Vom Underground zum Massenphänomen: Charli XCX und das BRAT-Dilemma

Mit BRAT erreichte Charli XCX 2024 einen neuen Höhepunkt ihrer Karriere. Der Triumph brachte Aufmerksamkeit und Einfluss. Zugleich entstand bei ihr das Gefühl, nicht ganz verstanden zu werden.

2024 gelang Charli XCX der große Durchbruch. Ihr Album BRAT wurde zum kommerziellen und  kulturellen Ereignis. Es war ein Popmoment, der weit über Streamingzahlen hinausreichte. Das Album schrieb sich tief in Internetkultur, Mode und Clubästhetik ein. Obwohl die Britin seit über einem Jahrzehnt kontinuierlich Musik veröffentlicht hatte, galt sie zuvor als zu experimentell für klassische Charts und zugleich als zu präsent für den Underground. Besonders in der Hyperpop-Szene hatte sie eine Sonderstellung als Grenzgängerin zwischen Avantgarde und Pop eingenommen. Ihre Fanbase war überschaubar, aber eng verbunden. Mit BRAT veränderte sich diese Dynamik radikal.

Ein plötzlicher Wandel der Öffentlichkeit

Im einem neuen Interview mit dem Branchenblatt „Billboard“ beschrieb Charli nun offen, wie einschneidend dieser plötzliche Wechsel für sie gewesen war. „Ich war zuvor eine eher nischige Künstlerin, und dann öffnete sich mir plötzlich ein riesiges neues Publikum – einige von ihnen fühlten sich mir wirklich verbunden, andere nur einzelnen Aspekten von mir. Wieder andere mochten mich, verstanden mich aber eigentlich nicht richtig“, sagte sie. „Wie sehr man unter Beobachtung steht, im Rampenlicht, wie aufmerksam einem zugehört und zugeschaut wird – das ist eine wirklich interessante Erfahrung. Sie hat mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie schwer dieser Übergang sein kann.“

Sie benennt den Bruch zwischen früherer Nähe zum Publikum und neuer Massenrezeption. Sichtbarkeit erzeugt Nähe, aber auch Projektionen. Je größer das Publikum, desto fragmentierter das Bild der Künstlerin. Dass Charli ihren Erfolg als Missverständnis beschreibt, schützt sie vor Vereinnahmung und adelt sie zugleich. Das Unverstandensein wird zur Erzählung, die Nähe erlaubt, ohne Kontrolle abzugeben – ein bewährtes Modell im Pop.

Zwischen Euphorie und Erschöpfung

Was Charli in Interviews andeutet, formuliert sie auf ihrem Substack-Blog noch direkter. In ihrem Essay „The Realities of Being a Pop Star“ schreibt sie über Erwartungsdruck, emotionale Erschöpfung und permanente Selbstinszenierung. Ruhm erscheint hier als Prozess, der Identität formt und Energie fordert. Kreative Hochphasen stehen neben Momenten der Leere. Genau diese Widersprüche prägen auch „Brat“ von innen heraus: Hinter der grellen Oberfläche entfaltet sich ein dichtes Gefühlsgeflecht. Es besteht aus Selbstzweifeln, Kontrollverlust und Begehren. Charli inszeniert Euphorie und Überforderung als zwei Seiten derselben Bewegung. Besonders deutlich wird das in „I Think About It All The Time“. In diesem Song formuliert sie Gedanken über Mutterschaft und Lebensentwürfe. Intimität trifft auf Clubästhetik.

Expansion statt Wiederholung

Der Erfolg von BRAT eröffnet Charli neue künstlerische Räume. Aktuell ist sie nahezu omnipräsent. Ein zentrales Projekt ist die Mockumentary „The Moment“. Der Film feierte Anfang 2026 Premiere und spielt mit der Figur des Popstars als Projektionsfläche und Selbstmythos. Dabei zeigt er Charli in einer bewusst überzeichneten Version ihrer selbst. Realität, Performance und Ironie greifen ineinander.

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Parallel dazu intensiviert sie ihre Arbeit im Spielfilm. Mit Rollen in Produktionen wie „The Gallerist“ bewegt sie sich gezielt im Independent-Kino. Hinzu kommt Gregg Arakis angekündigter Film „I Want Your Sex“. Die Britin interessiert sich sichtbar für Narrative jenseits der Popbühne und beteiligt sie sich zunehmend an Drehbuch- und Konzeptentwicklungen.

Charli kuratiert ebenfalls den Soundtrack zur neuen Verfilmung des Emily-Brontë-Romans „Wuthering Heights“. Die bereits veröffentlichten Songs sind von düsteren Klangräumen geprägt. Dramatische und teilweise gothisch aufgeladene Atmosphären dominieren. Ein  besonderes Highlight ist „House“ mit Velvet-Underground-Legende John Cale.

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