Die 50 besten Punk-Alben aller Zeiten

Johnny MopedCycledelic (1978)

Schöner als Billy Childish hat niemand diesen Mann beschrieben: „Johnny Moped besaß drei Zutaten, die Maximum Rock’n’Roll braucht: Stümperhaftigkeit, Chaos und Humor.“ Johnny Moped war ein tapsiger, lausiger Sänger, Slimey Toad traktierte, wenn sich´s ein bisschen zog, wie ein Vergessener der Progrock-Ära seine Gitarre. Die Moped-Songs mussten nicht in Fahrt kommen, sie definierten Punk über mäßigen Geschmack und Comedy: „Darling, Let’s Have Another Baby“.(Fsa)

https://www.youtube.com/watch?v=fkCaOcwDGuo

Devo – Q: Are we not Men? A: We are Devo! (1978)

De–Evolution, die menschliche Regression als Gegenentwurf zum kapitalistischen Fortschrittswahn. Dadaismus in rumpelige Arrangements gegossen, aufgeführt in irren Kostümen. Kunststudentenmusik! Produziert von Brian Eno. Passt alles nicht zusammen? Natürlich nicht. Ist das denn überhaupt Punk? Aber ja! Devos Debüt ist ein freigeistiges Meisterwerk, das seiner Zeit Jahrzehnte voraus war. In seiner Konzepthaftigkeit steht Q: ARE NOT MEN? … immer mit einem Bein im White Cube und bleibt doch ein rasiermesserscharfes Statement zur politischen Situation der Welt, in der sich der aktuelle US-Präsident alle Mühe gibt, den Begriff Devolution perfekt zu illustrieren. Außerdem hat „Mongoloid“ den schönsten Achtel-Punk-Basslauf aller Zeiten. Punkt. (Tak)

X-Ray SpexGermfree Adolescents (1978)

Ein Saxophon als „weapon of choice“: Eier muss man haben. Oder halt nicht, so wie Poly Styrene, Pionierin unter den englischen Front-Amazonen, die Zahnspange trug und grollte, sie schneide sich eine Glatze, wenn man sie zum Sexsymbol stilisiere. Tat sie dann auch. Styrene starb 2011, ihr Meisterwerk bleibt, dank Sax, Groove und dem Punkfeminismus-Urschrei „Oh BondageUp Yours“, enthalten erst auf der 1991er Re-Issue von GERMFREE ADOLESCENTS. (Jl)

BuzzcocksSingles Going Steady (1979)

Dass das Artwork von LET IT BE inspiriert gewesen sein soll: geschenkt. SINGLES GOING STEADY ist eine Singles-Compilation, die sich wie ein Debüt spielt. Die Songs von Pete Shelley lassen Clash und Pistols wie Hardrocker dastehen, sie schießen in großen, leichten Bögen durch eine Welt voller lächerlicher Verwerfungen. „Ever Fallen in Love“ und „What Do I Get?“ “ – zwei für die Ewigkeit. They could have been bigger than the Beatles, oder? (fsa)

The Ruts – The Crack (1979)

Mit seinem Genre-Crossover leistete das einzige offizielle Werk des Londoner Quartetts um Sänger Malcolm Owen Missionsarbeit: Hochenergetischer Punk („Babylon’s Burning“) ohne Hauruck-Dilettantismus standen Dub-Reggae („Jah War“) und fast schon New-Wave-Pop-verdächtige Tanzflächenfüller („It Was Cold“) zur Seite. Owen starb am 14. Juli 1980 an einer Überdosis. Ein Karrierereset wie Joy Division nach ihrer Verwandlung zu New Order gelang The Ruts leider nicht. (mk)

The UndertonesThe Undertones(1979)

Sie waren im nordirischen Derry zuhause, einer armen, vom Krieg zerrissenen Stadt, und hatten sicher nicht die trendigen Klamotten der Londoner Punks – dafür aber die richtigen Songs. Einer davon, „Teenage Kicks“, wurde zu einem der größten Punkrock-Hits überhaupt, bereicherte aber erst die Zweitauflage ihres Debütalbums, das dank Feargal Sharkeys schneidender Stimme und dem ungeheuren Vorwärtsdrangs dieser glühenden Kämpfer auch schon ohne überzeugte. (us)

Germs(GI) (1979)

Manchen gilt die Band aus L.A. als Blaupause des US-Hardcore, anderen als schlechter Scherz mit tödlichen Folgen für Sänger Darby Crash. Für heutige Ohren klingen die Bemühungen auf ihrem einzigen, von Joan Jett „produzierten“ Album wie eine Mickymaus-Geisterbahn-Version der Dead Boys: klirrende, sägende Gitarren, Klapperschlagzeug, keine Bässe und ein Sänger, der sich auskotzt. Kurt Cobain war Fan und holte später Gitarrist Pat Smear zu Nirvana. (msa)

S.Y.P.H.S.Y.P.H. (1980)

Stammgast Peter kennen im „Ratinger Hof“ alle nur als Harry Rag, benannt nach dem Kinks-Song. Er ist Sänger der Solinger Band S.Y.P.H., die zwar 1977 schon gegründet wird, aber 1980 erst ihr Debüt veröffentlicht. Dieses kennt zwei Richtungen, auf Seite eins geht es schnell und geradeaus, „Zurück zum Beton“ und „Industrie-Mädchen“ heißen die Hits. Seite zwei ufert aus, Punks spielen Can. Holger Szukay ist begeistert und produziert den Nachfolger. (ab)

XLos Angeles (1980)

Als nihilistische Antiversion von Jefferson Airplanes Grace Slick und Marty Balin ging das X-Frontduo Christine „Exene“ Cervenka und John Doe in die Punk-Geschichte ein. Gewürzt mit Gossenpoesie („Sex And Dying In High Society“), ‘ner Prise Rockabilly („Johnny Hit Run Paulene“), Ska („The World’s A Mess; It’s In My Kiss“) und Doors-Reminiszenzen („The Unheard Music“), überragte der von Ray Manzarek (genau, The Doors) schroff produzierte Erstling locker die Konkurrenz. (mk)

AbwärtsAmok Koma (1980)

Der „Deutsche Herbst“ und die Folgen, Polizeiwillkür und Angst vor einem totalitären „Computerstaat“. In diesem beklemmenden Setting gedieh ein Unbehagen, dem Abwärts aus Hamburg mit nervösem Wave-Punk Gestalt gaben. Songs wie „Maschinenland“: Dystopien für die zwischen kalter Wut und Ohnmacht erstarrte Linke der Bonner Republik, kaputte Gespensterlieder, die Frank Ziegert sang wie ein Tier mit wilden Augen – gehetzt, als ginge es um sein Leben. (Jl)


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