Nachbericht

Ekstatischer geht es nicht: So war es bei Faber live im Berliner Tempodrom

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Ein Meer aus Blumen. Unzählige rote Rosen bedecken die Bühne, im Hintergrund ist eine Leinwand gespannt, die einen grauen Himmel zeigt. Die Menschen im Publikum drängeln nicht, sie stehen dicht beieinander, ohne sich zu berühren. Respektvoller Abstand. Das Bühnenbild, die Atmosphäre, das Publikum; schon vor dem Konzert ist die Stimmung schön, sehnsuchtsvoll – so wie Fabers Musik selbst. Am Sonntag, den 17. Juli 2022 hat der Schweizer Musiker sein zweimal abgesagtes Konzert aus dem Jahr 2020 im Tempodrom endlich nachgeholt. Und obwohl Clubs und Konzerthallen schon längst wieder offen sind, war der Auftritt so ekstatisch, als wäre es das erste Konzert seit dem coronabedingten Livemusik-Entzug.

Fokus auf das Laster, das Unanständige und Verbotene

Faber, das ist der 29-jährige Julian Pollina, Sohn des bekannten italienischen Cantautore Pippo Pollina. Der Schweizer Musiker ist durch seine provokativen, häufig gesellschaftskritischen Songs bekannt geworden, die vor Doppeldeutigkeit nur so triefen. Noch vor einigen Jahren haben sich Musikjournalist*innen an Zeilen wie „Du bist zwar erst 16 / Ach komm‘ wir drehen Sexszenen“ die Zähne ausgebissen, doch jetzt ist die Lage anders. Heute ist allgemein bekannt, dass Faber seine Lieder oft aus der Sicht von moralisch fragwürdigen Charakteren schreibt, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Das ist dann für Unwissende zwar befremdlich, wenn tausende Menschen Texte wie „Schau mich an und zieh dein Top aus / Mach’s wie mit einem Lollipop / Dann kauf‘ ich dir was Schönes bei Topshop“ bei Konzerten mit schreien, doch Faber macht nicht nur Provokation der Provokation willen. Bei ebenjenem Song löst er erst später die Bedeutung hinter dem sexistischen Text auf, wenn er singt: „Hab‘ ich Schiss mich in ’nen Mann zu verlieben? / Ich fühl‘ mich schwach und mir ist peinlich, dass ich scheu bin / Schlag‘ ich deshalb meine Freundin?“ Mit seinen präzisen Beobachtungen, seiner unglaublichen Wortgewandtheit und dem Fokus auf das Laster, das Unanständige und Verbotene hat er sich als einer der stärksten deutschsprachigen Songwriter etabliert.

Kaum ein deutschsprachiger Künstler vermag es wie Faber, in Genres zu switchen

Aber Faber kann nicht nur auf deutsch, wie er auch bei dem Konzert im Tempodrom ein weiteres Mal bewies. Neben einem selbstbetitelten „Schweizerdeutschen Emo-Track“, nach dem – in eigenen Worten – „wirklich niemand gefragt hat“, spielte Faber auch die italienische Version seines Songs „Komm her“, den er vor zwei Jahren mit der Crucchi Gang aufgenommen hatte, sowie seine neueste Single „Caruso“ – ein Cover des berühmten italienischen Liebeslieds. Kaum ein deutschsprachiger Künstler vermag es wie Faber, in Genres zu switchen – sei es Balkan-Pop, Chanson, Rock, Klassik oder Bossanova. Doch auch seine Band, die Goran Koč y Vocalist Orkestar Band, bewies ihre unglaubliche Virtuosität: Mehrfach wechselten die Bandmitglieder ihre Instrumente untereinander durch und improvisierten wild.

Wie viel Spaß Faber und seine Band am Live-Spielen haben, zeigte sich jedoch vor allem bei der ersten Zugabe. Nach einem bereits anderthalbstündigen Set fragte Faber ins Publikum, welche Songs sich die Zuschauer*innen denn noch so wünschen würden – sie hätten ja noch eine gute halbe Stunde Zeit. Alle Wünsche, die laut und chaotisch durch den Saal gerufen wurde, wurden erhört. Als die Gruppe ihr Konzert nach mehr als zwei Stunden mit dem Balkan-Pop-Stück „Tausendfrankenlang“ beendete, waren ausschließlich alle am Springen, Schwitzen und Singen. Ekstatischer geht es nicht.


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