. Aber damals war alles noch ein Riesenspaß.“ Dann wechselten sie 2007, nach drei Independent-Alben, „zur Industrie“, veröffentlichten ein Power-Package namens NEW WAVE, verkauften eine stattliche Anzahl von CDs und kamen zwei Jahre lang kaum von der Bühne – und davon ziemlich schlecht drauf. „Es war einfach zu viel“, sagtTom. „Als wir nach Hause kamen, waren wir tot. Und kurz davor, uns aufzulösen.“

Doch nur Schlagzeuger Warren Oaks stieg tatsächlich aus. Der Rest der Band raufte sich zusammen, holte Hot-Water-Music-Drummer George Rebelo dazu und ließ sich vom Plattenlabel dazu überreden, mit Butch Vig (Nirvana, Smashing Pumpkins) in dessen Luxus-Studio in L.A. am neuen Album zu arbeiten. Und Vig schaffte mit Against Me! tatsächlich, was große Labels an der Arbeit mächtiger Produzenten schätzen: Er schliff die Songs dieser jungen Wilden glatt. Einige der Stücke klingen fast nach Bon Jovi und Bryan Adams und sind schmerzlich auf Airplay getrimmt. Das steht im krassen Gegensatz zu Toms engagierten Polit-Texten, die nicht darauf ausgelegt sind, es dem Hörer leicht zu machen. Er singt über fanatische Abreibungsgegner und über Obamas leere Versprechungen zu Guantánamo, Kyoto und Irak. „Er hat nur einen winzigen Teil der Sachen umgesetzt, die er im Vorfeld seiner Wahl zur absoluten Priorität erklärt hat. Was entweder bedeutet, dass wirklich alle Politiker gleich sind, oder dass er gar nicht die Möglichkeit hat, sich auf rechtsstaatlichem Weg durchzusetzen.“ Dass einer wie Gabel nun mehr Airplay bekommen könnte, ist doch zumindest inhaltlich interessant.

Albumkritik S. 74

www.againstme.net

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