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ME-Titelgeschichte 11/2020

Glossar: Was Ihr zu unserem Interview mit Die Ärzte wissen müsst

Zum Anlass des neues Albums HELL haben die ME-Redakteure Oliver Götz und Stephan Rehm Rozanes der Band Die Ärzte einen Besuch in ihrem Headquarter neben der Columbiahalle in Berlin abgestattet.

Acht lange Jahre sind vergangen, seit die kommerziell erfolgreichste deutsche Punkrockband ihr jüngstes Album AUCH veröffentlicht hat. Am 23. Oktober erscheint nun (endlich!) der Nachfolger HELL, das im großen ME-Interview ausführlich besprochen wird. Das Gespräch mit Farin Urlaub, Bela B und Rod González über 33 Jahre Bandgeschichte, die neue Platte und was Frank Zander und Frank Zappa damit zu tun haben, bedarf einiger Erklärung – und kann in diesem extra angefertigten Glossar nachgelesen werden.

1. Um wieder richtig in die Gänge zu kommen, spielten sich Die Ärzte im Mai 2019 auf ihrer „Miles&More“-Tour in 15 Tagen in zehn Clubs in zehn Städten in zehn verschiedenen europäischen Ländern warm: Warschau, Prag, Zagreb, Ljubljana, Mailand, Strasbourg, Luxemburg, Amsterdam, London und Brüssel. Il

2. Die nur von 1980 bis 1982 bestehende Punkgruppe Soilent Grün war die erste Besetzung, in der sich Farin und Bela musikalisch ausprobierten. Der Bandname stammte aus dem Film „… Jahr 2022 … die überleben wollen“ (Originaltitel: „Soylent Green“), der von einer Zukunft handelt, in der Menschen im Mangel aus Ressourcen mit einem Nahrungsmittel versorgt werden, das sich schließlich als Menschenfleisch-Produkt herausstellt. Dazu passte auch der Titel der einzigen Veröffentlichung der Band: „Die Fleisch EP“. Ihr für die neue DÄ-Single „Morgens pauken“ jetzt wiederverwertetes Covermotiv zeigt den schlafenden Vater des Regisseurs und Kritikers Jörg Buttgereit und stammt aus dessen 81er-Kurzfilm „Mein Papi“. Buttgereit ist ein alter Berufsschul-Buddy von Bela B.

3. Die Single „Westerland“ schaffte es 1988 zwar nur auf Platz 34 der BRD-Charts, wurde aber bald zu einem der ganz großen Ärzte-Klassiker. Wie man 30 Jahre später auf der in der SEITENHIRSCH-Box veröffentlichten Demo-Fassung feststellen durfte, hatte Farin Urlaub allerdings ursprünglich die weitaus weniger mondäne Insel Helgoland besungen.

4. Der neue DÄ-Song „Fexxo Cigol“ beschäftigt sich auf ironische, in seiner Tonalität aber auch hinterhältig milden Weise mit Verschwörungsmythen und Menschen, die solchen anheimfallen.

5. Frank Zappa war neben den Beatles ein wichtiger musikalischer Einfluss, den Farin Urlaub aus dem Plattenschrank seiner Mutter mitgenommen hat. Von der besonderen Zappa-Vorliebe der Ärzte erfuhren ihre Fans schon 1994, als die Band auf der B-Seite der Maxisingle von „Friedenspanzer“ ein Medley aus dessen Songs „Stick It Out“ und „What’s The Ugliest Part Of Your Body“ packte.

6. „Punker Maria“ von Didi Hallervorden war eine Persiflage des Roland-Kaiser-Hits „Santa Maria“, welcher wiederum ein Cover des gleichnamigen Originals des italienischen Duos Oliver Onions war – alle drei Versionen fanden 1980 ihren Weg in die Charts. Hallervordens Text („Ich hab meine Nadel verloren, nur ein leeres Loch in den Ohren …“) machte sich ebenso wie sein Outfit in TV-Auftritten auf infantile Weise über Punk(s) lustig. Irritierenderweise schien Hallervorden durch seinen betont näselnden und „tuntigen“ Ausdruck obendrein auch noch dümmste Homosexuellen-Klischees ausschlachten zu wollen (vermutlich weil das Make-up, das manche Punks trugen, in den Augen des Bürgertums gar keinen anderen Rückschluss zuließ: die mussten schwul sein). Und das, obwohl sein Text ja von der Angst handelte, seine Punkfreundin Maria zu verlieren.

7. Die Lieder des Berliner Sängers, Musikers und Moderators Frank Zander stellten in der an Albernheiten bestimmt nicht armen deutschen TV-Landschaft dennoch eine eigene Qualität dar: In „Ich trink auf dein Wohl, Marie“ sang (und trank) er sich in Rage über seine Ex, „Oh, Susi (der zensierte Song)“ hantierte stumpf – aber eben mit funny Geräuschen überblendet – mit dem Tabu des Sex mit Minderjährigen. (Ein Thema, zu dem es gerade in den 70ern noch einige andere Songs gab.) In den 80ern schaffte Zander es mit Novelty-Covers von Hits wie Trios „Da da da …“, des „Ententanz“ und von Falcos „Jeannie“ noch einmal erstaunlich weit nach oben in die Charts.

8. Bevor der 2017 verstorbene Frank Dostal in den Aufsichtsrat der GEMA aufstieg, wurde er Ende der 60er/Anfang der 70er als Sänger der Bands Rattles und Wonderland bekannt. In der zweiten Hälfte der 70er machte er sich als Texter für Interpreten wie Roberto Blanco, Baccara und Nana Mouskouri einen Namen in der Branche.

9. „Alle auf Brille“ ist der schon an früherer Stelle im Interview erwähnte Oi!-Punk-Song beziehungsweise eine Persiflage darauf, bei der sich vor allem die Gesangsperformance von Bela an einem Stil orientiert, den man im besten Sinne street nennen darf.

10. Der Hamburger Autor („Der goldene Handschuh“), Musiker, Satiriker und Schauspieler Heinz Strunk hatte auch schon auf dem DÄ-Album DIE BESTIE IN MENSCHENGESTALT von 1993 einen Kurzauftritt, der seinen Namen zum ersten Mal einem größeren Publikum bekannt machte. Bela B stellte Strunk außerdem Rocko Schamoni vor, was letztlich zur Gründung des legendären Humor-Trios Studio Braun führte.

11. Der am 1. Februar 2020 verstorbene Andy Gill war als Leadgitarrist der Postpunkband Gang Of Four nicht nur ein einflussreicher Musiker, sondern produzierte auch Alben von Killing Joke, Therapy?, den Futureheads und eben auch das (leider nicht so gut gelungene) Debüt der Red Hot Chili Peppers.


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