Künstlerin der Woche

Florence Welch: „Je ruhiger mein Leben ist, desto tiefer kann ich mich in die Dunkelheit graben”

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Ophelia treibt nun in ruhigeren Gewässern. Mit ihrem Charisma zwischen Todesfee, Kate Bush und präraffaelitischer Prinzessin hatte die Londonerin Florence Leontine Mary Welch, Sängerin der Band Florence + The Machine, erst die Popwelt verrückt gemacht – und dann sich selbst. Mit ihrem 2015er-Album HOW BIG, HOW BLUE, HOW BEAUTIFUL befreite sie sich aus der Krise, nun holt sie mit wehenden Ärmeln aus, um der Welt Hoffnung zu bringen: Welch ist wieder HIGH AS HOPE.

Florence Welch spricht, wie ihre Songs klingen: Spannungsgeladene Ouvertüre, ein kaugummiartiges „Aaahmmm“, ein spitzes „Ich weeeeeiß nicht!“ – dann platzen die Sätze aus ihr heraus, mäandern, strömen dahin oder branden auf. Versanden manchmal. Eine Herausforderung also, sich in der knappen halben Stunde, die man uns am Telefon gewährt, der Frage anzunähern: Kann, muss, sollte man die Gespenster der Vergangenheit mit Anfang 30 hinter sich gelassen haben?

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Musikexpress: Florence, man hört, du seist nun so richtig im Reinen mit dir. Also mag ich das Gespräch mit ein bisschen Drama beginnen. Was hat dich zuletzt aus dem Konzept gebracht?

Florence Welch: Oh, ich kämpfe mit vielen Situationen und Fragen, und ich habe immer noch meine Obsessionen. Zum Beispiel klebe ich ständig am Telefon.
 Die Single „Big God“ zum Beispiel ist ein Song über das Gefühl, das dich überkommt, wenn dir jemand nicht auf eine SMS antwortet.

Verrückt. Ein Kammerpopsong, an dem Kamasi Washington und Jamie xx mitgewirkt haben, mit einem Video, das man als Installation in einem Museum laufen lassen könnte. Und dann geht es um Menschen, die auf Displays starren.

„Big God“ ist eines der besten Stücke, das ich je geschrieben habe. Der Song besteht aus nur drei Noten, und doch geht so viel Energie von ihm aus. Autumn de Wilde, die Regisseurin des Videos (ihre Tochter Arrow de Wilde ist Sängerin der L.A.-Newcomer Starcrawler – Anm. d. Red.), hat mich bei der Tanzperformance total improvisieren lassen, was toll war, weil ich mich zuletzt viel mit Modern Dance befasst habe. Der Song führt all meine kreative Arbeit der letzten vier Jahre zusammen.

Du hast dein neues Album HIGH AS HOPE in Peckham im Süden Londons aufgenommen, nur einen Katzensprung entfernt von deinem Elternhaus. War das eine bewusste Entscheidung?

Schon. Ich habe immer hier in Südlondon gelebt, aber nun hatte ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten so richtig Ruhe. Wenn ich mit dem Fahrrad ins Studio gefahren bin, habe ich mir Zeit genommen, um über meine Kindheit nachzudenken, über meine Mutter, über all die Dinge, die in den letzten zehn Jahren passiert sind.

Ich bewundere die Zärtlichkeit, mit der du in deinen neuen Songs über dein jüngeres Selbst sprichst.

Schön, dass du das sagst. Ich wünschte nämlich, ich wäre damals ein bisschen freundlicher zu mir selbst gewesen. Wenn ich zurückschaue, sehe ich da ein Mädchen, das ziemlich viel Schmerz erlebt hat …

Allerdings. Als du elf Jahre alt warst, haben sich deine Eltern scheiden lassen, zwei Jahre später nahm sich deine Großmutter das Leben.

Und deshalb empfinde ich ziemlich viel Mitgefühl für mein jüngeres Selbst. Ich war so frei, so wild, so hibbelig und leicht zu begeistern – und habe mich gleichzeitig selbst so sehr gehasst. Leicht habe ich es mir nie gemacht.

Was würdest du der jungen Florence heute sagen?

 (Lange Pause, dann erruptives Lachen) Ich würde vermutlich sagen:

Alles gut Florence, es wird schon alles in Ordnung kommen! Und: Hör auf, dich mit Alkohol und Drogen vollzupumpen. Aber vermutlich hätte die junge Florence dann nicht zugehört. Das musste sie einfach selbst lernen.

Als Jugendliche wurden bei dir Legasthenie und Dysmetrie festgestellt, also Lese-Rechtschreib-Schwäche und eine Störung des Bewegungsapparats. Heute bist du Songschreiberin und Performerin. Hast du dir damals gedacht: Jetzt erst recht?

Mir war das einfach egal. Besonders ausgeprägt ist bei mir Dyskalkulie, das heißt, ich kann Zahlen nicht wahrnehmen. Buchstabieren fällt mir auch nicht leicht, dafür bin ich eine schnelle Leserin. Viele Künstler und Kreative haben Legasthenie, das hat mich ermutigt, keine große Sache draus zu machen. Und ein bisschen merkwürdig habe ich mich eh immer gefühlt.

Während andere Künstler im Laufe ihrer Karriere am Erfolg zerbrechen, hat man das Gefühl, du wirst immer selbstsicherer. Früher hast du dich betrunken, bevor du auf die Bühne gegangen bist. Jetzt brauchst du das nicht mehr. Wie hast du deine Unsicherheiten überwunden?

Ich bin ja schon mal durchgedreht, kurz bevor ich meine letzte Platte HOW BIG, HOW BLUE, HOW BEAUTIFUL veröffentlicht habe. Damals war ich 27, und seit ich 21 Jahre alt war, hatte ich nonstop gearbeitet, gefeiert, getrunken, bin von einer Beziehung in die nächste geschlittert. Dass ich in meinem Wahn nicht mal kurz innehalten und mich umschauen konnte, war Teil meines Problems. Und dann bin ich einfach zusammengebrochen. HOW BIG… war ein Album wie ein Aufschrei: Das Problem bin ich! Ich! (Jetzt schreit sie wirklich ein bisschen.) Ganz allein ich! (Ihre Stimme normalisiert sich wieder.) Damals habe ich plötzlich verstanden, dass nicht andere meine Probleme lösen werden, sondern dass ich selbst das Problem bin.

Was war der ausschlaggebende Punkt, um dein Leben zu überdenken?

Der Verlust einer Beziehung, die mir wirklich wichtig war. Als der Typ gegangen ist, sagte er zu mir: „Du bist einfach zu durchgedreht.“ Und ich dachte nur, oh mein Gott, jetzt hab’ ich es wirklich verkackt. Aber durch diesen Totalabsturz musste ich mich sammeln, aufhören zu trinken, und dann fühlte ich mich mir selbst wieder näher. Und auch meinem Publikum. Als ich jetzt HIGH AS HOPE aufgenommen habe, war ich ganz bei mir. Die Tour zum letzten Album hat mir dabei geholfen, aus der Krise zu kommen, aber eben auch mein Zusammenbruch. Es war wichtig, mir das einzugestehen.

Was war dabei die wichtigste Erkenntnis für dich?

In den letzten Jahren habe ich etwas über mich selbst gelernt, wie so oft unterbewusst, während ich Songs geschrieben habe: Manche Erkenntnisse müssen von außerhalb zu dir kommen. Manchmal kann Liebe dir ein kleines Stückchen Wahrheit über dich selbst vermitteln. Dieses Gefühl beschreibe ich in „Hunger“: Man sucht Zugehörigkeit, um die Leere zu füllen. Aber ich habe eben oft das Falsche gesucht.

Nun könnte man auch sagen: Dieser Wunsch, ganz bei sich zu sein, ist Ausdruck des modernen Selbstoptimierungswahns. Wer genau weiß, was er will und kann, der funktioniert am besten.

Ein interessanter Gedanke. Ich glaube, es ist ohnehin gesünder, nicht sich selbst zu suchen, sondern immer wieder aufs Neue herauszufinden, was man eben nicht ist.

Vermisst du den kleinen Teufel auf der Schulter manchmal ein bisschen? Man kann ja verdammt viel Spaß mit dem Kerl haben.

Um ehrlich zu sein, vermisse ich den Exzess schon irgendwie. Andererseits habe ich mich ja über zehn Jahre lang ausgelebt. (Sie zieht die „zehn“ in epische Länge.)

Ich war wirklich gut im Feiern, aber eben gleichzeitig sehr schlecht darin. Und nun ist es auch genug. Alkohol und Drogen sind ein Weg, mich selbst zu transzendieren, aber nun suche ich nach einer anderen Ausdrucksform. Mein Leben lang in einem Stadium der Transzendenz zu bleiben, erscheint mir nicht so interessant.

Du scheinst ein Herz für die dunklen Orte Londons zu haben, für die Eckkneipen und Clubs, für das Dreckige und Raue. Wie kam es eigentlich, dass ausgerechnet dieser erhabene, orchestrale Pop dein Zuhause geworden ist?

Ich habe eine dunkle und dramatische Seite, aber eben auch wahnsinnig viel Freude am Musikmachen. Singen ist für mich wie Alchemie: Es verwandelt Schmerz in Schönes. Keine Ahnung, wie das passiert, aber diese chemische Reaktion hat bei mir schon immer stattgefunden.

Trotzdem ist es spannend, dass du einige Gründe hättest, wütend zu sein, und doch nie trotzig klingst.

Ich würde schon sagen, dass sich meine Wut in der Musik Bahn bricht. „100Years“ zum Beispiel war ein Aufschrei nach den letzten beiden Jahren, die so viel Hass über die Welt gebracht haben. Der Song ist eine Art Klagelied aus weiblicher Perspektive: Was zur Hölle passiert hier gerade? Nachdem ich es geschrieben hatte, war die Wut verraucht. Nun sehe ich deutlicher, dass es durchaus Menschen gibt, die ihre Stimme erheben und anderen zur Seite stehen. Ich habe wieder Hoffnung.

Der „leidende Künstler“ ist ja ein gern bemühtes, gern idealisiertes Klischee. Wie sieht das bei dir aus: Brauchst du ein bisschen Pein für große Kunst?

Ich habe ja immer noch diese selbstzerstörerische Energie in mir, und die sucht sich schon ihren Ort zum Überleben. Ich würde sogar sagen: Je ruhiger mein Privatleben ist, desto tiefer kann ich mich als Musikerin in die Dunkelheit graben.

HIGH AS HOPE von Florence + the Machine ist am 29. Juni 2018 erschienen.

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