Kolumne

Früher ohne Internet: Warum die gute alte Zeit eine Illusion ist

Tiere aus sicheren Materialien und einfache Aussagen über die Fähigkeit zu rappen – Josef Winklers neue Kolumne.

Die Radiomoderatorin sagt, „früher“ habe „es geheißen“, wenn du so im Internet unterwegs bist und hie und da Kommentare hinterlässt, dann kann’s dir halt passieren, dass du mal einen Shitstorm abkriegst und beschimpft wirst, aber heute sei da ein geschärftes Problembewusstsein. Hm. Komisch. Ich hab das ganz anders in Erinnerung. „Früher“ hat es doch gar kein Internet gegeben. Und ich erinnere mich, geheißen hat es „fasse Dich kurz“, wenn du einen öffentlichen Fernsprecher benutzt hast, weil vor denen oft eine Schlange stand, und als du endlich dran warst, hast du kein zweites Zehnerl gefunden und diese tech-affinen Checkertypen beneidet, die schon so eine fancy Telefonkarte im Geldbeutel hatten. Und dann hat vielleicht mal wer erregt an die Scheibe geklopft, aber beschimpfen hätte man sich da nicht lassen, wo sind wir denn. So einer wär’ doch für behämmert gehalten worden, der da rumkrakeelt; armer Irrer.

Im digitalen Heute geht alles viel einfacher. Man schickt einfach eine Sprachnachricht, wenn man kein Zehnerl hat. Und man muss sich nicht mehr so in aller Öffentlichkeit zum Fool machen, wenn man mal wen mit ein paar üblen Fäkalwörtern und Todesdrohungen übergießen möchte. Und „früher“ gibt es eh kaum noch, es ist alles gleichzeitig vorhanden. Auf YouTube schmelzen Zeiten und Welten ineinander: Du hörst dir die erste Incredible String Band von 1966 an, liest die sentimentalen Boomerkommentare und erfährst nebenbei im Werbeblock, dass es jetzt einen „robotischen Hund“ mit KI-Technologie gibt (aber nur noch 47 Exemplare!), total lebensecht, bloß besser: „Es ist, als hätte man einen echten Welpen, aber aus völlig sicheren Materialien!“

Analog war echt weniger stressig

Haha. Lustig, gell. Ich weiß nicht – ist noch die Zeit, hat es noch einen humoristischen Restreiz, sich über wunderliche KI-Formulierungen zu amüsieren? So wie früher über „Kindermund“ und Fehlleistungen von Simultanübersetzern („Ich möchte das Reizende akzeptieren“)? Entspannt daran war ja, dass die Kinder und Simultanübersetzer keine weltumspannend kultur- und zivilisationsverändernden Hightech-Waffen in den Händen einer evil Oligarchen-Clique im Pakt mit einem faschistischen US-Regime waren. Analog war echt weniger stressig. Puh.

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Aber einen noch. Der These nachspürend, die Die Ärzte könnten einst die erste deutsche Band gewesen sein, die live und auf Platte Deutschrap verübte (es war freilich Haindling mit dem „Hoizscheidl Rap“, 1984), gab ich auf Songtitelsuche die mir geläufige Zeile „rappen kann ich und rappen kannst du“ in die Googlemaschine ein und erhielt von der sich ungefragt einmischenden KI folgende Erläuterung: „‚Rappen kann ich und rappen kannst du‘ ist ein Satz, der bedeutet: ‚Ich kann rappen und du kannst rappen.‘ Es ist eine einfache Aussage über die Fähigkeit zu rappen, die sowohl auf den Sprecher als auch auf den Adressaten zutrifft.“ Früher hätte man gesagt: „Ach halt doch den Rand.“ Aber früher ist überbewertet.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 2/2026.