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Von Ponys und Dollars

Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

Stilkolumne

Do it like Billie: Warum wir uns die Haare färben sollten

von
Jan Kedves
Jan Kedves

Tolle künstliche Haarfarben! Was wäre Pop ohne sie. Das Knallpink von P!nk, die einst slime-grünen Ansätze von Billie Eilish, die Schoko-Vanillesoßen-Kombo von Dua Lipa. Je häufiger ich auf der Straße weiße FFP2-Masken sehe, desto mehr sehne ich mich nach solchen extravaganten Färbe-Orgien. Die Corona-Pandemie erlaubt ja in der unteren Gesichtshälfte kaum noch Ausdrucksmöglichkeiten. Lippenstifte, aufgespritzte Schlauchbootlippen, strahlend polierte Zähne, Piercings in Zunge, Lippe oder Nase, und natürlich Zahnspangen (Poly Styrene!) und Rapper-Grillz mit zigfachen Bling-Steinchen: All diese Mittel der Individuation verschwinden unter Masken. Was bleibt?

Tatsächlich sind die Mode- und Lifestyle-Magazine gerade voll von Anleitungen, wie man sich zu Hause die allertollsten künstlichen Haarfarben selbst auf den Kopf zaubern kann. Was soll man auch anderes machen, wenn die Friseure zwischendurch vielleicht mal wieder oder immer noch zu haben? Besonders im Trend liegen derzeit Expert*innen zufolge: zartes Zuckerwatte-Rosa, ein mattes Blauschwarz, also gefärbtes Schwarz mit dazwischengesetzten dunkelblauen Strähnen, außerdem verschiedene Kombinationen von Toffee-Tönen (siehe Dua Lipa) und Fantasy-Blue, also ein verwaschenes Meerjungfrauenblau, so wie Grimes es vor zehn Jahren schon einmal hatte.

Sollten wir alle es ihnen nachtun?

Mein Bauchgefühl sagt, dass gefärbte Haare immer noch vor allem eine Sache von Frauen sind, dass die Gleichberechtigung hier also noch aufzuholen hat, aber das stimmt natürlich nicht: Bad Bunny, J Balvin, Machine Gun Kelly, Yungblud, Gus Dapperton – es gibt eine stattliche Reihe von Männern im Pop, die gerade mit giftgrünen, blauen, weißblonden Haaren und so weiter spielen. Gut so!

Soll ich es ihnen nachtun? Sollten wir alle es ihnen nachtun? Ich habe mich zumindest in den vergangenen Wochen mehrmals dabei ertappt, wie ich das Wörtchen „Aufhellungsspray“ in Google tippte. Aufhellungsspray sprüht man sich ohne Friseur selbst in die nassen Haare, die werden davon nur ein bisschen heller, also nicht wasserstoffblond. So ein selbstgesprühtes, schön ausgeblichenes Fake-Surferblond, wäre das nicht ganz nice für diesen Sommer, wenn man wohl nicht so richtig in den Süden an die Sonne kommen wird und die Festivals auch wieder gestrichen sind? Vielleicht funktioniert der Trick ja wie beim Lachen: Wer sich selbst zum Lachen zwingt, bekommt messbar bessere Laune. Klappt das auch auf dem Kopf? Echte Urlaubs- und Festival-Gefühle dank falschem Sonnenblond? Ich kauf’ mir das Spray.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 05/2021.


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