Popkolumne, Folge 187

Bleib zuhause im Sommer: 9 Tipps von Linus Volkmann für den Halbschatten


Schönes Wetter, 9-Euro-Ticket, Vitamin D und Biergarten. Wer braucht da eigentlich noch mehr Gründe, um seine Zeit in der abgedunkelten Wohnung zu verbringen?

In der aktuellen Popkolumne hat Linus Volkmann für die stille Zeit im Halbschatten ein paar Tipps gesammelt. Geht um Woodstock, Floristen, Schwänze, jüdische Punks und Team Scheisse.

„Werd doch Florist“ – SIR MANTIS

Liebe Lesefrösche, ich möchte mit einer Selbstanzeige eröffnen: Ich bin ein einfacher Influencer mit hektischem Blick, dem das Wichtigste meist entgeht. Beweise? Unter jedem Stein, den ihr hochhebt. Zum Beispiel hatte ich Sir Mantis nicht auf dem Schirm. Immer am Meckern über deutschen Rap, dann aber gar nicht im Bilde, was dort mittlerweile möglich ist abseits der Testowurstbuden mit madigem Gangsta-Flavour.

Letztens sprach glücklicherweise die hellsichtige Finna über Sir Mantis in unserem Interview und sah mich dabei eindringlich an. Nicht viel später entdeckte ich Sir Mantis auf dem Cover des Missy Magazins – und ihr ahnt es bereits, die Dramaturgie dieser Zeilen hier ist ja nicht gerade subtil – nun bin ich auch Fan. „Kein Kampf ist vorbei / Ich bin Feminist / Wenn du über Samen labern willst / werd doch Florist“. Was ein geiles Stück. Nichts als Respekt dafür. Now I wanna share the gift. Das Album „180 Grad“ wird Ende August erscheinen.

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„Schwänze seit der Schulzeit“ – KAY SHANGHAI

Die Versäumnisse reißen nicht ab: Denn auch bei Kay Shanghai bin ich ein wenig spät auf der Party – aber in einer Kolumne muss man das Geschenk nutzen, die eigene verkorkste Vergangenheit ungeschehen zu machen (soweit das rechtlich noch möglich ist, versteht sich). Zur Plattentaufe (wie wir gebürtigen Schweizer sagen) von Kay Shanghais HARAM war ich irgendwie nicht so recht auf dem Posten. Warum eigentlich nicht? Ich meine, außer Popkultur, Wohnen und Schlafen habe ich doch buchstäblich keine Verpflichtung auf dieser Welt.

Vielleicht lag es daran, dass ich Kay Shanghai bis dato nur als Clubchef des Essener „Hotel Shanghai“ kannte und ihm womöglich nicht zutraute, auch noch ein interessanter Rapper zu sein? Wie dem auch sei, es muss einmal gesagt werden in der letzten Popkolumne der freien Welt: Kay Shanghais liegt in extrem relaxten Soundbetten und erzählt die tollsten Geschichten. Alles total bunt und reich, aber dabei stilistisch immer auch sehr minimal, sehr elegant. Musik, die einem passt wie ein Handschuh. Und da ist ja noch nicht mal erwähnt, dass Kay sich als erster offen schwuler Rapper aus Kennzeichen D postuliert. Gebt mir noch mal den Almanach des Jahres 2021 aus dem Keller, ich will das hier noch handschriftlich nachtragen bei meinen Lieblingsplatten.

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„Ich hab keinen Bock, mich begrapschen zu lassen“ – LULU

Sängerin Lulu von Lulu & die Einhornfarm beziehungsweise den Toten Crackhuren im Kofferraum hat diese Woche auf Instagram einen sehr eindringlichen Shoutout hochgeladen. Gerade frisch von ihrer Tour mit der Terrorgruppe zurückgekehrt, geht es darin um sich erhaltende Chauvi-Realitäten, auf die FLINTA-Personen treffen – und zwar eben auch in den eigenen, (vermeintlich) emanzipierten Subkulturen. Misogyne Scheiße einer CSU-Rede, das Bodyshaming im Musikantenstadl oder die Ballermannfieslinge rund um den „Layla“-Song … darauf lässt sich schnell mit dem Finger deuten. Aber Lulu macht in ihrem Rant deutlich, dass gerade Typen auch sich selbst und die eigenen Kontexte hinterfragen müssen, wenn die eigene Szene wirklich für alle ein sicherer Raum sein soll.

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„Kerosin. Streichholz. Wumm.“: WOODSTOCK ’99

Dass auch die „alternative Kultur“ ein Ort von Bedrohung und Übergriffen sein kann? Wer dafür ernsthaft noch Beweise braucht, möge sich die Doku „Trainwreck: Woodstock ’99“ ansehen. Die neue Mini-Serie auf Netflix (drei Folgen) zeichnet das Desaster rund um die Woodstock-Wiederauflage von 1999 nach. Persönlich hatte ich das Event und sein Aufgehen in Flammen beziehungsweise in einer „Herr der Fliegen“-mäßigen Extremsituation damals gar nicht so auf dem Schirm. In meiner Erinnerung haftete lediglich, dass die Original-Woodstock-Macher von 1969 ihre Larger-than-life-Hippie-Marke noch mal aufstellen wollten – nur diesmal maximal gewinnorientiert und dass das alles irgendwie scheiße lief. Wie schlimm es allerdings war, dem kann man hier nun nachspüren. Das Ganze entbehrt – wie alle failed Großprojekte – natürlich nicht einem gewissen Unterhaltungswert. Dieser geht allerdings schnell in den Keller, wenn via Original-Footage sichtbar wird, wie übergriffig und aggressiv viele Männergruppen bei dem Mega-Spektakel agierten. Also wohlgemerkt auf einem Festival der damals angesagten Alternative Acts, also Korn, Bush, Limp Bizkit, James Brown, Wyclef Jean, Fatboy Slim.

Früh dran mit ihrem Gig war Sheryl Crow, das Desaster hatte noch nicht übernommen, in den Interviews nach dem Auftritt wirkt die Sängerin allerdings schon ziemlich pissed. Grund dafür waren die unablässigen Catcalls und nicht abreißen wollenden „Show your tits“-Rufen während ihrer Show.

Hier spielte eine neue Generation den omnipräsenten Woodstock-Mythos nach und das Schauspiel gestaltete sich fatal. Dass sich Frauen mitunter oben ohne zeigten, nahmen „Give me something to break“ blökende Jungmänner als Einladung, weibliche Personen zu belästigen, ungefragt zu berühren – und in der letzten Episode erfährt man auch, was man in der unguten Gemengelage dieser Veranstaltung schon längst ahnt, nämlich dass es auch zu diversen Vergewaltigungen kam.

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Wer bei Themen wie Awareness-Teams auf Festivals, Safewords oder dem Outcallen von machistischem Verhalten bei Konzerten tatsächlich immer noch die Augen rollt, sollte sich diese Mini-Serie genau hinschauen. Natürlich gibt es noch mehr Aufhänger für dieses Desaster als nur toxische Männlichkeit, aber so wie Woodstock 1999 kann es eben abgehen, wenn man Typen in ihrer eigenen Subkultur einfach mal machen lässt, wie sie so „denken“.

Als besonderer Schlussekel fungiert die Haltung der Macher, also der Verantwortlichen des Festivals. Die haben es vor Ort nicht sehen wollen – und gaslighten die meisten Geschehnisse rund um ihr Open Air im dritten Wendekreis der Hölle auch noch heute. Trist.

„Jeder Weg fühlt sich nicht richtig an“ – LYSCHKO FEAT. DRANGSAL

Nach soviel schweren Themen nun auch noch ein extrem düsterer Musiktipp. Lyschko aus Solingen begehen die Rückkehr des Dark Wave. Schwermut, Abgrund, Spannung und die schwelende Frage: Sollte ich mich nicht doch mal wieder ritzen? Die Antwort ist eigentlich klar, friends. „Fremd“ ist dabei kein Rückgriff, sondern der aktuelle Peak von emotionalem Drama-Pop – selbst wenn das Video optisch viele Assoziationen zu The Cure „Lullaby“ zulässt. Dass Drangsal nicht nur Freund der Band ist, sondern bei diesem Vorab-Track des anstehenden Debüt-Albums von Lyschko auch noch ein Feature hat, möge hier noch den einen oder die andere mehr neugierig machen.

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„Immer alles machen“: NUN FLOG DR. BERT RABE

Eigentlich bin ich kein Fan von Bandkonzepten, die man sich erschließen muss. Sehe ich aus wie ein verwahrloster Orang-Utan im Zoo, dessen Futter in Pappschachteln verschnürt werden muss, damit er sich im Alltag ein bisschen anstrengen muss? Als wäre nicht alles schon herausfordernd genug. Speaking of Nun flog Dr. Bert Rabe.

Hierbei handelt es sich um elektronisch knisternden Kammermusikpop, der genauso rätselbehaftet auftritt wie seine beiden Erschaffer*innen ohnehin schon wirken. Ein paar Mal wollte ich Fan werden, habe es allerdings wegen zu vieler Leerstellen immer wieder verschoben. Jetzt hat Nun flog Dr. Bert Rabe eine CD gemacht, „Geschichten über das Übliche“, der auch ein gleichnamiges Buch beiliegt. Es erzählt aus dem gasthausseligen Leben der titelgebenden Figur Bert Rabe und man wird den Eindruck nicht los, auch die beiden Macher*innen lassen sich von einem stream of consciousness treiben: „Wer ist unser Bert Rabe – und wer sind wir? Sag du es uns bitte selbst, liebe DIY-Kunst!“

So lautet ein Satz von Bert Rabe gegen Ende „seines“ Buchs „Ganz genau wusste er auch nicht, was er da heute fabriziert hatte.“
„Geschichten über das Übliche“ erinnern mich in ihrer somnambulen Art, dass die von Querdenkern besetzte „Schwurbelei“ eigentlich auch etwas ganz Wunderbares, ganz Inspirierendes sein kann. Wenn man einfach malt, schreibt, Heftchen macht, musiziert und sich von all dem treiben lässt. Pfeif auf Mission Statements und Hermeneutik, das hier ist unpraktische Kunst mit Pfiff.

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„Spilker immer mittendrin“ – DIE STERNE

Wenn es einen Award für den besten Songtitel gäbe, Die Sterne könnten ihn sich auf jeden Fall abholen kommen für ihre Album-Vorabsingle „Spilker immer mittendrin“. Als Songwriter vertont Frank Spilker nun seit etlichen Jahrzehnten das Treiben von Popkultur, Welt und Vaterland. Stets aufs Neue Positionen und Schlauheiten anbieten über das Außen, das ist doch eigentlich ziemlicher Wahnsinn – und genau von dieser Rolle erzählt dieses Stück. Eine sprühend originelle Draufsicht auf sich selbst. Ich liebe alles daran. Denn auch musikalisch ist es ein Sterne-Song, der für mich überdauern wird. Aber glaubt nicht mir, glaubt euch selbst:

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„20 Uhr 15“ – TEAM SCHEISSE

Als ich Ende letztens Jahres dem Album mit dem Frosch von Team Scheisse begegnete, war ich dermaßen schockverliebt, dass ich mir sicher war, das geht bald ganz vielen so. Zu eingängig und gleichermaßen ungewöhnlich machte sich der Meme-Punk der Bremen/Erfurt-Band aus. Dass sich allerdings ein derartiger Wall aus Team-Scheisse-Begeisterung auftürmen würde, das hat mich dann doch überrascht. Auf dem hoffnungslos überlaufenen Köln-Konzert (dem ersten jenseits der eigenen Stadt) Anfang des Jahres habe ich fast die weißen Haare des allem Zeitenlauf enthoben scheinenden Sänger-Gurus berührt. Und wenn es mich aktuell ziemlich runterzieht, dass gerade viele tolle Acts Probleme mit dem Ticketverkauf in den kulturellen Post-Corona-Ruinen haben, dann freu ich mich über Team Scheisse. Denn zumindest bei denen läuft es wie im Kalten Krieg das Duracell-Häschen – und das bemesse ich sicher nicht nur daran, weil sie mal bei den Toten Hosen vor gefühlt zwei Millionen Kieler*innen in der Mehrzweckhalle eröffnet haben. Gepriesen seien die vier Engelchen! Was ich aber eigentlich teilen will, ist, dass diese Woche nun endlich neue Musik erschien. Eine Single mit vier Stücken (via Kitschkrieg), eines davon bekam zeitgleich ein Video und findet sich auf YouTube. Das Thema des Songs ist „Wetten, dass…?“ und wirkt wie so oft bei der Band wie aus den Wolken gefallen, doch holt es einen beim Hören sofort ab wie der Nachtbus.

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Ostsaarzores „Punk & Jewishness“

Das Fanzine Ostsaarzores macht mit seiner dritten Printausgabe einen riesigen Sprung. Diese Sonderausgabe Sommer 2022 ist ein richtiges Themenheft, das Verbindungen von Judentum und Punk nachspürt. Das geschieht bunt und assoziativ, allerdings hat das alles einen roten Faden und weiß die Leser*innen durch die Ergebnisse zu leiten. Ganz journalistisch diese Leipziger Fanzine-Punx, auf viele der Artikel müsste das hiesige Feuilleton neidisch sein, so interessant und fundiert ist das alles. Es gibt einführende Texte und Beiträge zu Bands und Musiker*innen wie Carrie Brownstein (Sleater-Kinney), Ezra Furman, NOFX, deren jüdischer Hintergrund sonst eher selten Thema ist und so noch mal spannende neue Blickwinkel aufmacht. Es gibt Kurzgeschichten wie beispielsweise „Dose und Palitücher“, in der auch das gespaltene Verhältnis linker Subkulturen zum Thema Israel/Palästina nicht ausgespart wird. Diese Ausgabe Ostsaarzores ist vielleicht das beste aktuelle Fanzine „am Markt“. Lasst es euch schicken oder schaut zumindest mal rein bei diesem Projekt: www.instagram.com/ostsaarzores

Post Scriptum:

Die Eingangszeile ist Bernd Begemann entlehnt. Einer seiner schönsten Songs stammt aus dem Jahre 1996, trägt den Titel „Bleib zuhause im Sommer“ und findet bei den Live-Shows bis heute Platz.

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Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

Über Neid, Nichtmütter und Needles – Paulas Popwoche
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