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Interview

Greeny im Interview: „Man muss kein Tyrann sein, um ein Imperium aufzubauen“

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Wenn man über die Pioniere deutscher Trap-Musik spricht, muss man über Greeny sprechen. Zu einem Zeitpunkt, wo das Genre noch von einem Großteil der Deutschrap-Szene belächelt wurde, brachte Greeny den Sound aus den USA ganz selbstverständlich hierzulande auf die Karte.

Auch Ufo361, der heute in der Deutschrap-High-Society anzutreffen ist, versorgte Greeny durch seine Tätigkeit als Produzent und Writer mit dem Klangteppich, der Ersterem unter anderem zum Durchbruch verhalf. 2016 folgte der Bruch zwischen den beiden Künstlern, der zur Abwechslung mal keinen öffentlichen Schlagabtausch nach sich zog.

Mittlerweile ist Greeny als Teil des Produzentenduos Broke Boys und Initiator der „Trap or Die“-Partyreihe eine feste Instanz in der deutschen (T)Rap-Landschaft. Eigentlich müsste es ihm in seiner Position doch ganz gut gehen, könnte man meinen. Doch irgendetwas brodelte in ihm. In den Musikvideos zu den Songs seines bald erscheinenden Albums VENIA (lateinisch für Vergebung) wird der Musiker von imaginären Dämonen gejagt, trottet über Friedhöfe und findet Zuflucht in einer Kirche. Inhaltlich geht es um menschliche Schattenseiten: Missgunst, Hochmut und Zorn, bekannt als Teil der sieben Todsünden im Christentum. Letztere sind in lateinischer Sprache auch die Namensgeber seiner aktuellen Singles „Invidia“, „Ira“ und „Superbia“.

Im Interview gibt Greeny uns einen Einblick in seine Gedankenwelt und erklärt uns, warum es sich bei VENIA nicht um einen persönlichen Rachefeldzug handelt, sondern um Selbstreflexion, menschliche Größe und den Kampf gegen Ausbeutung im Musikgeschäft.

Musikexpress.de: Kann es sein, dass Du Dich in letzter Zeit viel mit inneren Dämonen und menschlichen Abgründen beschäftigt hast? Deine aktuellen Songs erzählen viel davon… 

Greeny: Das sind Sachen, die mich ehrlich gesagt schon seit vielen Jahren beschäftigt haben, aber die ich wahrscheinlich jetzt erst richtig verarbeiten konnte. Man braucht manchmal eine gewisse Distanz, um über persönliche und schwierige Dinge zu berichten. 

Und diese Distanz hast Du erreicht, bevor Du an Deinem kommenden Album VENIA gearbeitet hast? 

Letztendlich ging dem Album eine Flucht zuvor, die irgendwann zu einem inneren Kampf wurde. Am Ende muss sich jeder Mensch seinen eigenen Dämonen stellen. Wenn man vor ihnen flieht, werden sie immer größer. Man sollte seine Fehler erkennen, seine Schlüsse daraus ziehen und in die Selbstreflexion gehen. Diesen ganzen Prozess wollten wir auch visuell darstellen. Die Flucht vor den Dämonen durch den Friedhof bis zur Kirche, wo ich meine Beichte ablege und zum Schluss die Wiederauferstehung. In diesem Sinne ist das Album sehr persönlich und dafür gedacht, dass die Leute mich besser verstehen. Playlisten und Chartplatzierungen waren für mich zweitrangig.  

Viele denken, dass materielle Besitztümer die einzigen Dinge sind, auf die man neidisch sein kann.“

Kann man daraus schließen, dass Du ein sehr gläubiger Mensch bist? 

Ich habe mein ganz eigenes Verhältnis zu Gott. Ich glaube schon daran, dass es gewisse Kräfte gibt und ich bewundere auch religiöse Menschen, egal welcher Religion sie angehören. Vor allem halte ich viel von den Kernwerten. Meine Mutter ist Italienerin und zwar nicht streng religiös, dafür aber sehr belesen, wenn es um die Bibel geht. Insofern sind die Prinzipien, die dort enthalten sind, auch irgendwie Teil meines moralischen Kompasses. Ohne selbst streng christlich zu sein.

VENIA bedeutet übersetzt „Vergebung”. Vergibst Du Menschen, die Dich enttäuscht haben oder vergibst Du Dir selbst? 

Ich vergebe mir vor allem selbst, aber ich vergebe auch meinen Feinden. Ich bin ein Mensch, der viel von Eigenverantwortung hält und ich finde es auch sehr befreiend, wenn man sich eingesteht, dass man sich selbst und Andere manchmal enttäuscht und dafür geradestehen muss. Allerdings sollte man daraus keine unendliche Schuld machen, sondern an sich arbeiten. Insofern hatte mein Album auch einen therapeutischen Zweck.  

In Deinem Song „Invidia” sprichst Du, dem Songtitel entsprechend, von Missgunst und Neid, der einem in der Musiklandschaft begegnet. Hier machst Du viele Andeutungen, nennst aber keinen konkreten Namen. Kannst Du etwas zu dem Hintergrund des Songs sagen? 

Die Leute, die mich besser kennen, wissen, dass ich früher viel mit Ufo361 zu tun hatte und dass wir nach dem Bruch unsere Streitigkeiten hatten und immer noch haben. Aber er ist nur einer von vielen. in der Industrie trifft man generell immer wieder auf Missgunst und Neid. Viele denken, dass materielle Besitztümer die einzigen Dinge sind, auf die man neidisch sein kann. Aber viele Leute sind auch neidisch auf Talent, Potential oder auch eine moralische Integrität, die sie selbst nicht besitzen. Man trifft auch auf Leute, die immer Recht haben müssen und denken, dass ihre Mittel zum Erfolg die richtigen sind. Viele dieser Verhaltensweisen halte ich persönlich für sehr verwerflich. Mir wurden in dieser Industrie bereits viele Türen verschlossen und das passiert auch vielen anderen, jungen Artists. Da sind Dinge vorgefallen, über die ich lange geschwiegen habe und die ich nun nicht mehr in mich hineinfressen will. Das sollte letztendlich niemand. 

Es geht jetzt um Nachhaltigkeit, Fairness, langfristige Deals, geile Ideen und Kreativität.“

Das klingt so, als würdest Du hier nicht nur von Deinen Erfahrungen sprechen, sondern von allgemeinen Problemen in der Deutschrap-Landschaft… 

Wir brauchen definitiv einen Paradigmenwechsel im Business. Leute, die sich gegenüber anderen schlecht verhalten und ihre Macht missbrauchen, müssen in Zukunft mit Konsequenzen rechnen. Ich stoße hier keinen persönlichen Rachefeldzug an. Es geht mir darum, einen Apparat der Ausbeutung offenzulegen und zu bekämpfen. Ich kenne viele Produzent*innen und Videograph*innen, die für große Artists gearbeitet haben und anschließend ausgenommen und auf schwarze Listen gesetzt wurden, weil sie sich wehren wollten. Es wird auch viel mit Gewalt gedroht. Bis auf psychologische Gewalt ist mir sowas noch nicht widerfahren, aber es passiert. Alles nur um die Kosten gering zu halten. Dieses Spiel muss aufhören und solche Leute dürfen nicht länger gedeckt werden.

 

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Nachhaltigkeit ist der neue way of life.“

In diesem Zusammenhang müssen wir auch über Vorbilder sprechen. Schließlich wird die HipHop-Hörerschaft immer jünger und die Verhaltensweisen, von denen Du sprichst, spiegeln sich auch weiterhin in den Inhalten wider. Sollte sich hier etwas ändern oder hat sich schon etwas geändert? 

Meiner Meinung nach ist die Ära des kurzsichtigen, ausbeuterischen Denkens vorbei. Nachhaltigkeit ist der neue way of life. In allen Lebensbereichen. Ich habe das Gefühl, dass die neue HipHop-Generation in dieser Hinsicht vorbildlich voran geht. Hier werden Netzwerke geschaffen und Leute pushen sich gegenseitig. Produzent*innen spielen auch eine größere Rolle als früher, da sie mehr mit Künstler*innen zusammenarbeiten. Es gibt insgesamt weniger Ausgrenzung. Alle Artists sollten folgendes verstehen: Man muss kein Tyrann sein, um ein Imperium aufzubauen. Es geht jetzt um Nachhaltigkeit, Fairness, langfristige Deals, geile Ideen und Kreativität. Das versuche ich den jungen Leuten mit auf den Weg zu geben.

Auf dem Song „Superbia” hattest Du mit JSON und kidnfinity auch zwei Artists an Deiner Seite, die die breite Masse noch nicht auf dem Schirm hat. Hältst Du aktiv Ausschau nach jungen Talenten?

Ich beschäftige mich einfach sehr gerne mit Leuten, die noch kaum jemand kennt. Das liegt auch daran, dass ich einfach musikbegeistert bin. Wenn ich etwas finde, was mir gefällt, dann ist es mir egal, wie viel Publikum das hat. Auch hier muss man mit gutem Beispiel vorangehen. JSON und kidnfinity haben in meinen Augen sehr großes Potential und ich gebe ihnen gerne meine Plattform. Letztendlich passen sie auch sehr gut auf den Song, denn es geht um den Hochmut vieler Leute und ein Independent-Mindset. Wer wäre dafür besser geeignet als zwei aufstrebende Künstler, die das gerade durchmachen. Es macht auch einfach Spaß mit ihnen Musik zu machen. Das ist kein reiner Samariter-Akt. 

Trotzdem ist es ein Akt, den nicht viele Rapper vollziehen, die eine große Reichweite haben. Ein Beitrag zur Kultur ist es in diesem Sinne schon.

Es kommt darauf an, was man als Erfolg definiert. Für viele definiert sich Erfolg über Geld und Materielles. Mir persönlich geht es um eine Legacy. Ich will am Ende sagen können, dass ich die Leute und die Kultur positiv beeinflusst habe. Es geht darum Geschichte zu schreiben. Nachhaltig und gemeinsam.

Greenys Album VENIA soll demnächst erscheinen. Ein genaues Datum wurde noch nicht festgelegt.


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