Eine Neue Platte macht sich breit: die 12 inch-Single


Zwischen Singles und Langspielplatten hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren ganz unauffällig eine neue Art von Schallplatte etabliert: die „12-inch-Single“, in Deutschland häufig auch „Super Sound Single“ oder „Maxi-Single“ genannt. Sie läuft auf 33 oder 45 UpM, hat die Größe einer LP, enthält aber nur einen oder maximal zwei Songs pro Seite. Auflagen von über 10.000 Stück sind bei 12-inch-Singles mittlerweile keine Seltenheit mehr. Denn auf ihnen werden oft musikalische Leckerbissen veröffentlicht, die es auf keiner normalen LP oder Single gibt.

Frank Zappa spielt reinrassigen Disco-Sound. Die Kinks spielen Disco. Selbst Johnny Rottens Public Image Ltd. spielt Disco. Und das ist kein blöder Witz: wer erst einmal anfängt, sich im Reich der 12-inch-Singles umzuschauen, kommt aus dem Staunen nicht mehrheraus. Von den Rolüng Stones gibt es auf 12-inch eine über acht Minuten lange Version des Titels „Miss You“, der die bekannte kleine Hitsingle um Längen schlägt. Das gleiche gut für die 12-inch-Version von Third World’s „Now That We Found Love“, die siebeneinhalb Minuten lang ist. Amii Stewart hat von „Knock On Wood“ eine ausgesprochen heiße Langversion auf den Markt gebracht. Peter Tosh glänzt auf 12-inch mit einer speziellen Dub-Abmischung seines Hits „Don’t Look Back“, der Reggae-Fans Tränen der Freude in die Augen treibt. Mike Oldfield powert „Guilty“ sechseinhalb Minuten lang im Maxi-Look. Und M haben sich einen ganz ausgedrehten Scherz erlaubt: Auf ihrer ersten 12-inch-Single wurden die Titel „Pop Muzik“ und „M Factor“ auf eine Seite ineinander gepreßt; senkt man die Nadel auf die Platte, weiß man nie, von welchem der beiden Songs man gerade die Anlaufrille erwischt hat.

Der Spaß mit M zeigt, welche Stoßrichtung die Plattenfirmen mit der Veröffentlichung der 12-inch-Singles im Sinn haben: Sie wollen ihre jüngste Schöpfung mit dem Hauch der Exklusivität umgeben, wollen Sammler, Fanatiker und Trendies mit dickem Geldbeutel zur Kasse bitten. Der Preis für die großen kleinen Platten ist nämlich nicht gerade gering: zwischen acht und zehn Mark kosten sie bei uns im Handel, und da ist es ja nicht mehr weit bis zum Preis einer kompletten LP.

Die Plattenindustrie lockt Käufer indes nicht nur allein mit den speziellen Versionen bekannter Hits; sie jongliert auch mit „limitierten Auflagen“, „Sonderpressungen in farbigem Vinyl“ und nicht zuletzt einem besseren Sound. Den sollen 12-inch-Singles nämlich besitzen, weil für den einen oder die zwei Songs pro Seite ja massig Platz zur Verfügung steht, die Rillen also in weitem Abstand voneinander eingeritzt werden können. Hifi-Experten wie der Münchener Journalist Franz Schöler halten von solchen Werbeargumenten indes nicht viel. „Die Qualität von 12inch-Singles“, so Schöler, ,Jcann bei sorgfältiger Arbeit auch bei ganz gewöhnlichen LP’s erreicht werden. Aber da wird ja oft geschludert!“ Fest steht immerhin, daß die Musik bei der Pressung von 12-inch-Singles bis zu 3 dB höher ausgesteuert werden kann. Wenn man die Platte dann zu Hause abspielt, wirkt sie bei unveränderter Einstellung des Lautstärkereglers lauter als andere Scheiben, Außerdem ist bei 12-inch-Singles wegen der größeren Rillenabstände der sogenannte Rillenvorschub höher, was vor allem baßlastigen Musikstücken zugute kommt.

Die baßbetonte Disco-Musik ist daher auch die derzeit größte Spielwiese der 12-inch-Hersteller. Kaum ein Top-Hit, von dem es heute kein „Special disco mix“ auf 12-inch gibt. Wobei diese speziellen Abmischungen – wie die o.a. Beispiele zeigen – oft viel attraktiver ausfallen, als die ursprünglichen Single- und LP-Aufnahmen. Discotheken sowie Journalisten beim Funk und bei der Presse waren überhaupt die ersten Adressaten der 12-inch-Platten („12-inch“ ist in englischer Sprache das Maß für die Plattengröße). Erst dann brach die neue Plattenart auf dem Markt durch, Selbst viele etablierte Rockkünstler nutzen inzwischen die 12-inch-Platten, um von ihren Songs spezielle Disco-Abmischungen herstellen zu lassen, die ihnen den Weg in die für Plattenverkäufe oft entscheidenden Discotheken öffnen. Und solange ein Song als Discoversion nur als 12-inch-Platte für teures Geld zu haben ist, ansonsten aber als normale, unverdächtige Single in den Hitlisten nach oben klettert, wird auch ein sorgsam poliertes Rockimage nicht zerstört.

Also: hier einige Tips für alle, die den scheinheiligen Herren mal auf den Zahn fühlen wollen. Hervorragende Disco-Abmischungen auf 12-inch-Platten gibt es von Zappas „Dancin Fool“ (CBS 12. 7261), von dem Kinks-Hit „Wish I Could Fly Like Superman“ (Arista IC 052-62 441), von Paul McCartneys „Good Night Tonight“ (EMI IC 052-62 579), von Mike Oldfield s „Guilty“ (Virgin VS 24 512 Import), von Elton Johns „Are You Ready For Love“ (Phonogram 9198 229), Third World glänzen mit „Now That We Found Love“ (Island 600 036-213) und „Talk To Me“ (Island 600 058-213), und den Disco-Punk von Johnny Rotten’s PIL erhält man in Form einer weicheren, baßbetonteren Abmischung des Songs „Disco Death“ (Virgin VS 27 412 Import).

Aber das alles ist nur die Spitze des Eisbergs…