Kritik

„Das Damengambit”: Zug um Zug in den Netflix-Olymp

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Paris, 1967: Eine junge Frau mit zerzauster, rothaariger Bobfrisur und vollkommen verschmiertem Make-up wird durch lautes Klopfen aus ihrem komatösen Schlaf in einer übervollen Luxusbadewanne gerissen. Sie springt auf, streift sich die triefend nassen Kleider vom Leib, macht sich in Windeseile fertig und eilt in die Lobby des Hotels. Um Schach zu spielen, gegen niemand Geringeres als den amtierenden Weltmeister Vasily Borgov (Marcin Dorocinski).

Es ist die Ausgangsszene der neuen Netflix-Miniserie „Das Damengambit“, die von der Entwicklung eines Wunderkindes erzählt, das im Waisenhaus aufwächst und bald mit Tabletten-, später auch mit Alkoholabhängigkeit zu kämpfen hat und im Schachspiel gleichermaßen einen rettenden Anker wie eine weitere Obsession findet, die seine anderen Süchte weiter befeuert.

Stoisch, kunstvoll und tiefschürfend

Dass Walter Tevis‘ Roman „Das Damengambit“ von 1983 eines Tages adaptiert werden würde, ist keine Überraschung. Entwicklungsgeschichten eignen sich ohnehin hervorragend für serielles Erzählen und die Themengebiete Schach, Sucht und Einsamkeit, zusammengehalten von einem feministischen Tenor, besitzen einen vielversprechenden Neuigkeitswert. Zudem haben sich Tevis Werke schon in der Vergangenheit als spannendes Filmmaterial erwiesen: „Haie der Großstadt“ (1961), „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1967) mit David Bowie als Außerirdischen und Martin Scorseses „Die Farbe des Geldes“ (1984) basieren auf seinen Büchern.

Bereits in den Neunzigern sicherte sich der schottische Bühnenautor Allan Scott die Rechte am „Damengambit“, vor zehn Jahren arbeitete er mit Heath Ledger an einer Verfilmung. Ellen Page hätte die Hauptrolle übernehmen und das Projekt Ledgers Regiedebüt werden sollen. Nach dem plötzlichen Tod des Schauspielers wurde es jedoch auf Eis gelegt.

Nun also Netflix. Dass der Stoff ausgerechnet beim Streaming-Giganten landet, ist ein wenig überraschend. Zeigt die Plattform doch gerade im Serienbereich eine immer größere Vorliebe für kurzlebige, binging-geeignete und aufmerksamkeitsheischende Projekte, die im Idealfall schon vorher eine gewisse Fanbase erwarten lassen.

Regisseur Scott Franks („Logan – The Wolverine“) Adaption, für die er zusammen mit Allan Scott auch das Drehbuch verfasste, ist hingegen stoischer, kunstvoller und tiefschürfender, als man es von Netflix-Serien gewohnt ist. Sie nimmt sich angenehm viel Zeit dafür, die Entwicklung seiner Ausnahmeprotagonistin Elizabeth „Beth“ Harmon, zu erzählen. Virtuos wird ihr Aufstieg in der Schachwelt mit ihrem allmählichen Abrutschen in die Sucht verknüpft.

Sucht bedingt Sucht

Nach einem Autounfall, bei dem ihre Mutter zu Tode kam, landet sie als Achtjährige (Isla Johnston) in einem trostlosen Waisenhaus in Kentucky. Dort verteilt man großzügig Tranquilizer, um die Kinder ruhig zu stellen. Doch auch mit dem Schach kommt sie hier erstmals in Berührung: Im Keller des Heims bringt ihr der gleichermaßen eigenbrötlerische wie freundliche Hausmeister Mr. Shaibel (Bill Camp) das Spiel bei.

Nachts, vermeintlich im Drogendelirium, erscheint ein übergroßes Brett an der Decke, gedanklich spielt sie unzählige Partien durch. Die Schatten der Figuren legen sich wie in einer bösen Vorankündigung über ihre Gesicht, drohen sie zu verschlingen. Schnell wird klar, dass sie außerordentlich talentiert ist, wofür sie von Anfang an sowohl bewundert, aufgrund ihres Geschlechts aber auch immer wieder kritisch beäugt wird.

Später wird sie adoptiert, ausgerechnet von einem Paar mit erdrückenden Eheproblemen. Der „Vater“ zeigt keinerlei Interesse am Familienleben und verzieht sich auch bald, die Mutter Alma hingegen leidet unter der Freudlosigkeit ihres leeren Hausfrauendaseins. Marielle Heller, die vor allem als Regisseurin bekannt ist („Can you ever forgive me?“), spielt ihre tiefe Melancholie, die Verwundbarkeit, die sie ständig vor sich herträgt, überaus überzeugend. Auch Anya Taylor-Joy („The New Mutants“), die ab diesen Zeitpunkt die Hauptrolle übernimmt, spielt nuanciert und verleiht der unnahbaren Beth mehr emotionale Tiefe.

Quasi gleichzeitig nähert sich Beth der Schachkarriere und ihren Süchten weiter an. Als Mutter Alma merkt, dass mit dem Talent ihrer Tochter durchaus Geld zu machen ist, lässt sie sie die Schule schwänzen, um mit ihr zu Turnieren im ganzen Land zu fahren. Unterwegs lässt sie sie an ihrem Gibson nippen, später gibt’s zwei Pullen Bier auf ex und Pillenrezepte darf Beth ohnehin regelmäßig für sie einlösen.

Eingebettet in ein bunt-gezuckertes, visuell einnehmendes Sechziger-Jahre-Setting, das teilweise sehr an „Mad Men“ erinnert, schwingt sie sich vom lokalen Star zur nationalen Berühmtheit auf und erregt schließlich auch international immer größere Aufmerksamkeit. Übrigens: Wer genau hinsieht, erkennt auf ihrer Reise von Mexico City über Paris nach Moskau auch immer wieder Berliner Drehorte. Darunter das Kino International, den Zoo und den Friedrichstadt-Palast.

Starke Charaktere, keine unnötigen Romanzen

Während sie Journalist*innen zu umgarnen beginnen, eckt sie bei Gleichaltrigen an. Einsamkeit spielt nahezu immer eine große Rolle in ihrem Leben. Die meiste Zeit ist sie von (etwas) älteren Männern umgeben, die sie zunächst belächeln und dann, wenn sie sie vernichtend geschlagen hat, bewundern. Auch wenn umständliche Romanzen nur am Rande stattfinden, spielen einige von ihnen eine wiederkehrende Rolle in ihrem Leben. Zunächst ist da der bodenständige Harry, gespielt von Harry Melling, der vielen als verzogener Dudley aus der „Harry Potter“-Reihe bekannt sein dürfte. Dann der arrogante Benny (Thomas Brodie-Sangster) und schließlich Schönling (Jacob Fortune-Lloyd). Die glaubhafte charakterliche Entwicklung, die die Miniserie ihnen innerhalb nur weniger Folgen zugesteht, ist exzeptionell.

Beths Schwächen, ihr Hang zur Vereinsamung und (vermeintlicher) emotionaler Kälte wiederum werden durch Rückblenden und psychologische Altlasten erklärt. Doch trotz aller Feinheiten trifft ihr Schicksal nicht vollends, ihre Motive bleiben etwas zu undurchsichtig, um komplett in ihren Bann zu ziehen. Dessen ungeachtet ist sie eine bemerkenswerte Serienfigur – man hätte ihr einfach ein Quäntchen mehr Nahbarkeit gewünscht.

Am Ende hat sich „Das Damengambit“ über sieben Folgen hinweg in seinem beharrlichen Interesse an seinen Figuren, seiner einnehmend hochwertigen Ausstattung und einem grandiosen Ensemble Zug um Zug zu einer der besten Netflix-Serien des Jahres gespielt. Einer, der es gelingt über 300 (!) Schachspiele derartig spannend zu präsentieren, dass man selbst ohne jegliche Kenntnisse stets mitgerissen wird.

Das liegt auch an den inszenatorischen Kniffen, mit denen die 64 Felder des Bretts bespielt werden. Mal stolpern die Figuren in Stop-Motion-Technik über den Grund, mal wird das Muster genutzt, um mehrere Bilder gleichzeitig zu zeigen. Dass Beth sich bei weitem nicht nur siegreich über sie bewegt und gerade das Verlieren meist von persönlicher Entwicklung begleitet wird, rettet die Miniserie davor, vorhersehbar zu sein und lässt sie in einem absolut würdigen Schluss münden.

„Das Damengambit“ startet am 23. Oktober auf Netflix. Alle sieben Folgen der Miniserie erscheinen gleichzeitig.

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