Gerichtsurteil: Xavier Naidoo darf nicht mehr Antisemit genannt werden

Xavier Naidoo darf nicht mehr Antisemit genannt werden. Das entschied das Landgericht Regensburg, wie unter anderem „Spiegel Online“ am Dienstag berichtet.

Naidoo hat sich damit erfolgreich gegen entsprechende Vorwürfe einer Referentin der Amadeu-Antonio-Stiftung gewehrt. Sie soll 2017 auf einer öffentlichen Veranstaltung über den Popstar gesagt haben: „Er ist Antisemit, das ist strukturell nachweisbar.“ Richterin Barbara Pöschl erklärte nun bei der Urteilsverkündung, dass die Referentin diesen Vorwurf nicht ausreichend belegen konnte. Xavier Naidoo berief sich während des Prozesses laut Berichten auf die Kunstfreiheit und erklärte zudem, dass er sich gegen Rassismus einsetze und sein Sohn einen hebräischen Namen trage.

Naidoo hält Deutschland für ein besetztes Land

Vorwürfe wie diese gegenüber Xavier Naidoo sind nicht neu: 2015 entschieden ARD und NDR, dass der kommerziell sehr erfolgreiche Sänger für Deutschland beim Eurovision Song Contest 2016 antreten solle – und zogen diese Wildcard zurück, nachdem sich heftiger Widerstand gegen diese Entscheidung in der Öffentlichkeit regte. Naidoo hält Deutschland nämlich offenkundig für besetzt, unsouverän und von höheren Mächten gesteuert. Im ARD-Morgenmagazin etwa sagte er 2011, Deutschland sei kein freies Land und immer noch von den Alliierte besetzt, einen Friedensvertrag habe es nie gegeben. 2014 trat er auf Kundgebungen und Montagsdemos selbsternannter Reichsbürger auf, im gleichen Jahr gewann er für all seine Verschwörungstheorien gar ein „Goldenes Brett“. Die Popakademie in seiner Heimatstadt Mannheim distanzierte sich von Naidoo, er selbst ließ unter anderem mitteilen, er sei auf einer der besagten Kundgebungen „nur zufällig mit dem Fahrrad vorbeigefahren“.

Zuletzt sorgte Naidoo mit dem Song „Marionetten“ seiner Band Söhne Mannheims für Schlagzeilen: Darin unterstrich Naidoo seine Weltanschauung, die er mutmaßlich mit so vielen Wutbürgern dieses Landes teilt. Er sang von Tatsachenverdrehern, dem Vergehen an Unschuldigen, Volksverrätern statt Volksvertretern, gesteuert von Puppenspielern. Wer diese Puppenspieler sein sollen – Merkel, Obama, Reptiloiden? – sagte er nicht. Aber die Söhne Mannheims drohen indirekt damit, dass „der wütende Bauer mit der Forke dafür sorgt, dass Ihr einsichtig seid.“ Nach erwartbarer heftiger medialer Kritik und Krisengesprächen mit der Stadt Mannheim äußerte Naidoo sich zur hausgemachten Kontroverse.

Seiner Reputation schadet all dies nur halbwegs: Sein Album NICHT VON DIESER WELT 2 erreichte 2016 Goldstatus in Deutschland und auch in Österreich und der Schweiz Platz 12 der Charts. Die Preisverleihung ECHO 2017 moderierte er gemeinsam mit Sasha. Nach der Absage seines ESC-Auftritts machten sich zahlreiche einflussreiche und prominente Schauspieler, Musiker, Journalisten, Medienmacher und andere öffentliche Personen öffentlich für Naidoo stark, ihre Namen waren auf einer ganzseitigen und von Veranstalter Marek Lieberberg finanzierten FAZ-Anzeige als Unterstützer gelistet.

Xavier Naidoo: „Ich bin ein Rassist, aber ohne Ansehen er Hautfarbe“

Neu war Naidoos Gedankengut schon damals nicht: Bereits im Juni 1999 sprach der damals aufstrebende Naidoo im Interview mit Musikexpress unter anderem von Wettstreits von Religionen, Kreuzzügen, der Apokalypse und Mannheim gegen Amerika. So gab Naidoo etwa zu, dass er ein Rassist sei, „aber ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe. Ich bin nicht mehr Rassist als jeder Japaner auch“. Lest hier das komplette Naidoo-Interview (in alter Rechtschreibung).


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