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Depeche Mode Spirit

Columbia/Sony

von
Depeche Mode: SPIRIT

Es war wohl höchste Zeit für einen neuen Produzenten nach drei Alben unter der Regie des vielleicht doch etwas zu zurückhaltenden Ben Hillier. Denn auch wenn Depeche Mode heute nicht mehr so viele nachdrückliche Songs einfallen wie früher, so soll ihre Musik doch wenigstens dringlich klingen. Mit James Ford (Simian Mobile Disco und u.a. Hausproduzent der Arctic Monkeys) zieht eine ungeahnte Roughness und sogar wieder Gefährlichkeit ein bei DeMo, wie wir sie zuletzt bei der acht Jahre alten Single „Wrong“ verspürt hatten. Es gibt echten Noise auf SPIRIT, ein vorsätzliches Zuviel an Spuren, Aussteuerung, Verzerrung. Dramatische Drums, echte Kulmination, Verdichtung bis an die Grenze zum Getöse.

Das dem Gore’schen Ordnungsprinzip gehorchende Nebeneinander der typischen DeMo-Sounds und -Stilmittel – mit den bekannten Schwerpunkten wie der offen verkabelten Elektronik des Schranksynthesizer-Nerds Martin L. und den meist etwas schlichten Bluesmann-Fantasien seines Partners –, das die Gruppe zuletzt ziemlich ausrechenbar gemacht hat, gerät unter Druck, in Bewegung, fast ein bisschen durcheinander. Songs werden auch einfach mal abgewürgt, indem Ford in die Kickdrum grätscht. Wo ein tricky Beat aus der Old-School-Drum-Machine auf einen unberechenbaren Bass und Trap-Handclaps trifft wie in „Scum“, klingt das gleichzeitig nach einem Basictrack von Deichkind und dem lustigen Durcheinander von „Master And Servant“. Aber auch in einem mit Ambientflächen, Steelguitar und White Noise aufgeschichteten Formen- und Farbenspiel rund um das sauber einzugrenzende Thema „Erfrierungsfantasie in Synthesizer-Pop“ zeigt die DeMo-/Ford-Kombi all den todesöden „Atmosphärische Elektronik“-Acts dort draußen, wie man es richtig macht. Das Stück heißt „Cover Me“, und ja: Besser Sie setzen sich dafür einen großen Kopfhörer auf die Ohren, denn es wird richtig kalt!

Überall Kraftwerk-Sequenzen, sehr deutlich, ziemlich mächtig – aber Rogue-One-Style.

Depeche Mode bekennen sich auf SPIRIT außerdem deutlich wie nie zu ihrem „Vor-Früher“, zu ihren wahren Vätern: überall Kraftwerk-Sequenzen, sehr deutlich, ziemlich mächtig. Nur klingt es nach aufgebohrtem, frisiertem Kraftwerk – „Rogue One“-Style, wenn man so will.  „So Much Love“ mit seinem Locomotion-Beat und dem superpotenten Sechzehntel-Bass ließe sich live wiederum direkt mit dem Oldie „A Question Of Time“ verknoten. Und waren da nicht gerade ein paar dieser alten scheppernden Neubauten-Samples zu hören? Und dieses sirenenartige Sirren, das damals, als die Band in Berlin aufnahm, für einen „industriellen“ Sound stand oder vielleicht auch für die Möglichkeit eines Luftangriffs auf die Mauerstadt im Kalten Krieg? Und warum holen die das ausgerechnet 2017 wieder aus ihrem Archiv?

Ja genau, diese Platte soll ja auch politisch sein. Eine Platte ihrer, unserer scheißbedrohlichen, neofaschistisch aufkeimenden Zeit? Man darf sagen: Depeche Mode haben es immerhin versucht. Zumindest in Kombination mit Anton Corbijns Video – ein Tanz der Russenrevolutionspuppen auf trostlosem Fabrikhof vor den drei verloren wirkenden Revolutionären Gahan, Gore und Fletcher – bringt einen „Where’s The Revolution“ ins Grübeln: Wollen wir tatsächlich eine Revolution? Mit welchem Ergebnis? Und vor allem: zu welchem Preis? Haben Sie schon die Bilder im Internet gesehen, die ein Videostill mit Gahan als Revolutionsführer neben einem sehr ähnlichen Motiv mit Lenin auf dem selbstgezimmerten Podium zeigen? Nein? Sehr interessant!

Es gibt nur zwei Songs, bei denen man nicht nur die gute Absicht zur Kommentierung der politischen Verhältnisse (an)erkennt.

Auch an grundrichtigen Zeilen wie „We have no respect, we have lost control“ („Going Backwards“) ist nichts auszusetzen, hier nicht einmal Gahans mahnende Blues-„Mmhs“ (anders als zur Untermalung seiner Reim-Kette „news“/„blues“/„shoes“/„nothing to lose“ in, ächz, genau: „Poorman“). Doch eigentlich gibt es nur zwei Songs, bei denen man nicht nur die gute Absicht zur Kommentierung der politischen Verhältnisse anerkennt, sondern die einen tatsächlich packen. Es sind zwei Gore-Balladen. Die eine, „Fail“, am Ende der Platte, handelt davon, dass wir alle es verkackt haben, der „Spirit“ aus der Welt verschwunden ist: „Oh, we failed“. Dieses Tremolo setzt einem zu. Man muss ihm glauben oder sich schütteln.

Die zweite, „Eternal“, handelt davon, dass er sein „little one“ – er wird bald wieder Vater –  schützen, umschließen will mit seiner Liebe. Ist es ein Versprechen, Gebet oder Flehen, was wir hier hören? „Eternal“ eröffnet mit dem traurigsten aller Tasteninstrumente, dem Harmonium. Und es endet, nach nicht einmal zweieinhalb Minuten, in fast schon absurdem, gewittrig dräuendem Bombast, bei dem man zu seiner Anlage hechten möchte, weil: Zu viel! Zu laut! Der Typ übertreibt doch! … Oder? Man war sich da vielleicht schon mal ein bisschen sicherer.

 

Vom 16. März an erhältlich: MUSIKEXPRESS 4/2017 mit exklusiver Vinyl-Single

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