Childish Gambino: Der Omnipresenter 

Wie so viele Karrieren begann auch diese mit einem Auftritt bei „Saturday Night Live“. Die traditionsreiche amerikanische Satiresendung, die seit mehr als 40 Jahren jeden Samstag die große Manege für die kleinen und großen Debatten des Landes ist, hat zahllose Komiker und Filmstars hervorgebracht. Genau genommen begann hier auch jener Amerikaner seine Laufahn, der da als Gastmoderator auf der Bühne stand.

„This Is America“

Zweimal habe er sich hier nach seinem Studium an einer New Yorker Kunsthochschule als Komiker beworben, zweimal sei er abgelehnt worden, erzählte Childish Gambino in der Sendung. Dennoch ist die ganze punktgenaue Cleverness seiner Kunst unverkennbar am intellektuellen Humor von „SNL“ geschult: diese besondere Fähigkeit, große kulturelle, politische Zusammenhänge zu destillieren. In knackige Pointen – oder eben in das Musikvideo, das er in der Sendung vorstellte: „This Is America“.

https://www.youtube.com/watch?v=VYOjWnS4cMY

Das war das eigentliche Spektakel des Abends. Nicht der sehr gute Sketch, in dem er sich zusammen mit den Stamm-Comedians über Kanye West und seine halsbrecherischen Trump-Tweets lustig machte. Nicht die Seitenhiebe aufs Weiße Haus. Sondern ein Vierminuten-Video. Oder vielmehr: episches Pop-Theater im YouTube-Format.

Auftritt des Entertainers Childish Gambino, wild tanzend und grimassierend in einer Lagerhalle, ein Jim-Crow-Tanz für die Massen, Chorstimmen und eine einlullende Gitarrenmelodie: „We just wanna party, party just for you.“ Dann, gleich nach der ersten Strophe, wechselt der Tanzende unvermittelt die Rolle zum Killer. Er schießt einem gefesselten Mann in den Hinterkopf, die Waffe verschwindet danach, sorgsam in ein rotes Samttuch gewickelt. „This is America“, rappt Gambino und tanzt wie irre weiter, jetzt im Takt eines harten Trap-Beats. „Don’t catch you slippin’ up“ – bloß keinen Fehler erlauben.

Irgendein Clown singt und tanzt immer vor dem Hintergrundrauschen aus Mord, Gewalt und brennenden Autos.

Der große Gesellschaftskritiker: Das bildgewaltigste Video des Jahres: In „This Is America“ inszeniert Donald Glover Amerika als zwischen Waffengewalt, Rassismus und Konsumsucht krank gewordenes Land.
Der große Gesellschaftskritiker: Das bildgewaltigste Video des Jahres: In „This Is America“ inszeniert Donald Glover Amerika als zwischen Waffengewalt, Rassismus und Konsumsucht krank gewordenes Land.

Man muss den Clip mehrmals schauen, um das tumultartige Chaos zu überblicken, das in der Folge rund um Donald Glover ausbricht und von dem er selbst immer wieder wild performend ablenkt. Binnen weniger Stunden war „This Is America“ ein weltweites Phänomen von enormer kultureller Explosionswucht. Das Internet überschlug sich. Fast 20 Millionen Klicks in 48 Stunden, mittlerweile bewegt sich der Zähler auf 300 Millionen zu.

Noch viel erstaunlicher: Es wurde ernsthaft und ausführlich diskutiert, interpretiert und an der Bedeutung der vielen einzelnen Details herumgerätselt wie sonst nur bei großen Gesellschaftsromanen. Ein bisschen ins Schwitzen gebracht hat das seinen Vornamensvetter im Weißen Haus vielleicht auch.

Wirkungsmächtiger Kendrick Lamar und Beyoncé

Es gibt Leute, die behaupten, dieser Childish Gambino habe damit das Medium des Musikvideos als Gesellschaftskritik- Tool neu erfunden. Das Video des Jahres ist es sowieso schon: wirkungsmächtiger als alle Kendrick-Lamar-Clips und Beyoncés viel diskutiertes „Formation“ zusammen. Mit brutaler, treffsicherer Bildsprache diagnostiziert Childish Gambino seinem Land eine handfeste Schizophrenie.

Amerika ist in seinem Clip-Panorama eine zerfetzte Gesellschaft – gespalten nicht nur zwischen den altbekannten Dichotomien (schwarz/weiß, links/rechts, arm/reich), sondern zwischen der Ausweglosigkeit schwarzer Lebensrealität und all den hirnlosen Ablenkungsmechanismen. Irgendjemand findet sich immer, der singend und tanzend den Clown gibt vor dem Hintergrundrauschen aus Mord, Gewalt und brennenden Autos. Das ist Amerika. Land of the Free, ein Irrenhaus, krank geworden an seinen Gegensätzen.

Der superironische Rapper: 2011 erfand er sein HipHop-Alter-Ego Childish Gambino. Obwohl er als Rapper - vor allem wegen seines intelligent-humorigen Zugangs - lange belächelt wurde, veröffentlichte er bislang drei Alben.
Der superironische Rapper: 2011 erfand er sein HipHop-Alter-Ego Childish Gambino. Obwohl er als Rapper – vor allem wegen seines intelligent-humorigen Zugangs – lange belächelt wurde, veröffentlichte er bislang drei Alben.

Wer ist der Mann hinter diesem popkulturellen Bombeneinschlag und dem kindisch-ironischen Künstlernamen? Childish Gambino heißt eigentlich Donald McKinley Glover Jr. Neben der Musik hat er gerade noch so einige andere Karrieren am Laufen. Zu tun hat das viel weniger mit der Entscheidungsangst, die seiner Generation gern angedichtet wird, sondern mit einer echten Ballung von Talent: Der 34-Jährige ist Schauspieler, Autor, Comedian, Regisseur, Entertainment-Wunderkind. Und momentan alles sehr erfolgreich.

Der Mann hinter dem popkulturellen Bombeneinschlag

Geboren 1983 auf einem kalifornischen Militärstützpunkt, aufgewachsen in einem Vorort von Atlanta, arbeitete sich Donald Glover nach dem Dramaturgie-Studium (und den zwei erwähnten vergeblichen Anläufen bei „Saturday Night Live“) mit Mitte zwanzig zu einem der wichtigsten Autoren bei der Sitcom „30 Rock“ hoch und wollte dann doch unbedingt selbst Schauspieler werden: Erst spielte er in der College-Serie „Community“ ein sensibles Football-Talent, das lieber ein Intellektueller sein wollte, und später Nebenrollen in Blockbustern wie „Spider-Man: Homecoming“ oder „Der Marsianer“, wo er als smarter Astrophysiker Matt Damon den Arsch rettet.

Zwischendurch erfand er 2011 sein Rapper-Alter-Ego. Die Geschichte, wie er zu seinem Künstlernamen kam, erzählt ein wenig über den Humor von Donald Glover und viel über die Lässigkeit seines Kunstverständnisses: Er tippte einfach seinen bürgerlichen Namen in einen „Wu- Tang-Rap-Name-Generator“ im Internet und raus kam: Childish Gambino. Weil die Musik auf den beiden ersten Alben CAMP und BECAUSE THE INTERNET noch eher nach einem Schauspieler klang, der auch mal Rapper sein wollte – wenig ausgefeilter, bisschen dilettantischer Ironie-HipHop – wurde er als Musiker lange belächelt. Jede Zeile musste ein Gag sein.

Alter-Ego aus dem „Wu- Tang-Rap-Name-Generator“

Erst mit seinem letzten Album AWAKEN, MY LOVE öffnete er sich ernsthaft der Musik: Kopfüber stürzte er sich in die Funk- und Soul-Musik der 70er und packte für „Redbone“ sein schönstes Prince-Slowjam-Falsett aus. Dafür gab’s Anfang des Jahres einen Grammy.

Das Timing für „This Is America“ hätte aber auch aus einem anderen Grund nicht besser sein können. Wenige Tage nach dem Auftritt bei „Saturday Night Live“ feierte in Hollywood das „Star Wars“-Spinoff „Solo“ Premiere. Darin spielt Donald Glover den ebenso charmanten wie ausgebufften Schmuggler Lando Calrissian. Im bis heute auffällig hellhäutigen Filmuniversum von George Lucas ist dieser Jugendfreund von Hauptfigur Han Solo einer der wenigen afroamerikanischen Charaktere. Ein Umstand, über den sich Glover auch gleich noch in einem Sketch bei „Saturday Night Live“ lustig machte.

Der schwarze „Star Wars“-Held: Im aktuellen Sternenkrieg-Spin-off spielt in Han Solos saulässigen, mit allen Wassern gewaschenen Schmuggler-Jugendfreund – einen der wenigen schwarzen Figuren im „Star Wars“-Kosmos
Der schwarze „Star Wars“-Held: Im aktuellen Sternenkrieg-Spin-off spielt in Han Solos saulässigen, mit allen Wassern gewaschenen Schmuggler-Jugendfreund – einen der wenigen schwarzen Figuren im „Star Wars“-Kosmos

Ausgerechnet diesen Lando Calrissian, der trotz überschaubarer Leinwandzeit seit der Original-Trilogie vor 40 Jahren einen gewissen Legendenstatus genießt, spielt Glover mit so viel Charisma und lässigem Witz, dass man ihm in Amerika sogar zutraut, das eher maue Einspielergebnis von „Solo“ mit einem eigenen Ableger wieder auszubügeln. Seit dem Marvel-Film „Black Panther“ sind schwarze Superhelden in Hollywood ohnehin gefragt.

„Das ist kein Genre, das ist Donald.“

Viel wichtiger für den Donald-Glover-Moment, den wir gerade erleben, dürfte aber die Fernsehserie „Atlanta“ sein, die Donald Glover selbst als Porträt seiner Heimatstadt konzipiert, geschrieben und teilweise inszeniert hat und in der er die Hauptrolle spielt: einen durchschnittlichen schwarzen Typen, der sich als Rap-Manager gar nicht mal arg viel, aber ein bisschen was erarbeiten will in seinem Land, das Afroamerikaner mit allen möglichen Formen verdeckter und offener Diskriminierung immer noch fette Steine in den Weg schmeißt.

Der Serienmacher: Gerade ging die zweite Staffel von „Atlanta“ zu Ende. Als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller bringt Glover das afroamerikanische Alltagsgefühl auf den Punkt.
Der Serienmacher: Gerade ging die zweite Staffel von „Atlanta“ zu Ende. Als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller bringt Glover das afroamerikanische Alltagsgefühl auf den Punkt.

„Atlanta“, hierzulande zu sehen auf Sky, ist eigentlich ein Sitcom-Format, legt dafür aber ziemlich oft und ziemlich direkt den amerikanischen Alltagsrassismus offen. Spätestens mit dieser Serie, deren zweite Staffel in den USA gerade endete, wird Donald Glover als aufmerksamer Gesellschaftsbeobachter gefeiert. Bei den Emmy-Awards gewann er dafür in den Comedy-Kategorien sowohl den Preis als bester Schauspieler als auch als bester Regisseur – letzteres als erster Afroamerikaner überhaupt.

„I really can do anything“

Damit ist Donald Glover das, was einige Menschen in Amerika als „Triple threat“ sehen – Schauspieler, Autor, Sänger, eine dreifache Bedrohung – wie er in seinem Begrüßungsmonolog bei „Saturday Night Live“ scherzte. Dazu hatte er dieses schöne selbstbewusst-selbstironische Schmunzeln aufgelegt, das Amerika an seinen großen Humoristen und Late-Night-Showmastern so liebt. Trotzdem meinte er es natürlich zugleich ganz ernst, als er dann in einem Sketch trällerte: „I really can do anything.“ Und als Alleskönner akkumuliert er im Kino, im Fernsehen und auf YouTube eine so große Aufmerksamkeit, dass es sich tatsächlich für die ganz großen Messages eignet. So wie es aussieht, scheint Glovers Masterplan aufzugehen: Gesellschaftskritik auf allen Kanälen.

Viel ist über das Video zu „ This is America“ gesagt und geschrieben worden – nur Donald Glover selbst hält sich seit der Veröffentlichung mit Kommentaren zurück. Für ihn fühle es sich gesünder an, jetzt erst mal einen gewissen Abstand zu den massenhaften Reaktionen zu bewahren, sagte er in der Late-Night-Show von Jimmy Kimmel. Der Reichweite seiner Botschaft ist sich Glover aber trotzdem bewusst.

Der Disney-Löwe: Kinderfreundlich: In einer Neuverfilmung von Disneys „Der König der Löwen“ (2019) soll Glover die Rolle des Simba sprechen.
Der Disney-Löwe: Kinderfreundlich: In einer Neuverfilmung von Disneys „Der König der Löwen“ (2019) soll Glover die Rolle des Simba sprechen.

Und er ist der Typ Künstler, der auch um die Verantwortung weiß, die mit der Macht seiner Videobilder einhergeht. Im Interview mit dem US-Magazin „Bustle“ sagte er: „Es ist wunderbar, diese Art von Macht zu haben. Das Entscheidende ist aber, dass du damit klarkommen musst, das Video loszulassen, wenn es einmal draußen ist. Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu sprechen, wie es wahrgenommen wird. Die Leute machen damit, was sie wollen. Es geht auch nicht um die Frage, für wen das Video ist. Das kann man nicht steuern. Fragen kann ich nur, was das mit mir zu tun hat.“

Was soll ein Schwarzer machen außer berühmt oder kriminell werden?

Das Besondere, das wahnsinnig Clevere an seinem Video ist die bittere Unverfrorenheit, mit der es nicht nur dem weißen, sondern ganz Amerika den Spiegel vorhält: Es ist nicht nur Kritik an Rassismus und Polizeigewalt, sondern auch an der Gewalt der Schwarzen, an ihrer Schockstarre und am Gegensatz von gefeierter schwarzer Popkultur und gesellschaftlicher Realität. Was soll ein Schwarzer machen außer berühmt oder kriminell werden? Außer immer irgendwie Opfer und Täter in einem sein – so wie es Donald Glover im Video durchspielt, abdrücken und weitermachen. Das ist die Botschaft, die er uns in seinem Video mit verstörender Deutlichkeit entgegenschreit: Alles findet gleichzeitig statt in diesem Amerika, die Gewalt und die Party, die Schuld und die Unschuld, und alles hängt mit allem zusammen. Eine einfache Wahrheit gibt es nicht über die Black Experience. Es gibt viele.

Aus dem Nichts kommt diese Stoßrichtung der Sozialkritik nicht. Die Vorarbeit dazu liegt bereits in großen Teilen in „Atlanta“. Beides – Musikvideo und Serie – entstand gemeinsam mit dem japanischen Regisseur Hiro Murai. Hier wie dort gibt Glover den Träumer und Tänzer, der im Strudel von Rassismus und Konsumgesellschaft immer wieder unvermittelt und wie nebenbei in seltsam bedrohliche Situationen gerät, die in ihrer surrealen Albtraumhaftigkeit an „Get Out“, Jordan Peeles Horrorsatire aus dem vergangenen Jahr, erinnern. Eine launige Szene, wie eine Polizeibefragung in einer der ersten „Atlanta“-Folgen, kann sich urplötzlich und unkontrollierbar aufheizen und eskalieren.

Das ist Amerika. Vor allem aber ist es die große Kunst von Donald Glover. „Mindestens zwanzig Leute haben mir in letzter Zeit erzählt, sie würden so was machen wollen wie ‚Atlanta‘“, erzählte die Schauspielerin und Serienmacherin Lena Dunham („Girls“) neulich in einem Interview. Entgegnet habe sie jedem dasselbe: „Ach, du meinst eine Serie, die zwischen qualvollem Drama und super-surrealistischen David- Lynch-Momenten hin und her schaltet und sich gleichzeitig am Rassismus in Amerika abarbeitet? Das ist kein Genre, das ist Donald.“ Der sucht derweil anscheinend schon nach neuen Rollen: Sein kommendes Album soll sein letztes als Childish Gambino sein, hat er angekündigt. Zwei, drei neue Ideen hat er sicher schon längst im Ärmel.

Tim Mosenfelder Getty Images

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