Jahresrückblick 2015

Die neue Avantgarde


In den Jahren mit der Fünf werden die Weichen gestellt. Das galt von 1955 bis 2005. Und das gilt für 2015: Eine neue Form von Avantgarde ist erfolgreich, weil sie eine Gegenreaktion zur digitalen Musikrevolution ist. Das Äquivalent der Musik zum philosophischen Roman und zum experimentellen Hollywoodfilm.

Auch die Wirkung der Musik der Techno-Dekonstruktivistin Holly Herndon oder der Ambient-Feldforscherin Bérangère Maximin lässt sich nicht streamen, nicht downloaden. Diese Tracks zu hören und sie live zu erfahren, in Kombination mit häufig atemberaubenden Kunst- und Videoinstallationen, ist somit eine Gegenreaktion auf die komfortablen Verlockungen der digitalen Industrie. Wer die Ernährungsindustrie für ihren Missbrauch von Tieren, Menschen und der Natur hasst, wird vegan, kauft lokal, gärtnert selbst. Wer auf ein eigenes Auto scheißt, teilt sich eines oder fährt Fahrrad. Wer die Methoden der Modefirmen ekelhaft findet, lässt sich eigene Kleidung schneidern oder strickt selbst. Diese Konsumtrends stellen viele Dinge auf den Kopf. Jetzt ist endlich der Musikhörer dran. Er hat es satt, alles zu haben – aber billig. Daher kauft er Vinyl – das ist der Tonträgertrend. Und daher kniet er sich in komplexe, konzeptuelle, kathartische Musik hinein – das ist der Avantgarde-Trend.

In diesem Sinne hat Max Richter die popkulturelle Geste des Jahres gezeigt: Der in Hameln geborene britische Minimalist und Neo-Klassik-Komponist fragte sich zu Beginn seiner Arbeit am Nachfolgewerk zu seiner gefeierten Neudeutung von Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“, was die Welt im Jahr 2015 am dringlichsten benötigt. Viele seiner Avantgarde-Kollege produzieren Weckrufe. Richter erschuf ein „Wiegenlied für die ungebändigte Welt“. Acht Stunden läuft seine Komposition SLEEP, auf CD und LP veröffentlichte er den einstündigen Auszug FROM SLEEP. Er wolle seinen Hörern eine „Urlaubszeit abseits des hektischen Daten-Universums“ bieten, sagt er. Damit steht Max Richter für den Easy-Listening-Arm der neuen Avantgarde. Thematisch trifft er jedoch den gleichen Kern wie die industriell Lärmenden: Diese Musik besteht nicht mehr nur aus Files. Sie ist eingebettet in eine umfassende kulturelle und gesellschaftliche Philosophie. Alben werden zu Statements, zu Debattenbeiträgen, über die es sich zu diskutieren lohnt. Klar ist das anspruchsvoll. Aber in anderen Künsten gibt es diese Art der vertieften Kulturrezeption längst. In der Literatur natürlich. Aber auch im Film. Regisseure wie Christopher Nolan (wir erinnern uns an den Namen des Tracks von Ben Frost), David Lynch und Lars von Trier haben die cineastische Avantgarde für ein größeres Publikum schon vor Jahren etabliert. Jetzt zieht die Musik nach: Die Hörer sind bereit, die Künstler nutzen ihre Chance.

Jetzt werden einige sagen: „Na ja, gleich so eine Welle darum machen, neu ist das alles nicht, mal abwarten, was bleibt.“ Aber das hat man 1995 auch gesagt, als Grunge entstand. Daher zum Schluss eine Wette: Wenn wir uns 2025 an dieser Stelle wiederlesen und einräumen müssen, dass die neue Avantgarde im Jahr 2015 keine Entwicklung in Gang gesetzt hat, die das restliche Jahrzehnt geprägt haben wird, hört die Redaktion zur Strafe zehn Mal hintereinander DRONES von Muse. Denn wenn das die Zukunft ist, dann haben wir nichts anderes verdient.