Kritik

„Geheime Anfänge“ auf Netflix: Wie der „Tatort“-Remix eines Fincher-Films

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Cosplay, Crime, Nerdkultur – was kann bei diesem Milieu-Mix schon schiefgehen? Eigentlich ziemlich viel, wenn man etwa „The Big Bang Theory“ zum Vergleich heranzieht – auch, wenn die Serie bereits im vergangenen Jahr zu einem Ende gekommen ist. Die Sitcom hat zwölf Staffeln lang nicht mit, sondern über Nerds gelacht und mit dieser zweifelhaften Botschaft praktisch weltweiten Kultstatus erlangt.

In diese Fußstapfen zu treten, kann sich „Geheime Anfänge“ jedoch abschminken. Dafür fehlt es dem spanischen Netflix-Film nicht nur an charismatischer Starpower, sondern vor allem an wirklich originellen Ideen. Über „Geheime Anfänge“ zu schreiben, ist nicht sonderlich leicht. Denn der Film ist weder ausgesprochen gut, noch leistet er sich richtig grobe Schnitzer.

Solider Remix statt plumpe Kopie

Ohne Probleme lässt sich jedoch der Plot zusammenfassen: Der Inspektor David (Javier Rey) ist ein Kriminologe der „alten Schule“. Zusammen mit seinem neuen Kollegen, dem Comicfan Jorge Elías (Brays Efe), wird er auf den ungewöhnlichsten und erschreckendsten Fall seiner Laufbahn angesetzt. Ein unbekannter Serienkiller versucht scheinbar, einen realen Superhelden zu erschaffen. Er tut dies, indem er auf bestialische Weise symbolische Ritualmorde begeht, die Storylines der größten Comic-Helden gleichen.

Das kommt Euch jetzt bekannt vor? Glückwunsch, dann kennt Ihr wahrscheinlich den 25 Jahre alten Film „Sieben“ von David Fincher. In dessen Inhaltsangabe mussten wir nur Namen und wenige Worte tauschen, um die gesamte kreative Eigenleistung von „Geheime Anfänge“ abzubilden. Doch dieser Text soll kein brutaler Abgesang werden. Denn „Geheime Anfänge“ schafft es zu umgehen, als bloße Kopie abgetan zu werden. Stattdessen liefert er einen soliden Remix, der bestens zum Überbrücken verregneter Sonntage geeignet ist.

In Kürze: „Geheime Anfänge“ ist die „Tatort“-Version eines Films von David Fincher – hat also ein paar wenige interessante Ideen, jedoch auch größtenteils kaum ausgearbeitete Charaktere im Gepäck.

Religiöse Überhöhung von Superhelden-Filmen

Die größte Stärke des Films liegt in dem, was das Drehbuch nicht vordergründig auf dem Silbertablett serviert. Genau genommen wird darauf vermutlich nicht mal eine einzige Zeile verschwendet. Doch wie so oft lohnt es sich, weiterzudenken und die reine Filmebene zu verlassen. Denn in der strukturellen Schablone von „Sieben“ die Ritualmorde nach Vorbild der sieben Todsünden gegen grausame Tode à la Comicvorlage zu tauschen, lotst „Geheime Anfänge“ in katholische Fahrwasser. Damit spiegelt die spanische Produktion – ob nun bewusst oder nicht – die regelrecht blind-religiöse Überhöhung von Superhelden-Blockbustern aus den vergangenen zehn Jahren und zieht sie ins Lächerliche.

Wem das zu viel Gedankenspagat ist, der wird von „Geheime Anfänge“ trotzdem nicht alleine gelassen. Fans von „X-Men“, „Batman“, „Watchmen“ und anderen großen Comicreihen kommen alleine durch visuell augenzwinkernde und ihren Tribut zollende Set-Pieces auf ihre Kosten. Daran tut dann auch eine absolut jeglicher Logik entbehrende Liebesgeschichte keinen Abbruch mehr. Und auch ein ellenlanger Expositionsmonolog des bösen Masterminds, der zum Schluss alle verworrenen Fäden zusammenzieht, Unlogiken zurechtbiegt und dem „Helden“ bequemerweise genug Zeit zum Eingreifen verschafft, fügt sich letztlich überraschend organisch in das Film-Konstrukt ein.

Netflix, Andre Paduano
Netflix, Andre Paduano


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