Sozialdrama „Familiye“: So zart und brutal kann Berlin-Spandau sein

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Wer den Glauben an wundersame Indie-Märchen im oft so starren deutschen Filmgeschäft nicht verlieren will, muss sich die Entstehungsgeschichte von „Familiye“ anschauen: Bereits 2007 haben Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya den Stoff zum Film entwickelt, erst 2015 begann endlich der Dreh in Berlin-Spandau. 2017 gab es endlich die Premiere, beim Filmfest Oldenburg gewann „Familiye“ den Publikumspreis und ein paar Monate davor schon Moritz Bleibtreu als prominenten Paten für das Indie-Projekt, das am 3. Mai dank guter Kontakte der authentischen Filmemacher auch endlich deutschlandweit in die Kinos kommt.

FAMILIYE – Offizieller Trailer auf YouTube ansehen

Die größten Hürden waren für Sarikaya und Kirtan die Zeit und alltägliche Fixkosten, erzählen sie beim Interview zum Film in Berlin. Die Spandauer, die in „Familiye“ viel von ihrem eigenen Umfeld im Lynar-Kiez erzählen, sind nämlich nicht durch das klassische deutsche Filmschulsystem geschleust worden. Sedat Kirtan arbeitet immer noch als Personenschützer, Kubilay Sarikaya als Sozialarbeiter – verwahrloste Jugendliche, Flüchtlingsheime. „Deshalb hat es ja so lange gedauert, den Stoff zu entwickeln. Wir mussten halt noch nebenher arbeiten. Für die 28 Drehtage haben wir uns dann frei genommen“, erklärt Kirtan.

Das Geld der Familie in der Spielo versenkt

Muhammed

Die beiden Regisseure spielen selbst mit. Kirtan in einer Nebenrolle, Sarikaya als tragende Figur. Sein Danyal kommt nach fünf Jahren aus dem Knast zurück nach Spandau und in das Leben seiner Brüder. Der eine, Muhammed, sitzt mit Down-Syndrom und einer aus der Psychiatrie ausgebrochenen Frau in der Wohnung. Der andere, Miko, hat die finanzielle Absicherung der Familie in den Spielautomaten gedrückt und jetzt Gangster am Hals, die dringend Kohle sehen wollen.

Es gibt viele Probleme zu lösen im Spandauer Kiez, der hier trostlos in schwarz-weiß gefilmt wurde. In der Welt dieser Familie gibt es keine Farbtupfer, nur krasse Sorgen oder extrem glückliche Momente, Scheitern oder Siegen, auf die Fresse oder nicht auf die Fresse. Schwarz-weiß eben.

Werbetrommel dank Rap und Bleibtreu

Der Verzicht auf Farbe ist nur einer der Coups, den die Regisseure hier landen. Wichtiger ist aber die Tatsache, dass sie Laiendarsteller aus der Nachbarschaft mit Nebenrollen ausgestattet haben und die Authentizität der Anwohner auch wirklich einfangen konnten. Am Ende sitzt zwar nicht jede Zeile, aber immer die Emotion. So ist Muhammed beispielsweise der Bruder von Regisseur Sedat Kirtan, in einer Szene, in der er so lange den Rücken gestreichelt bekommt, bis er einschläft, passiert dies wirklich. Der Trick klappt eben auch sonst bei Muhammed, wenn die Kamera nicht läuft.

Xatar in „Familiye“

Rapper Xatar spielt eine kleine Nebenrolle, sinniert als Bäcker über das Leben und denkt, dass er sich von dem Strudel aus Schulden und Gewalt heraushalten kann. Über ihn, die Regisseure haben mal an einem Musikvideo für Xatar gearbeitet, kam der Kontakt zu Moritz Bleibtreu zustande. „Das war zu einem Zeitpunkt, als der Film schon fertig war. Da waren die Jungs an einem Punkt, wo es um den Vertrieb ging. Und das ist unheimlich schwer, ein kompliziertes Geschäft in Deutschland. Vor allem wenn du einen Film hast, der an jeder Lobby und Filmförderung vorbei gemacht wurde. Dann hab ich das Ding gesehen, mich darin verliebt. Dann habe ich alles versucht, um den Film in die Öffentlichkeit zu bekommen“, sagt Bleibtreu zu seiner Rolle bei „Familiye“. Und mit dem prominenten Co-Produzenten Bleibtreu sowie freundlicher musikalischer Unterstützung von Xatar und Haftbefehl konnte die Werbetrommel so stark gerührt werden, dass der Indie nun in mehr als 100 Kinos zu sehen ist.

Das Ende der Geduld

In das Gangster-Genre soll das Sozialdrama übrigens trotz Rap-Sound und schweren Jungs nicht eingeordnet werden. Weil die Regisseure ihren Titel eben sehr ernst nehmen. Kubilay Sarikaya sagt, dass er eben nicht nur Einwanderer mit harten Lebensläufen ansprechen will, nicht nur Rap-Fans oder Zuschauer mit Lust auf Crime-Plots, die nah am Leben erzählt werden. „Jeder, der eine Familie hat, soll den Film sehen. Ganz einfach. Das ist für uns der Kern, das Fundament des ganzen Films. Es geht hier um Geduld um Loyalität. Was passiert, wenn diese zwei Dinge nicht mehr da sind und sich Leute trennen?“

Die Geduld ist auch in „Familiye“ irgendwann erschöpft. In einer Szene, in der Danyal seinem kleinen Bruder fast das Leben aus dem Körper prügelt. Oder wenn das Amt damit droht, Muhammed von seinen Brüdern zu trennen. Mit einer endlosen Geduld scheint aber das Milieu ausgestattet zu sein, in dem sein Film spielt. Kommt einer raus aus den Schulden, schlittert der nächste in die Falle. Verlässt einer den Knast, wird der nächste verurteilt. „Familiye“ endet mit Happy End und Unheil zugleich, Material für weitere Geschichten aus dem Kiez haben die Autoren und Regisseure schon lange in der Hinterhand. Hoffentlich dauert es nicht wieder elf Jahre, bis wir sie sehen dürfen.

„Familiye“ startet am 3. Mai in den Kinos.

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