Popkolumne, Folge 96

Die 11 objektiv besten Songs des Jahres 2020 (laut Linus Volkmanns neuer Popwoche)

von

LOGBUCH KALENDERWOCHE 51/2020

Was soll bei einem schon groß passiert sein dieser Tage? Merkel möchte einen drinnen sehen, im Internet ist eine Stimmung wie auf einem angezündeten Komposthaufen, mittlerweile kennt vermutlich jeder Leute, die sich mit Corona infiziert haben nicht mehr bloß aus der Statistik – sondern konkret aus dem Bekanntenkreis. Und zu allem Überfluss geht beim Koks-Taxi keiner mehr dran. Ich frage Euch, was kann man denn dieser Tage überhaupt noch machen? Ganz richtig: einen Rosenkohl-Auflauf.

Respektiert den Rosenkohl

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DIE 11 BESTEN SONGS DER WOCHE DES JAHRES 2020

Ihr werdet „lachen“, aber mir ist Folgendes bei den diesjährigen Mitarbeiter*innen-Charts des Musikexpress passiert: Ich habe verpasst, meine eigenen einzureichen. Im Nachhinein denke ich, die feinen Kolleg*innen hatten mich auch gar nicht wirklich eingeladen. Diese Snobs! Denn jetzt haben wir den Salat: eine ganze Alben-Hitparade ohne meinen bekömmlichen Einfluss – nachzulesen in der aktuellen Ausgabe.

Nur hier daher mal… die elf Songs des Jahres, die ich Euch ans Herz legen möchte. Falls Ihr noch Inspiration nach der zweiten Flasche Apfelkorn an Silvester braucht, bin ich Euer Mann. Streng genommen auch bereits weit vorher!

01. AKNE KID JOE – „What AfD thinks what we do”

Schrammelig, originell, eingängig. Was  diese tätowierten Keyboard-Punker*innen mit Frankenhintergrund anfassen, wurde dieses Jahr Gold.

02. KOTZREIZ – „Toilettenstern“

Meine Eltern haben sich zu einem Song mit Oktavbass scheiden lassen – aber trotzdem kann ich nicht anders, als diese Hommage an gemeinsame Klogänge und Love für großartig zu halten.

03. MARIYBU – „PMS”

Skelettierte Beats und jeden Satz rausgespittet, als hätte man gerade Arafat Abu-Chaker den letzten freien Parkplatz vor REWE geklaut. Tja, die krassesten Gangsta haben heute eben PMS.

04. BLACK COUNTRY, NEW ROAD – „Science Fair”

Musik, die streng genommen zu clever und virtuos für mich ist. Aber der Emo-Faktor holt mich rein und dieses Drama und in die zitternde Stimme. Richtig aufregende Musik,

05. WONK UNIT„Summertime”

Britanniens fleißigste DIY-Punks haben den Hit für all die ausgefallenen Diskopogo-Abende im Club.

06. PISSE – “Die Kündigung“

07. SORRY3000 – „Nasenspray“

08. DIE MANFREDS – „Die ärmste Band der Welt“

09. BILLIE EILISH„No Time To Die“

10. Albrecht Schrader – „Auf dem Golfplatz“

11. HAMBURG SPINNERS feat. Erobique„Palmaillerennen”

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DIE 5 SCHÖNSTEN NACHRICHTEN VOM TELEGRAM-WENDLER

Vielleicht mache ich mich mitschuldig, weil ich diesem Irren-Kanal vom Wendler auf Telegram folge, vielleicht ist es auch schlecht fürs eigene Karma, sich von einem gefallenen C-Promi-Narzisst entertainen zu wollen. Es gibt bestimmt viele Gründe, warum ich mit in die Hölle gerissen werden könnte, doch so ist es nun mal: Ich verfolge den Info-Kanal von Michael Wendler – wohnhaft in den USA derzeit. Faszinierende Gegenwelten eröffnen sich hier, dagegen ist „Herr der Ringe“ purer Realismus. Wendler postuliert nimmermüde den Sieg Donald Trumps bei der US-Wahl und ist nicht einverstanden mit der Politik von Echsenmensch Angela Merkel.

Die Vorstellung allerdings, dass er mit diesem eitlen Scheiß tatsächlich Leute aufstachelt, sich unsolidarisch zu verhalten und ihre Masken abzunehmen, macht dieses Guilty Pleasure zuletzt immer noch mehr Guilty. Schließlich besitzt der digitale Nassmüll ja echte Empfänger*innen, die sich nicht bloß über den Typen lustig machen wollen.

Doch Humor ist eine Waffe.

Und wer sich die allwissende Schlagermüllhalde (verständlicherweise) nicht gibt, kann hier trotzdem mal über dieses Peinlichkeits-Armageddon lachen. Wie es früher bei bento, vice und Co. immer hieß: „Wir sind mit dem Fass die Niagarafälle runtergefahren, damit Ihr es nicht tun müsst“. So ähnlich!

  • 01. Ja, der Wendler sitzt auf der Feststelltaste seiner Tastatur und ist immer auf der Suche nach noch dramatischeren Emojis.

  • 02. Natürlich möchte Donald Trump keine militärischen Operationen anleiern, ohne seinen liebsten Ex-Insassen des deutschen Dschungelcamps: Den Wendler. Wie sonst könnte jener so gut über die Geheim-Pläne des Pentagon Bescheid wissen? Das Posting hier mag übrigens krass klingen, aber zum Glück ist „Kriegsrecht“ in Gänsefüßchen geschrieben. Scheint also doch nicht so wild zu sein.

  • 03. Der Wendler arbeitet viel mit der vertiefenden Wiederholung. Schon wieder „Kriegsrecht“. In dieser Nachricht fasziniert dabei das überraschende „Daumen hoch“-Emoji am Schluss.

  • 04. Er ist Drosten, Merkel, Bill Gates und den Illuminaten auf die Schliche gekommen. Einzig an der Schreibweise des Wortes Ziel beißt sich das Super-Brain mit Schlager-Hintergrund die Zähne aus.

  • 05. Wichtige Unterscheidung, liebe Rechtswissenschaftler*innen: Es gibt „Zensur“ und „Extrem Zensur“.
    Dass darüber hinaus alles grundsätzlich immer wie Hitler ist, versteht sich dagegen für jeden guten Verschwörungs-Michi von selbst.

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DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: VERONIKA KRACHER

„Incels“? Das bezeichnet jemanden, der „unfreiwillig zölibatär“ lebt. Klingt seltsam, aber harmlos? Wohl kaum, in dem Begriff allein schwingt schon so viel Gruseliges – wie etwa eine Art Anspruch auf Sex, aber vor allem auch ein großer Frust der (selbst)bezeichneten Personen. Die testosteronige Incel-Kultur vergiftet das Netz, allerdings auch viele reale Gewalttaten sogenannter Amokläufer lassen sich auf diese Szene zurückführen. Die Journalistin Veronika Kracher hat eines der ersten Bücher zu diesem Phänomen geschrieben.

Erste Frage ist immer ganz einfach: Wie geht’s Dir gerade?

VERONIKA KRACHER: Es ist natürlich schon seltsam alles – man veröffentlicht das erste Buch, was der wichtigste Moment meines bisherigen Lebens ist und etwas, das ich immer tun wollte – und das aber inmitten einer Pandemie. Da fallen die Präsenzveranstaltungen und die Release-Party natürlich flach, was sehr traurig ist. Aber es haben sich wegen des Buches tolle neue berufliche Perspektiven eröffnet, was mich natürlich wahnsinnig freut. Kurz: Ich bin sehr gestresst, aber zufrieden mit meiner eigenen Arbeit.

Was bei Deinem Buch „Incels“ heraussticht, ist die Ansprache. Du nimmst ganz bewusst keine neutrale Sprecherinnenposition ein. Erfrischend, aber durchaus ungewöhnlich in einem Sachbuch. War Dir das von vorne herein klar, dass es so werden würde, oder ergab sich das beim Schreiben?

VERONIKA KRACHER: Man merkt dem Buch an, dass es von einer Feministin und Kommunistin geschrieben worden ist, oder? Ich versuche, wie bei meiner politischen Arbeit generell, komplexe theoretische Sachverhalte so zu vermitteln, dass sie auch außerhalb eines akademischen Publikums rezipiert werden können, ohne jedoch Abstriche bei der Komplexität zu machen. Theorie muss für alle zugänglich sein. Ich denke auch, dass es gerade beim Feminismus, der ja das Überwinden des erfahrenen Leids von Frauen und weiblich gelesenen Personen relevant ist, eigene Leiderfahrungen zum Ausgangspunkt zu nehmen und von da aus auf eine Gesellschaftskritik zu abstrahieren. Und letztendlich hilft es bei einem Gegenstand wie Incels durchaus, ein bisschen oder ein bisschen sehr polemisch zu sein; um Distanz zu schaffen und um das Rezipierte für sich selbst verarbeiten zu können.

Wie kann man sich im Netz schützen, wenn man aus welchem Grund auch immer von Incel-Gruppen ins Visier genommen wird?

VERONIKA KRACHER: Das kommt auf die Natur der Attacken an. Bei dummen Kommentaren reicht die einfache Blockfunktion, aber bei größeren Angriffen wie Doxxing würde ich dazu raten, eine Anwältin zu konsultieren. Am wichtigsten ist, sich vor Augen zu halten, dass die Attacken politischer und nicht persönlicher Natur sind – man wird als Frau, die sich feministisch äußert angegriffen. Die wollen eine dafür bestrafen, und bedrohen, und anderen Frauen vermitteln, dass ihnen das Gleiche passieren kann, wenn sie das ebenfalls tun. Deshalb ist der wichtigste Schutz die Solidarität: Wenn eine Genoss*in von Antifeministen und sonstigen Rechten angegriffen wird gilt es, sich mit ihr zu solidarisieren, die Angriffe zu kontern, und ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine ist.

„Incels“ ist erschienen im Ventil Verlag

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EP DER WOCHE: LAUTER BÄUMEN

Eine mäßig aktive Nischenband, deren sparsamer Output allerdings zum Niederknien ist. Wer sich immer gefragt hat, könnte es nicht mal einen Hybrid geben aus nihilistisch verheultem Emo (The Promise Ring), den mittleren Tocotronic und Jens Rachut… dem sage ich: Das Warten hat ein Ende.

Gut, die eben gelistete Mischung klingt wie das letztlich eher gescheiterte Experiment in dem Film „Die Fliege“, aber hier ist es gelungen. Schwör’s Euch.

Jetzt gibt es eine neue 12-Inch in kleiner Auflage von Lauter Bäumen. Vielleicht ist das was für Euch. Hört mal rein bei Bandcamp.

MEME DER WOCHE

GUILTY OR PLEASURE (90s Edition, PT 21): U96

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst! 

FOLGE 21: U96

HERKUNFT: Hamburg
GENRE: Techno-Pop
DISKOGRAPHIE:
6 Studio-Alben
ERFOLGE: Weltweit verkaufte sich „Das Boot“, der Initial-Hit der Band, zwei Millionen Mal, belegte lange den Spitzenplatz der Single-Bestenliste in Deutschland. Das gleichnamige Debüt-Album schaffte es bis auf Platz 11 der Charts – für eine goldene Schallplatte reichte es allerdings lediglich in der Schweiz.
TRIVIA Der Act ist bis heute (geschrumpft auf ein Duo) unter dem Namen U96 aktiv. Gründungsmitglied Alex Christensen zählt allerdings nicht mehr dazu. Christensen persifliert seine Eurotrash-Producer-Vergangenheit übrigens selbstironisch in der Studio-Braun-Mockumentary „Fraktus“.

PRO
Techno hatte 1991 noch kaum jemand abseits subversiver Dancefloors auf dem Schirm. Mit U96 erreichte der Trend das nächste Level. Der hypnotische Hedonismus schiebt mit „Das Boot“ von U96 die Landungsbrücken raus. Dieser Act stellt ein Scharnier dar, das den Sound der Stunde neuen Hörerschaften zugänglich machte.

CONTRA
Die Verwässerung, die mit dieser Band einherging, übertraf noch jedes nasse Unterseeboot-Motiv, auf das U96 sich ästhetisch beriefen. Techno wurde hiermit nicht nur zu Pop und Eurodance formatiert, nein, in der abgeschöpften Melodie des bekannten Soundtracks von „Das Boot“ schlummert bereits etwas noch Schlimmeres: die Durch-Debilisierung des Genres hin zur Kinderlieder-Mucke. So gutes MDMA um das Gesamtwerk dieser Band zu ertragen, kann es gar nicht geben.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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