„Alarmstufe Rot“: Statements von Campino & Roland Kaiser, Auftritt von Arnim Teutoburg-Weiß feat. Rod González

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Die Musik- und Veranstaltungsbranche rief am 28. Oktober zum zweiten Mal zur „Alarmstufe Rot“-Großdemonstration in Berlin. Von 12 bis 18 Uhr zogen Fahrzeug- und Fußmarschkolonnen durch die Stadt, um auf die prekäre Lage der Veranstaltungsbranche in der Covid-19-Pandemie aufmerksam zu machen. Mit dabei waren auch zahlreiche Prominente – darunter Die-Toten-Hosen-Sänger Campino, Beatsteaks-Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß, die Schlagersänger Bernhard Brink und Roland Kaiser sowie Komiker und Schauspieler Dieter Hallervorden. Auf dem offiziellen Flyer der Kundgebung waren neben dem dringlichen Motto„Fünf nach Zwölf“ auch die Bedingungen für die Großveranstaltung zu lesen. Die Maskenpflicht wurde ebenso betont wie das Abstand halten und die Gewaltlosigkeit – die Teilnehmer*innen sollten, so der Aufruf, außerdem rote Oberteile tragen.

Statement von Campino

Der Tenor der Veranstaltung: Die Veranstaltungsbranche braucht dringend und umgehend Hilfe – und ein Überdenken der Maßnahmen seitens der Politik. Das unterstrich Toten-Hosen-Sänger Campino mit einem ausführlichen Statement bei der Schlusskundgebung.. „Ich stehe hier stellvertretend für viele Musiker, Künstler, Leute, die Solidarität bekunden wollen in dieser Situation. Denen beiseite zu stehen, die uns in normalen Zeiten Tag für Tag ermöglichen, auf eine Bühne zu gehen und unseren Beruf und unsere Kunst auszuüben“, erklärte der 58-Jährige. „Es geht um Bühnenbauer, LKW-Fahrer, Licht- und Tontechniker, Security-Unternehmen. Handwerker, Cateringfirmen, Theater, Kinos, Gastronomie und Hotels. Es geht um über eine Million Arbeitsplätze und Existenzen, die seit März wie in einem Berufsverbot leben müssen oder aufgrund der Bestimmungen ohne jeden Gewinn wirtschaften.“

Campino weiter: „Wie fühlt sich das an, seit März quasi nicht mehr arbeiten zu dürfen und keinen Cent ist seitdem mehr ins Portemonnaie gefallen? Da helfen warme Worte wenig. Die Veranstaltungsbranche, und alles was da dran hängt ist, normalerweise ein florierender und höchst rentabler Wirtschaftszweig. Selbstständige, Einzelunternehmer bis hin zu mittelständischen Betrieben, die allesamt nicht subventioniert werden, sich selbst versorgen können, dem Staat normalerweise nicht auf der Tasche hängen. Im Gegenteil. Jahr für Jahr haben diese Leute Millionen von Steuern bezahlt – aus Überzeugung und im Vertrauen darauf, dass das System sinnvoll und gerecht ist und ihnen im Gegenzug zur Seite springt und hilft, wenn Sie unverschuldet in Not geraten.“

Dann appellierte er direkt an die Politik: „Herr Scholz, Herr Altmaier, verspielen Sie dieses Vertrauen nicht! Überbrückungsgelder müssen her und zwar schnell. Ein Mindestlohn für Solo-Selbstständige und Unternehmen. Jetzt und rückwirkend – und solange, wie man diesen Menschen verbietet ihrer Arbeit nachzugehen.“ Es gehe nicht darum, Branchen gegeneinander auszuspielen – aber es gehe auch nicht, „dass über eine Million Menschen vergessen werden, weil sie keine Lobby-Arbeit betreiben können oder über andere Wege gute Beziehungen zur Regierung haben“, erklärte der Musiker, „Kultur, Unterhaltung, Volksfeste: All das wird wieder Geld in Ihre Kassen spülen, wenn Corona hinter uns liegt. Seien Sie jetzt nicht so dumm, ausgerechnet diesen Menschen für immer den Saft abzudrehen!“

Beatsteaks feat. Die Ärzte

Für ein musikalisches Highlight auf der Kundgebung sorgten Arnim Teutoburg-Weiß und Die-Ärzte-Bassist Rod González, die gemeinsam (beide mit Gitarre) den Beatsteaks-Song „Meantime“ spielten. „Es geht um unsere Crews, es geht um die Leute, die es überhaupt möglich machen, dass wir arbeiten“, so Teutoburg-Weiß während des Songs. „Es geht um diese Bühnen, es geht um die Clubs, es geht um die Caterer. Es geht um die Leute, ohne die ich gar nicht will. Es geht um die Familie und wir beide wollten nur sagen, dass wir an eurer Seite stehen – wie ihr an unserer Seite steht. Vielen Dank!“

Hallervorden singt Corona-Song, Bernhard Brink und Roland Kaiser sprechen

Nachdem Politiker*innen wie Claudia Roth und Robert Habeck auf der Bühne ihre Solidarität mit der Branche bekundet hatten, sorgte Comedy-Urgestein Dieter Hallervorden via Videoschaltung mit seinem Corona-Song für eine Mischung aus Sozialkritik und Schunkelstimmung. Neben Bernhard Brink trat mit Roland Kaiser auch ein weiterer Schlagerstar auf. Kaiser erinnerte sich an sein Konzert auf der Berliner Waldbühne im September 2o020, das ihn hoffen ließ, dass es in der Branche wieder zu einer Normalisierung kommen würde. „Dass aber nichts normal ist, dass meine Crew und meine gesamten Bandmitglieder, mein gesamtes Team im Anschluss alles zusammengepackt haben und nach Hause gefahren sind und wieder nicht gewusst haben, wie sie ihre Familien ernähren können: Das hat man nicht gesehen.“ Die Demonstration solle dabei helfen, dass die Menschen vor und hinter der Bühne ein Gesicht bekommen – es gelte, nun Tacheles zu reden.

Zu den weiteren Rednern der Kundgebung gehörten unter anderem die FDP-Politiker Christian Lindner und Wolfgang Kubicki, der Kabarettist Florian Schneider sowie Mitarbeiter*innen der Veranstaltungsbranche. Wieviele Menschen an der Demonstration teilnahmen ist bislang nicht bekannt.

+++ Dieser Artikel erschien zuerst bei rollingstone.de +++


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