Enter Shikari im Interview: „Wir sollten aus dem dualen Denken rauskommen“


Ein Gespräch mit Sänger Rou Reynolds über Ideologie, Richard Wagner und die Zerstörung der Welt.

Erst kürzlich konnten Enter Shikari mit ihrem siebten Studioalbum erstmals die Spitze der britischen Charts erreichen. Mit „A KISS FOR THE WHOLE WORLD“ bleibt die Band aus St. Albans ihrem elektronischen Hardcore Genremix treu. Wir trafen Sänger Rou Reynolds vor der exklusiven Release-Show im Hamburger Knust. Und sprachen mit ihm über die Themen, die ihn gerade beschäftigen: Ideologie, Richard Wagner und die Zerstörung der Welt.

ME: Im Vorfeld zu dem Album-Release hast du erzählt, dass du eine lange Zeit nicht in der Lage warst, Musik zu schreiben …

Rou Reynolds: … ja. Kurz nachdem wir im April 2020 unser letztes Album „NOTHING IS TRUE & EVERYTHING IS POSSIBLE“ veröffentlichten, kam es zum ersten großen Corona-Lockdown. Wir hatten also über einen sehr langen Zeitraum keine Gelegenheit, unser Album live zu spielen. Das war eine merkwürdige Erfahrung. Ich habe in dieser Zeit irgendwie die Verbindung zu den Menschen verloren. Und somit auch meine Fähigkeit Songs zu schreiben. Ich bin mir sehr sicher, dass es da einen Zusammenhang gab. Mir hat die Energie einer Live-Show gefehlt – dann bekam ich eine Blockade. Das hatte ich noch nie gehabt. Ich habe immer Musik geschrieben. Seit ich zehn oder elf Jahre alt bin.

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ME: Aber du hast in dieser Zeit dennoch geschrieben. Ein Buch mit dem Titel: „A Treatise on Possibility: Perspectives on Humanity Hereafter“

Rou Reynolds: Da ich nicht mehr in der Lage war Musik zu machen und Shows zu spielen, habe ich meine gesamte Energie in dieses Buch gesteckt. Aber um ein Buch wie dieses zu schreiben, benötigt man eine andere Form von Kreativität. Es geht mehr es um Recherche. Weißt du, in einem Song von drei bis vier Minuten Spielzeit kann ich die Dinge, die mir auf der Seele liegen, nur verdichten. In einem solchen Buch hingegen, kann ich sie ausführen, herleiten, ausführlich erklären. Dieses Buch ergänzt und kommentiert unsere Musik. Mit dem Buch habe ich versucht, die Welt, in der wir leben ein Stück weit zu analysieren. Es war nicht geplant, dass es so umfassend wird. Aber vielleicht war die Zeit in der Pandemie meine einzige Chance so etwas zu verwirklichen.

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ME: Du schreibst: „Die Art, wie wir die Welt strukturieren, bringt das Schlimmste in uns hervor“. Wie ist das gemeint?

Rou Reynolds: Wenn wir die Probleme auf dieser Welt betrachten, dann haben wir das Gefühl, dass es sich zu einem großen Teil um individuelle Probleme handelt. Persönliche Kämpfe, die jeder von uns austrägt. Aber das ist nicht so. Häufig liegen unsere vermeintlich persönlichen Probleme in den Strukturen unseres Wirtschaftssystems oder unserer Gesellschaften begründet. Und gegenwärtig leben wir in einer Gesellschaft, die nur eine Seite unserer menschlichen Natur begünstigt. Unsere egoistische, wetteifernde und rücksichtslose Seite. Wir haben ein Wirtschaftssystem gebaut, dass genau diese Eigenschaften verlangt, damit es funktioniert.

ME: Kannst du das konkretisieren?

Rou Reynolds: Das beste und naheliegendste Beispiel ist Donald Trump. Trump ist ein Sinnbild dafür, wie sehr das System einen Menschen begünstigt, der rücksichtslos nur nach sich selbst schaut. Aber es gibt zahlreiche Menschen, die auf Macht- und Erfolgspositionen sitzen und narzisstische, problematische Persönlichkeiten sind, die nach dem Credo der radikalen Selbstmaximierung leben. In der Musik von Enter Shikari haben wir uns schon sehr früh mit diesen problematischen Strukturen und Systemen auseinandergesetzt.

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ME: Du kritisierst in dem Buch mehrfach, dass es immer wieder heißt, es gäbe „keine Alternative“ zu unserem System. Aber welche Alternative siehst du denn?

Rou Reynolds: Es gibt auch eine andere Seite unserer Natur, eine, die mitfühlend und gemeinschaftsorientiert ist. Ich würde mir wünschen, dass wir ein System bauen, das diesen Teil von uns begünstigt. Wie genau dieses System aussieht? Das weiß ich nicht. Aber ich möchte, dass ein Dialog darüber beginnt. Es gibt immer eine Alternative. Aber momentan habe ich den Eindruck, dass eine solche Debatte schon im Keim erstickt wird. Sobald du unseren Kapitalismus in Frage stellst, heißt es gleich, dass du für den Sozialismus bist. Aber ich plädiere dafür rauszukommen, aus diesem falschen dualen Denken.

ME: Aber gibt es diese Dualität von Ideologien wirklich noch? Eigentlich leben wir doch in einer riesigen Remix-Kultur, in der man sich nur noch an ideologischen Bausteinen bedient, die nicht mehr konkurrieren, sondern nebeneinander stehen.

Rou Reynolds: Das ist ein interessanter Gedanke. Zu einem Teil ist das sicher richtig. Und das betrifft ja nicht bloß politische Ideologien, sondern unsere gesamte Kultur. Auch in der Musik sind ja sämtliche Genre-Grenzen längst aufgehoben. Alles geht ineinander über. Das ist wahnsinnig befreiend. Es wäre schön, wenn das auf politischer Ebene auch passieren würde. Das wäre eine gute Entwicklung. Ich fürchte aber, dass wir noch immer in einer Welt leben, die sehr stark von einer Form des Stammesdenkens beeinflusst ist. Je mehr wir diese rigiden Weltbilder durchbrechen können, desto besser.

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ME: Können wir sie überhaupt durchbrechen? Wir sitzen hier in Hamburg – und ihr kommt gerade aus Japan eingeflogen. Dort wird etwa der Ukraine-Krieg, der uns hier beschäftigt, kaum eine Rolle spielen. Wir haben einen eurozentrischen Blick auf unsere Probleme …

Rou Reynolds: … und umgekehrt wissen wir auch viel zu wenig über die tagesaktuellen Probleme, mit denen man sich auf der anderen Seite der Welt beschäftigt. Das stimmt. Das ist ein Problem. Aber es hat sich etwas verändert. Die wirklich großen Probleme, die gerade auftauchen, die beschäftigen uns tatsächlich alle. Sei es die Pandemie. Sei es der Klimawandel oder seien es Bedrohungen durch sich ausbreitende Kriege in denen nukleare Waffensysteme zum Einsatz kommen könnten. Unsere Welt ist so sehr miteinander verbunden, wie noch nie zuvor. Wir brauchen also ein ganz anderes, globales Bewusstsein für unseren Planeten. Das Bewusstsein, dass wir uns alle auf diesem Raumschiff befinden und wir darüber sprechen müssen, wie wir unsere Ressourcen aufteilen.

ME: In der Corona-Pandemie schien es für einen kurzen Moment so, als würde die Welt ihren gemeinsamen Fokus darauf richten ein gemeinsames Problem anzupacken. Doch geändert hat sich nichts. Wie optimistisch schaust du da noch in die Zukunft?

Rou Reynolds: Ich bin mir absolute sicher, dass sich unser System verändern wird. Der Weg, auf dem wir uns befinden, zwingt uns dazu. Er führt zwangsläufig in eine Katastrophe. Wir müssen uns verändern, sonst droht ein zivilisatorischer Kollaps. Aber selbst wenn wir diesen Selbstzerstörungskurs weiterfahren, auch dann wird unser System untergehen. Eine Veränderung kommt also in jedem Fall. In meinem Buch wollte ich Menschen eine Stimme gegeben, die viele Gedanken in diese Änderungsprozesse gesteckt haben. Eines der letzten Tattoos, die ich mir habe stechen lassen, basiert auf der Aussage des australischen Philosophen Tony Ord, der sagte, dass die Chancen ein zu sechs stehen, dass wir das nächste Jahrhundert als Menschheit noch überleben.

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ME: Lass‘ uns über die Musik sprechen, die daraus resultiert. „THE SPARK“ war ein Album über persönliche Ängste. „NOTHING IS TRUE & EVERYTHING IS POSSIBLE“ eines über gesellschaftliche Sorgen. Die neue Platte klingt nun sehr viel befreiter und … optimistischer?

Rou Reynolds: Ich glaube „A KISS FOR THE WHOLE WORLD“ ist eine Synthese aus den beiden Alben, die du genannt hast. Es handelt dieses Mal sowohl von persönlichen, als auch von gesellschaftlichen Problemen – aber auch davon, dass man noch etwas ändern kann. Es steckt tatsächlich jede Menge Hoffnung in diesen Songs. Ich glaube, dass hat sich ganz natürlich ergeben. In der Pandemie-Zeit konnte ich nicht schreiben. Als ich dann endlich wieder im Stande war Musik zu machen, war das für mich eine riesige Befreiung. Endlich hatte ich wieder eine Ausdrucksmöglichkeit. Ich habe mich empowered gefühlt. Und das wollte ich mit den Menschen teilen. Dieses Gefühl von Selbstermächtigung sollen die Leute von diesem Album mitnehmen.

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ME: Möchtest du eigentlich, dass man eure Musik politisch versteht, oder soll sie eher eine Ausflucht von den Problemen sein?

Rou Reynolds: (denkt nach) Das ist eine sehr komplexe Frage. Sie führt schon auf einen Richtungsstreit zwischen Brahms und Wagner zurück. Soll Musik die Welt erklären oder soll eine Ausflucht und Trost aus dieser sein? Mir fällt es ehrlich gesagt verdammt schwer, mich hier zu entscheiden. Weil ich beides machen möchte. Es gibt da einen Sweet Spot, einen Punkt, an der die Musik dir Trost und Geborgenheit spendet, aber eben nicht so viel Geborgenheit, dass du den Verstand komplett abstellst. Diesen Spot möchte ich treffen. Unsere Musik soll herausfordernd sein, eine neue Perspektive aufzeigen und zugleich ein Gefühl von Empowerment geben. Sie soll aktivierend sein.

ME: Richard Wagner hat seine Opern ja auch als Gesamtkunstwerk gesehen, wo die Musik nur einen Teil von einnimmt.

Rou Reynolds: Es ist lustig, dass du das ansprichst, denn kurz vor dem Interview haben wir über unsere bislang größte Festival-Show gesprochen – dem Slam Dunk Festival in Großbritannien – und wir planen da gerade die Produktion der Show. Ich liebe die Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man so große Shows spielt. Die theatralen Möglichkeiten. Die Musik visuell mit Lichteffekten so aufzuwerten, dass sie das Publikum auch emotional berührt. Es gibt auch Puristen, klassische Hardcore- und Punkkids, die sich darum nicht scheren. Die sagen, ein Konzert muss intensiv und verschwitzt sein – mehr nicht. Aber ich liebe den Gedanken, dass wir die Menschen nicht nur mit der Musik berühren. Ich liebe den Gedanken, permanent an einer Art von Gesamtkunstwerk zu arbeiten.