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Titelgeschichte

Depeche Mode: Auf die Barrikaden, Kameraden!

Nordwestlich von Los Angeles, wo die Riesenmetropole zerläuft wie ein Schleier Benzin in einer Pfütze, hängen dunkle Wolken am Himmel. Auf dem Highway 101 schlängeln sich die leuchtenden Rücklichter aus der Stadt heraus. Bei Ventura, entlang der Pazifikküste, setzt plötzlich Platzregen ein, den der Wind vom Meer seitlich gegen die Autoscheiben peitscht. Kalifornien im Februar? Viel anders sieht es an der englischen Nordseeküste jetzt sicher auch nicht aus. Würden hier nicht die meterhohen Palmen im Wind hin und her wippen.

Im Autoradio auf 101.1 FM läuft „Boogie Wonderland“ von Earth, Wind & Fire, die Doobie Brothers, dann „Hold The Line“ von Toto, Taylor Swift, und ein bisschen R’n’B aus den 90ern. Lauryn Hill hat noch nicht ganz zu Ende gesoult, da dreht der Moderator vom Lokalsender die Regler runter und holt Sally in die Leitung: „Glückwunsch, Sally, dein Name ist mit in der Verlosung: zwei Karten für Depeche Mode – im Juli, in Paris. Bleibt alle dran, in einer halben Stunden haben wir den nächsten Anrufer am Apparat …!“ Ein paar Sekunden aus „Enjoy The Silence“ sind als Soundbett unter Sallys Jubel gelegt: „All I ever wanted, all I ever needed, is here in my arms, words are very unnecessary.“ Und ein bisschen ist es ja tatsächlich so: Depeche Mode sind wieder da, nach vier Jahren, die neue Platte SPIRIT, jetzt im Handel. Sehr, sehr, sehr viele Menschen fügen in dieser Aufreihung noch irgendwo ein „endlich“ ein – und gut ist. Was soll man da noch groß sagen? #einfachgenießen, oder?

„Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich mal wieder selbst herausfordern muss und etwas Neues probiert“ – Martin Gore

Ein paar Fragen gäbe es aber doch noch, selbst bei Album Nummer 14 im 37. Bandjahr. Deshalb die Autofahrt raus aus Los Angeles, den Highway 101 entlang Richtung Santa Barbara, wo Martin L. Gore lebt und ein Großteil der Platte mit dem neuen Produzenten James Ford (Simian Mobile Disco) entstanden ist. „Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich mal wieder selbst herausfordern muss und etwas Neues probiert“, wird Gore später im Interview sagen und den schön banalen Allerweltssatz mit einem schön bauchigen Zigarettenlachen weggurgeln.

Wer Ruhe mag, ist im „Four Seasons“ in Santa Barbara genau richtig. Hinter der Bahnschranke an der Olive Mill Road macht die Straße einen leichten Knick nach rechts und plötzlich tut sich ein riesiges Areal mit einem zweistöckigen Gebäudekomplex auf, das direkt auf den Pazifik zeigt. Hier findet später das Interview mit Martin L. Gore statt. Zwischen dem „Four Seasons“ und dem Sandstrand liegt nur eine schmale Straße. Bei 13 Grad Lufttemperatur und leichtem Regen paddelt im Wasser ein einsamer Surfer. Der Himmel: ein einziges Grau.

Das Hotel selbst ist eingebettet in eine grüne Hölle aus Sträuchern, Büschen und Palmen. Wer dort eine Nacht einkehren möchte, sollte zumindest 500 Dollar als Gepäck mitbringen. An diesem Dienstag Ende Februar, kurz vor zehn Uhr morgens, scheint sich die Auslastung in Grenzen zu halten. Ein paar gut gelaunte Latinos stutzen die Büsche am Seiteneingang und fabulieren über ein Baseballspiel vom Vorabend. Der beheizte Außenpool im Innenhof wiegt still unter dem aufsteigenden Wasserdampf. Ansonsten viel Stille und das Plätschern der Regentropfen gegen die Sonnenschirme. Erst in der Lobby zeigt sich ein bisschen Alltag. Ein Pärchen kramt die Reiseunterlagen hervor, zwei Kinder jagen sich in der Mitte des Raumes um einen runden Holztisch mit einer Schale Gratisäpfel. „Zimmer 209. Mr. Gore wartet auf Sie“, sagt die Dame an der Rezeption.



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