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Konzertbericht

Arcade Fire in Berlin: Die größte Indierockband der Welt

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Es fehle dieser Band an Ambitionen, behauptet die fiktive PR-Agentur und Unternehmensberatung Everything Now Corp., die eigentlich mit der Promotion von Arcade Fires neuem Album EVERYTHING NOW beauftragt wurde. Ambitionen, mehr als nur die „neuntgrößte Band der Welt“ zu werden. Man könne mit Arcade Fire deswegen kaum zusammenarbeiten und mache als beauftragter Dienstleister nun von seinem vertraglich festgeschriebenen Recht Gebrauch, die Social-Media-Kanäle von Arcade Fire zu übernehmen. Was bei dieser Behauptung vergessen worden wäre, wäre sie nicht ohnehin ausgedacht, um – Brainfuck – eben doch Werbung zu machen: Die größte Indierockband der Welt, das sind Arcade Fire aus Montreal längst, und wenn es ihnen an einer Sache nicht fehlt, dann an Ambitionen. Ihre aktuelle „Infinite Content“-Tour, die sie rund zwei Wochen nach ihrem Konzert in Köln und einen Tag nach ihrer Headliner-Show beim Roskilde Festival nach Berlin führt, beweist beides eindrucksvoll.

„Das ist das größte eigene Konzert abseits von Festivals, das wir je gespielt haben“, ruft Win Butler den 17.000 Fans am Sonntagabend in der Berliner Wuhlheide zu und bedankt sich. Man kann ihm das kaum glauben und nimmt ihm doch jedes Wort ab. Arcade Fire haben zu diesem Zeitpunkt gerade „Intervention“ („wir schrieben dieses Lied während der zweiten Amtsperiode von George W. Bush und wir kommen auch durch den aktuellen Bullshit durch“) von ihrem 2007er Album NEON BIBLE gespielt, die Sonne geht endlich unter. Es folgt ein THE-SUBURBS-Hattrick mit „Suburban War“, „The Suburbs“ („We sing this for David Bowie tonight“) und„Ready To Start“ und die Erkenntnis: „Spielen“ ist ein sehr richtiges Wort, wenn man von der Liveband Arcade Fire spricht.

Selbsterspielte Narrenfreiheit

Ja, ein Auftritt von Arcade Fire beherbergt einerseits viel als Show getarnte Routine. Die Reise nach Jerusalem an den Instrumenten, die Aufgescheuchtheit einer Kindergartengruppe, die endlich auf den Spielplatz darf, die Choreografie des scheinbaren Chaos – all das will natürlich geplant sein, einem inneren Ablauf folgen. Andererseits folgen Arcade Fire schon seit Jahren mit wechselnden Kostümen, starker (Bewegt-)Bildsprache und subtilen Konzepten hinter ihren bald fünf Alben einem inneren Plan. Und wenn man in Folge dessen als Zuschauer Zeuge davon wird, wie Régine Chassagne zur glitzernden Disco-Queen mutiert und Wins Bruder Will Butler zwischen Synthesizer, Pauke und zig anderen Instrumenten auf der Bühne umherberserkert wie ein wahnsinnig gewordener Priester, mindestens aber wie ein Clown auf Adrenalin, dann will man seiner Lieblingsband auch wegen ausgebliebener Hits wie „We Used To Wait“ und „Haiti“ genau so wenig böse sein wie wegen des Schlagers, mit dem der Abend anfing.

Um kurz vor 21 Uhr, noch mehr Tag als Nacht, ertönt das Intro von „Everything Now“, Arcade Fires erster Single aus ihrem kommenden Album. „Na na na“ und „oh oh oh“ und alle klatschen in die Hände, die Panflöte tritt heute nur als Sample auf. Nicht wenige Menschen fühlen sich durch dessen tanzbare Beschwingtheit, Harmonieführung und Abwesenheit jedweden Rockmoments an ABBA erinnert; hier in der Wuhlheide, in der neben Shows von Pearl Jam, Beatsteaks und eben Arcade Fire regelmäßig Schlagernachmittage stattfinden, fällt er nicht negativ auf. Eine falsche Fährte legt er trotzdem: Früh spielt die neunköpfige Liveband mit „Signs Of Life“ einen zwar nicht unbedingt überzeugenden neuen Song, in dem aber vieles nach „Disco“ schreit.

Die Kids, die sie so oft besingen, die kennen Arcade Fire gar nicht

Pop, Disco, Dancefloor, Indierock, Bombast und ein kleines bisschen Weltmusik sind denn auch die Koordinaten, innerhalb derer Arcade Fire zwei Stunden lang begeistern werden: Die FUNERAL-Hymnen „Rebellion (Lies)“, „Neighborhood #1 (Tunnels)“, „Neighborhood #3 (Power Out)“ und „Wake Up“ (als Zugabe), der verkannte NEON BIBLE-Klassiker „No Cars Go“, THE SUBURBS-Stücke wie das von Chassagne betörend hoch gesungene „Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)“ – all diese Stücke wirken live so zeitlos groß, wie sie auf ihren Alben schon von Anfang an waren. Die wahre Größe entfaltet sich aber erst in den Live-Versionen eigentlich unscheinbarerer Songs: In seiner Steigerung, Wiederholung und viel Hall rollen Arcade Fire „Reflektor“ wie einen Fiebertraum aus, und pünktlich zu „Afterlife“ bricht das Dunkel der Nacht und damit das Licht der Show über der Wuhlheide herein.

Das neue und textlich wichtige „Creature Comfort“ ist mit seiner Zeile „God, Make Me Famous / If You Can’t Just Make It Painless“ ein Instant Classic. Am Ende spielen sie noch „Neon Bible“, bitten das Ü25-Publikum – die Kids, die sie so oft besingen, die kennen Arcade Fire gar nicht – um eine Lichterkette aus Handydisplays und entlassen es mitsingend in die Zufriedenheit. Es dämmert nur noch einmal: Dass Arcade Fire nicht den einen richtigen Hit haben, den jeder kennt, kein „Creep“, kein „Fix You“, kein „Alive“, kein „Sex On Fire“, ist kein Fluch, sondern ein verdammter Segen. Weil es ihnen auch live absolute Narrenfreiheit gibt. Und weil sie dadurch die größte Indierockband der Welt bleiben, die sie sind. Egal, wie gut, nicht gut oder ambitioniert ihr neues Album EVERYTHING NOW am Ende sein wird.

EVERYTHING NOW von Arcade Fire erscheint am 28. Juli 2017.

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