Als die Helden fliegen lernten


Eine Historie zu 75 Jahren Superhelden-Filmen.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

Teure Szenen, die einfach mehrfach gezeigt wurden

Der Erfolg der neuen Helden blieb nicht aus. Denn ebenso wie die neue Generation der Superhelden als menschlichere und glaubwürdigere Charaktere für eine neue Form des Realismus sorgten, kam es zu einem weiteren Austausch zwischen der Lebenswirklichkeit der Leser und den fiktiven Universen der Figuren. Der Vietnamkrieg, die Studentenunruhen und die wachsenden sozialen Probleme der amerikanischen Innenstädte beschäftigten auch Spider-Man und die Fantastic Four. So wie das Hollywood-Kino der 60er-Jahre durch eine neue Generation von Regisseuren wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese und Terrence Malick revolutioniert wurde, ließen auch Autoren der neuen Superhelden-Generation ihre persönlichen politischen Ansichten in die Geschichten einfließen. Captain America musste sich mit einer verschwörerischen Organisation auseinandersetzen, deren Methoden denen der Nixon-Regierung während des Watergate- Skandals glichen.

Christopher Reeve during Presidential Premiere of "Superman" in Washington, D.C. - December 10, 1978 at JFK Center for the Performing Arts, Eisenhower Theater in Washington, D.C., United States. (Photo by Ron Galella/WireImage)
Christopher Reeve

Zurück ins Kino schaffte es diese neue Generation von Helden dennoch vorerst nicht. Zwar versuchte man bei Marvel den Erfolg der neuen Titel ins Fernsehen zu übertragen und brachte die Animationsserie „The Marvel Superheroes“ auf den Weg. Weiterhin verbannt in die etablierten Programmnischen für Kinder, blieb das Zielpublikum weiterhin ein sehr junges. Um die Kräfte und Fähigkeiten der Helden glaubhaft darzustellen, waren teure Spezieleffekte nötig, wie im Fall der 1977er-Adaption „Spider-Man“ erkennbar: Derart aufwendig waren die Sequenzen, in denen sich der Spinnenmann durch die Hochhausschluchten von New York schwingt, dass sie im Film mehrfach verwendet wurden. Auch die unfreiwillig komische Verfilmung der „Captain America“-Abenteuer (1979) zeigte ähnliche Mängel: Begrenztes Budget und die aufgrund von Spezialeffekt-Beschränkungen von der Vorlage abweichende Handlung enttäuschten selbst die glühendsten Fans.

Die Wende für den Superhelden-Film war jedoch bereits nahe. 1978 erschuf DC mit der filmischen Umsetzung ihres zugkräftigsten Helden einen Kassenhit, der mit einem Schlag das Genre begründete: Regisseur Richard Donner ließ Superman durch die Lüfte fliegen. Die Kombination aus einer hochkarätigen Besetzung mit Marlon Brando und Gene Hackman, den oscargekrönten Drehbuchautoren Mario Puzo („Der Pate“), David Newman („Bonnie & Clyde“) und Robert Benton („Kramer vs. Kramer“) sowie aufwändigen Spezialeffekten aus Miniaturmodellen, Blue Screen und Wire-Konstruktionen überzeugten auch ein älteres Publikum. Dank Donners Ansatz, der einen augenzwinkernd ironischen Umgang mit dem fantastischen Stoff explizit vermied und die Geschichte des Sohns Kryptons mit christlichen Motiven und Analogien in den Bereich des Mythischen schob, wurde „Superman“ zum Publikums- und Kritikerliebling. Eine nicht unerhebliche Rolle spielte dabei, dass Donners Film zum 40. Jubiläum der Erstveröffentlichung jene nostalgische Sehnsucht der Leserschaft befriedigte, die mit den Comicheften, den Serials und der Serie aufgewachsen war. Gleichzeitig schien der klare Konflikt zwischen Gut und Böse in den Nachwehen von Vietnam und Watergate einen Nerv bei den Zuschauern zu treffen.

„Watchmen“ und „The Dark Knight Returns“ machten das Genre erwachsen

Die Auswirkungen des Erfolges waren sofort zu spüren: Die Komödie „Hero At Large“ mit John Ritter als Captain Avenger und der Kassenflop „Condorman“ wurden vergleichsweise preiswert produziert, altehrwürdige Comic- und Pulp-Helden wie Flash Gordon und Conan bekamen ihre eigenen Filme. Der Hunger des Publikums nach Fantasy- und Science-Fiction-Stoffen, nach ungesehenen Welten und der Magie des Spektakels schien unstillbar. Die Studios gehorchten. Der Erfolg der Superhelden-Filme schien jedoch begrenzt: Jede neue Fortsetzung der Superman-Saga – drei weitere Filme sollten bis 1987 folgen – entfernte sich immer weiter von den Standards, die Donners Film gesetzt hatte. Absurde Handlungen, mangelnde Originalität und schwache Spezialeffekte sorgten dafür, dass „Superman IV: The Quest For Peace“ der vorerst letzte Flug des rot-blauen Helden war. Bereits der von Publikum und Kritik geschmähte Spin-Off „Supergirl“ im Jahr 1984 hatte gezeigt, dass das Genre weit davon entfernt war, erwachsen zu werden.

Stan Lee
Stan Lee

Während die Superhelden-Filme mit lächerlichen Kostümen, kruden Geschichten und billigen Produktionen in Richtung B-Movie abglitten und das Publikumsinteresse verloren, gelang es den Comicheften, sich erzählerisch weiterzuentwickeln. Die Superheldencomics von Marvel und DC mussten in den 80er-Jahren mit sinkenden Verkaufszahlen kämpfen: Auch düsterere Handlungselemente, Antihelden wie Wolverine und Punisher, ein höherer Gewaltfaktor oder groß beworbene Spezialausgaben konnten die schwindende Leserschaft nicht verhindern. Die Comics schienen zwar weiter gereift, erwachsen waren sie dennoch nicht. Bis Mitte der Achtziger – ähnlich wie zwei Jahrzehnte zuvor – eine neue Generation von Autoren und Zeichnern die Möglichkeiten des Genres ausloteten. Frank Miller schickte 1986 im grimmig dystopischen und bahnbrechenden „The Dark Knight Returns“ einen gealterten Batman auf Konfrontationskurs mit einem faschistoiden Superman; Alan Moores „Watchmen“ aus dem selben Jahr dekonstruiert und parodiert das Genre in bis dahin nicht gesehener Form. Als Graphic Novels vermarktet, richteten sich die Superhelden-Comics nun an ein erwachsenes Publikum, das in den düsteren, als gesellschaftlicher Kommentar auf die Reagan-Ära zu verstehenden Storys seine Kindheitshelden mit ungewohnt vielschichtigen und komplexen moralischen Problemen konfrontiert sah. Die Comics waren endgültig im Mainstream und in den Bestsellerlisten angekommen.

>>> Weiterlesen auf Seite 4 <<<

Fox