Anton Corbijn im Interview: „Ich möchte mir jedes Mal aufs Neue meinen Platz bei Depeche Mode verdienen“

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In welche Positionen man in diesem Beruf manchmal gebracht wird: „antoncorbijn zulassen“ steht da auf einmal als Option in unserer Videosoftware, mit der wir Kontakt zum Künstler aufnehmen wollen. Natürlich lassen wir Anton Corbijn zu! Einen Klick später sehen und hören wir ihn in seinem Studio, vor gerahmten Plakaten seiner Filme „Control“, „The American“ und „A Most Wanted Man“. Ein in Luftpolsterfolie gehülltes Plakat zur aktuellen Livedoku von Depeche Mode, „Spirits In The Forest“, lehnt an der Wand. Ein Gespräch über eine fast 40-jährige Zusammenarbeit: 1981 lichtete Corbijn die Band erstmals ab, dann gingen beide Parteien wieder getrennte Wege – bis sie 1986 zu einer audiovisuellen Einheit verschmolzen.

Musikexpress: Die Ausgaben 201 bis 1986 der durchnummerierten „Collector’s Edition“ des Buchs sind von der Band und Ihnen handsigniert. Mussten Sie wirklich 1785 Mal Ihren Namen schreiben?

Anton Corbijn: Ja, tatsächlich. Aber das ist halb so wild: Man muss jeweils nur ein Blatt unterschreiben, das dann ins Buch gesteckt wird. Man bekommt da nicht auf einen Schlag zweitausend Bücher zugeschickt! Außerdem habe ich meinen Part zusammen mit Fletch gemacht – aber ja, da ist man schon gut anderthalb Tage beschäftigt.

Die Zahl 1986 ist natürlich nicht zufällig gewählt – im Jahr 1986 begannen Sie mit dem Dreh des „A Question Of Time“-Videos Ihre bis heute anhaltende Zusammenarbeit mit Depeche Mode. Im Vorwort des Buchs werden Sie zitiert mit den Worten: „Ich wollte, dass es richtig für sie ist. Ich wollte für sie denken, für sie genial sein.“ Das klingt wie das Selbstverständnis eines Dienstleisters. Ist Ihre Zusammenarbeit nicht längst eine symbiotische?

Mir ist wichtig, dass es da keinen Automatismus gibt. Ich möchte mir jedes Mal aufs Neue meinen Platz bei ihnen verdienen. Ich möchte, dass sie jedes Mal das Gefühl haben, dass sie mit mir die richtige Wahl getroffen haben. Ich pushe sie jedes Mal, aber sie scheinen damit glücklich zu sein.

Andererseits kann die Band auch Sie nicht als Selbstverständlichkeit sehen. Gab es in den gemeinsamen 34 Jahren vielleicht auch Momente, in denen Sie schlicht keinen Zugang zu ihrer Musik fanden?

Nein, obwohl sie in verschiedene Richtungen gegangen sind, konnte ich immer etwas damit anfangen. Bei den Alben zumindest. Bei den Musikvideos ist es anders, in den 80er-Jahren zum Beispiel, bei Songs wie „Little 15“ etwa, dazu ist mir nichts eingefallen, da musste jemand anders das Video machen. Manchmal wollte auch die Plattenfirma andere Regisseure. Aber die Albumcover standen nie zur Debatte. Außer bei den Greatest-Hits-Platten THE SINGLES 81–85 und THE SIN-GLES 86–98, da wollte die Plattenfirma aus meiner Sicht altmodische Motive, die Depeche wie eine technologische Band wirken lassen. Aber für mich hatten Depeche Mode immer auch Soul. Das war mein Element, das ich immer reinbringen wollte. Als ich im Gespräch war, das Bühnenbild der ’93er-Tour zu entwerfen, stand ich im Wettbewerb mit sechs anderen Designern. Bei der Tour danach musste ich mich nur noch gegen zwei Designer durchsetzen und ab da wurde niemand mehr außer mir gefragt.

Wie wird man denn auf einmal ein Set-Designer? Sie haben sich ja auch das Fotografieren selbst beigebracht, aber wie wird man denn so einer Herausforderung Herr?

Das ging stufenweise. Seit den frühen 80ern mache ich Musikvideos und für die „Violator“-Tour hatte ich schon kleine Filme gedreht. Ab da war ich also schon stärker in die Show integriert. Aber Ja, ich hatte keine Ahnung. Es war dann auch eine sehr teure Tour. Auf halber Strecke, da standen dann die Konzerte in Südafrika und Australien an, musste das Bühnenbild auch stark vereinfacht werden. Eine Schande.

Welches Ihrer zahllosen Bilder für Depeche Mode ragt für Sie heraus?

Würde ich unter all meinen Motiven wählen, würde ich Nelson Mandela nehmen. Aber bei Depeche Mode gibt es dieses Bild von Dave aus dem Jahr 1993 in Frankfurt, wie er in Jesuspose auf einem Bett liegt. Das liebe ich sehr. Da wird überschrieben, dass man Dave von Depeche Mode sieht. Das entfacht eine ganz andere Wirkung.

Beim Thema Jesus: Beim allerersten Shooting, das Sie jemals mit Depeche Mode hatten, 1981 für den „NME“, positionierten Sie die Band unter anderem neben eine Kirche. Religion sollte erst viel später ein gewaltiges Thema im Songwriting von Martin Gore werden. Haben Sie ihm das quasi in die Wiege gelegt?

Da haben sich einfach zwei Wege gekreuzt: Ich bin ja in einer Kirche groß geworden, mein Vater war Prediger, und Martin sang im Kirchenchor. Das war für uns beide ein natürlicher Bezugspunkt. Aber es ist natürlich in der Rückschau schön, dass diese ersten Bilder quasi in die Zukunft gezeigt hatten.

Ihre Kindheit verbrachten Sie in einem Inseldorf im südlichen Holland, Rock’n’Roll war unerreichbar weit weg, fand in einem, wie Sie schreiben, „Gelobten Land“ statt. Wie haben Sie den Rock’n’Roll dann erlebt, als Sie mittendrin steckten?

Es ist natürlich ein Wunder, aber es war ein langsamer Aufstieg. Ich hatte wunderbare Erfahrungen und darf viele Musiker als Freunde bezeichnen. Aber ich glaube, dass in dieser Welt nicht mehr viele Abenteuer auf mich warten. Daher habe ich mich in den vergangenen 20 Jahren auf Maler und Schauspieler konzentriert oder selbst Filme gemacht. Ich möchte mich auch einfach nicht wiederholen.

Wie haben Sie die Zeit um 1990 miterlebt, als Depeche Mode die USA eroberten und von einer Kultband zu globalen Superstars wurden?

Eher am Rande – ich wusste natürlich von Daves Drogensucht, aber bei den Touren war ich nicht dabei, nur für ein paar Shows, um zu sehen, ob alles klappt, und etwa eine Woche während der Proben.

Zu dieser Zeit waren Ihre beiden Bands, Depeche Mode und U2, die größten der Welt. Wie sind Sie mit dem Erfolgsdruck umgegangen?

Es war uns ja nicht bewusst, wie groß das werden würde. Erst als ich zum ersten Mal Billboardwerbungen mit den JOSHUA-TREE-Bildern sah, dämmerte es mir. Ich konnte nicht fassen, dass das von mir kam; ich war schließlich nur kleine Ausdrucke gewohnt. Einmal nahm ich Bono zu einer großen Show von Depeche in den USA mit; er war sehr von meinen Visuals beeindruckt und mochte sowieso schon die Singles-Cover wegen ihrer Farbigkeit. Aus diesem Interesse entstand, nach den deprimierenden Bildern von THE JOSHUA TREE, das sehr bunte Cover von ACHTUNG BABY.

… und danach gab’s mit ZOOROPA und POP kein Halten mehr.

Ja, da waren die Dämme gebrochen.

Die namenlose Nackte auf der Rückseite der verschiedenen Formate von „Personal Jesus“, die nackten Frauen auf den Schößen der Bandmitglieder im „Walking In My Shoes“-Video – könnten Sie so etwas heute noch machen?

Ja, die Zeiten haben sich bestimmt geändert. Mit dem weiblichen Körper wollte ich Wärme und Vertrauen ausdrücken. Ich glaube nicht, dass wir es hier mit Ausnutzung zu tun haben. Heute muss man viel vorsichtiger sein, was ich schade finde. Missbrauch und Ästhetik sind natürlich ganz verschiedene Sachen, heute wird da aber oft nicht differenziert.

Dave und Martin sind auch optisch grundverschiedene Typen, ähnlich wie Bono und The Edge bei U2. Das ist sehr dankbar für einen Fotografen, oder?

Ja, absolut. Wobei beide in ihre jeweiligen Rollen gewachsen sind, musikalisch wie visuell. Martin drückt sich stark durch seinen vor allem in den 80ern sehr radikalen Kleidungsstil aus, sehr vom Punk beeinflusst. Dave auf der anderen Seite ist einfach ein sehr gut aussehender Kerl, eher der Anzugtyp. Müsste ich sie einkleiden, würde ich sie nicht großartig anders anziehen. Bei Fletch würde ich stärker eingreifen. (lacht)

„Depeche Mode. Anton Corbijn“ ist am 22. Oktober 2020 bei Taschen erschienen. Hardcover in einer Schlagkassette, 512 Seiten. Collector’s Edition signiert von Anton Corbijn, Dave Gahan, Martin Gore und Andrew „Fletch“ Fletcher. Ebenfalls erhältlich als zwei Art Editions von je 100 Exemplaren mit alternativen Fotoprints, jeweils signiert von Anton Corbijn. 

Anton Corbijn signiert am Donnerstag, 7. Oktober 2021, von 18 bis 19 Uhr im Kölner Taschen-Store (Neumarkt 3, 50667 Köln) Depeche Mode by Anton Corbijn.

Dieses Interview erschien erstmals im Musikexpress 11/2020.

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