Popkolumne, Folge 144

Europop Is Over (If You Want It): Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Merkel ist weg!

Nach 16 Jahren ist es vorbei. Merkel ist vom Fenster und dieser Olaf Meier oder wie er heißt am Drücker. Viele versuchen sich jetzt die unglaubliche Dauer von Merkels Amtszeit noch mal vor Augen zu führen, indem sie sich erinnern an vorher und als es geschah. 16 Jahre. Das ist ziemlich genau mein halbes Leben gewesen, verflucht nochmal.

2005 … Ich hab da meinen Realschulabschluss gemacht, hatte meinen ersten Freund und war mit ein paar Freundinnen auf Malle. Okaye times. Politik war mir relativ wumpe, also Realpolitik. Ich fand Nazis, Homophobie und Rassismus blöd und fing an mich für die Hippies der 60er und 70er zu interessieren (nicht die echten!), einen Pfad, den ich in den nächsten Jahren glücklicherweise rasch Richtung knallhartem Linksextremismus weiter ging (verließ?) und dementsprechend ist Merkel nie meine Freundin geworden und die Verklärung ihrer Person mir ein Graus.

2005 war musikalisch (und nur das interessiert mich wirklich) größtenteils spitzenmäßig. Es war das Debütjahr von Rihanna, James Blunt, 50 Cent, Tokio Hotel und oh Goooooott, die ganzen Indieheinis. Wir dachten, unsere Liebe für die Boybands für Intellektuelle würde immer halten. Als ich aber in diesem Jahr auf einem Festival einem Indie-DJ-Set beiwohnen durfte, das sich genau um die ebenjene Zeit drehte, bemerkte ich wie Scham und Ekel meinen ganzen Körper durchströmten wie ein katharsisches ASMR, nee, wie Teufelsaustreibung. 15 Jahre später war es endgültig vorbei. Ich kann eigentlich alles noch hören was ich früher mal gut fand, die Indieboycombos sind in meinem Herzen aber größtenteils jämmerlich verreckt. Wenn ich die mittlerweile 40-jährigen Indiejungs sehe wie sie immer noch zu den Kaiser Chiefs grölen und noch immer mit keiner einzigen Frau befreundet sind, stülpt sich bei mir alles nach innen was geht … Naja, leider war 2005 genau die Zeit, als man sich zuhauf auf dem Dancefloor gegen tollen R’n’B und HipHop und für ätzende weiße Jungs entschied und ich bin froh, dass ich heute wieder weiß, was gut war. I name it, die geilen Leute in den Charts 2005 waren: Bobby Valentino, Missy Elliot, Ciara, Akon, 50 Cent, The Game, Mary J. Blige und natürlich Amerie.

Und auf Platz 1 der Charts bei der Amtseinführung Merkel vs. Scholz?

22.11.2005: Melanie C – First Day Of My Life
08.12.2021: Mariah Carey – All I Want For Christmas Is You

Was sagt uns das alles? Manchmal hat Pop überhaupt gar nichts mit Politik zu tun, auch wenn man’s noch so stark forciert.

Nazischeiße der Woche

Und manchmal sollte Pop nichts mit Politik zu tun haben. Manchmal sollte Pop sich mal so richtig verpieseln und die Schnauze halten, wenn Pop nichts Menschliches beizutragen hat. Das geht unter anderem an Lou Bega und Loona, die Deppen.

Stellt euch vor, Polens Verteidigungsministerium veranstaltet im staatlichen Fernsehen TVP ein Konzert, um das Militär bei der Verteidigung der Ostgrenze zu unterstützen. Ihr wisst schon, die Grenze zu Belarus, an der Menschen noch immer in der Kälte ausharren und sterben. Und wer tritt auf? Unter anderem die Europop-Stars Lou Bega, Loona und Las Ketchup. Nun kennt man’s: Es kommt eine Anfrage rein und in den weiten Strukturen von Management und Booking geht unter, noch mal zu checken, wo man da eigentlich zugesagt hat, wahrscheinlich ist der Beitrag so hoch, dass die restlichen Buchstaben in der Mail nur noch tanzen. Easy, ist uns allen schon mal passiert … Und am Ende steht man dann auf der Bühne einer zynischen Faschoveranstaltung und fragt sich wie man da nun wieder hingekommen ist. Ach, nee, passiert uns doch nicht allen. Vor allem wenn das alles null subtil ist, nichts durch die Hintertür oder erst im Nachhinein passiert ist, keine Verwechslungsgefahr möglich ist, sondern den Künstler*innen zweifelsfrei klar gewesen sein muss, für was sie da auf- und antreten. Fans haben über Social Media übrigens noch gefleht, dass bitte nicht teilgenommen werden soll. Nee, die wollten das genau so. Wenn dann ein Captain Jack (der neue, der alte ist schon lange tot) mit „In The Army Now“ auftritt und Lou Bega sogar dem Militär für die „Verteidigung“ der Grenze dankt, sollten die letzten Unschuldsvermutungen ausgeräumt sein. User*in kapturak hat sich die Show gegeben:


Abschied der Woche: Mirco Nontschew

Ja, auch ich bin eines dieser RTL-Samstag-Nacht-Kinder. Auch, wenn ich als es „live“ im TV lief, noch sehr jung war und Vieles auch erst in der Wiederholung gesehen habe. Aber ich hatte zum Beispiel eine Kassette, ein Best-Of, auf der ich die Sketche zwar nur hören konnte, aber Dank der Besuche bei unserem Onkel (wir hatten selbst erst ab der Jahrtausendwende Privatfernsehen) die Gesichter dazu schon kannte. Und was für ein Gesicht Nontschew hatte! Es bewegte sich immerzu und in alle Richtungen, dazu sprach er viel zu schnell und damit konnte ich mich ganz gut identifizieren. Das nächste und letzte Mal werden wir ihn dann im Frühjahr bei „LOL“ (Amazon) sehen können.

Das Projekt „Die andere Wende“ hat außerdem diesen Mitschnitt ausgegraben:

Weihnachtslieder der Woche (Jaaa, da kommt noch mehr!)

Seit ich Weihnachten nicht mehr feiere, ist es nur noch geil. Ich nehme nur die guten Sachen mit. Glühwein mit Freundis, „mich selbst beschenken“, die Süßigkeiten, die Filme, die Songs. Ich bediene mich reichlich am Kitschquatsch ohne Konsequenzen (den ganzen Stress am 24., 25. und 26.). Aber nach 20 Jahren Weihnachtsalbumfokus auf Destiny’s Child (8 Days Of Christmas”) und vier Jahren Sias „Everyday Is Christmas“, brauche ich nun endlich nigelnagelneue Popweihnachtssongs beziehungsweise Interpretationen. Zum Glück ist das ein gift that keeps on giving. Meine Favoriten in diesem Jahr (okay, einer ist gar nicht aus diesem Jahr, verklagt mich doch!).

Platz 5: Jimmy Fallon feat. Ariana Grande & Megan Thee Stallion – It Was A…(Masked Christmas)

Platz 4: Kelly Clarkson & Ariana Grande – Santa Can’t You Hear Me

Platz 3: Norah Jones – Christmas Calling

Platz 2: Sigrid – Home To You

Platz 1: Kelly Clarkson – Christmas Isn’t Canceled (Just You)

Pop und Politik – das Ende

Hot: Courtney Love hat sich beim Beef zwischen Bernie Sanders und Elon Musk auf Sanders‘ Seite gestellt und Musik aufgefordert, endlich seine Steuern zu zahlen.

Not: Meanwhile wird es in Deutschland mal wieder unangenehm. Und Cringe wird höher, wenn man ihn teilt. Deswegen gibt es zum Schluss noch diesen Screenshot geschenkt. Auf die nächsten vier Jahre mit diesen furchtbaren Heinis. Die Unterhaltung ging danach übrigens noch weiter, falls ihr danach suchen wollt und euch das „geben“ wollt: Viel Spaß!

Lars Klingbeil fragt nach Kettcar-Zitaten, Kevin Kühnert antwortet.

 

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

Screenshot Twitter
ME

Ich möchte Teil einer Männerbewegung sein: Paulas Popwoche im Überblick
Weiterlesen