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SWISS im Interview: „Politische Musik hat nichts im Mainstream zu suchen“

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Der Frontmann der Crossover- und Punk-Gruppe SWISS + Die Andern ist bekannt für seine politische Ausrichtung und hat diese schon oft als Stilelement für seinen kreativen Output genutzt. Sein neues Werk versteht sich allerdings nicht als politisches Statement, sondern vielmehr als kleine Ansammlung ohrwurmverursachender, linker Partyhymnen, die zum gemeinsamen Alkoholkonsum anregen. Und das nicht ungewollt. Doch SWISS weiß selbst am besten, dass damit nicht alles gegessen ist und die Welt zu einem besseren Ort wird. Viele Aspekte des deutschen Systems sind für ihn kritikwürdig, während andere zu Unrecht kritisiert werden.

Obwohl SWISS sich aus der aktiven Rap-Landschaft größtenteils zurückgezogen hat, beobachtet er diese immer noch und erkennt auch hier sowohl positive als auch negative Entwicklungen. Der steigende Anwuchs an Kapitalismus, so wie die teils sexistische Wertevermittlung im Rap sind nichts, womit Swiss sich identifizieren kann. Wir sprachen im Interview mit SWISS über seine einst unbekannte Affinität zu Schlager, Sexismus im Rap, Politik im Mainstream, Polizeiradikalisierung und Vorurteile gegenüber der Antifa.

Musikexpress: Wie kam es zu einer Schlager-EP?

SWISS: Das wissen viele zwar nicht, aber ich bin tatsächlich sehr schlager-affin. In meinem Auto laufen häufiger mal Schlager-Hits. Das sind dann aber alte Sachen wie Hildegard Knef, Tote Hosen, Ti Amo, Howard Carpendale und Dschingis Khan– 70er- und 80er-Diskoschlager eben. Vor drei Jahren haben wir auf Tour mal Schlager-Metal gemacht. Das war richtig geil, als 1500 Punker geschrien haben: „Hölle, Hölle, Hölle“. 2020 hatten wir wegen Corona das erste Mal seit Längerem wieder ausgiebig Zeit, um zu sagen, dass wir jetzt ein Spaß-Projekt wie eine linksradikale Schlager-EP in Angriff nehmen. Das hat derbe Bock gemacht. Ich habe selten so schnell Musik aufgenommen, weil es mir im Grunde einfach egal war.

Dienten die genannten Künstler*innen als maßgebliche Inspirationsquelle?

Auf jeden Fall. Die erste Single bringt ja ein wenig diese Russland-Ästhetik mit sich. Ich wollte unbedingt eine Nummer machen, die diesen Moskau-Vibe hat. Ursprünglich wollte ich das ganze Projekt ostblockig auslegen. Am Ende wurden es doch nur zwei Titel. Ein weiterer Titel ist stark angelehnt an „Kiss Kiss“ von Tarkan – da wollte ich etwas von diesem Halal-Groove einbauen. Ich habe mich hauptsächlich an bekannten Songs orientiert. Die Melodien stammen aus unserer Feder, aber diesen Ostblock-Touch mag ich wirklich sehr gerne.

Für den Titeltrack lies SWISS sich von der Schlager-Band Dschingis Khan inspirieren.

Es bleibt im Ohr.

So soll das sein. Man ekelt sich zwar immer ein Stück weit und will sich danach duschen, aber man wird es nicht los. Irgendwie funktioniert so ja auch Pop. Man findet es eigentlich scheiße, aber nach dem fünften Mal singt man trotzdem mit. Das kann man bei LINKSRADIKALER SCHLAGER vermutlich auch beobachten.

Sowohl Rap als auch Schlager sehen sich häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, sexistische Texte zu vermarkten. Wieso teilen diese unterschiedlichen Genres genau diese Gemeinsamkeit?

Was HipHop angeht, kann ich dazu was sagen. Es gibt ohne Ende Songs mit chauvinistischer Attitüde. Als ich angefangen habe, Rap zu hören, war das noch anders. Mittlerweile geht es ständig um Statussymbole wie Luxuswagen und teure Häuser. Dabei wird auch nicht selten mit attraktiven Frauen geprahlt. Oft schwingt mit, dass die Frau nichts zu melden hat, weil man ohnehin reich und erfolgreich ist. Was den Schlager betrifft, bin ich mir nicht sicher, weil ich da nicht so tief drin stecke. Ich glaube aber, dass dort auch viel durch dieses Ballermann-Ding kommt. Songs, in denen gesungen wird, „zeig die Hupen“ können so etwas eventuell glorifizieren. Ich weiß aber wirklich zu wenig, um bei dieser Diskussion mitreden zu können. Mein Anspruch hinter LINKSRADIKALER SCHLAGER lag darin, zwei Welten, die gefühlt gar nicht miteinander verkehren, zusammenzupacken und zu schauen, was passiert.

„Aber eigentlich ist doch nichts mehr Punkrock, als wenn ich auf alles scheiße und eine Schlager-EP mit linksradikalen Texten mache.“

Wie würdest Du Rap 2021 als Person bezeichnen?

Es ist eine sehr subjektive Wahrnehmung. Der HipHop wird derzeit vom Mainstream definiert. Das klingt für mich nach Fahrstuhlmusik. Durch das Element des Auto-Tunes hört sich vieles schlichtweg gleich an. Trotz all dem gibt es natürlich immer noch geile Künstler*innen, die etwas anderes daraus machen. Ich finde es auch spannend, dass Rap sich dem Pop mittlerweile öffnet – es ist also auch viel Gutes dabei. Beispielsweise ist es auch bombig, dass deutscher Rap im Club gespielt wird. Das war früher nicht so. Für mich ist es aber ein Problem, dass die Werte, die dabei beworben werden, ekelhaft sind. Es geht nur um Geld, Ansehen und Status. Das definiert den Menschen völlig im Sinne des Kapitalismus und das, was er hat. Das empfinde ich als schwierig, denn die Kids glauben aufgrund dessen, dass sie diese Lebensweise übernehmen müssen. Diese „Immer mehr“-Kultur stellt für mich die Schattenseite des Ganzen dar.

Aus welchem Grund finden Rapper, die politische Themen ansprechen, selten Anklang im Mainstream?

Ich finde, dass politische Musik nichts im Mainstream zu suchen hat. Mainstream bedeutet, dass du auf deinen Konzerten auch Freiwild- und Onkelz-Fans hast. Dieser Begriff setzt voraus, dass dort einfach jeder hingeht. Wenn du bei unseren Konzerten mit einem Freiwild-Shirt aufläufst, wirst du spätestens an der Tür von einem Punker aufgefordert, das Shirt umzudrehen. Wenn man sich ganz klar positioniert, schließt Politik eine breite Masse von Menschen aus. Das heißt gar nicht, dass das alles Nazis sind. Es gibt auch Leute, die sagen, dass sie nichts mit der Inka-Kultur anfangen können. Viele Unpolitische denken bei linker Kultur an schwarzvermummte Leute, die Molotow-Cocktails in kleine Familienbetriebe werfen. Das gibt es natürlich auch, aber das Image von linker Kultur im Mainstream ist allgemein einfach kein besonders Gutes. Ich glaube, dadurch wollen viele Menschen sich davon distanzieren, was aber nicht bedeutet, dass sie Rechts sind.

Glaubst Du, dass es mehr Musiker*innen geben sollte, die sich gegen solche Vorurteile auflehnen?

Die breite Masse hat keine Lust auf politische Themen. Damit schließt sich das von selbst aus. Trotzdem gibt es ohne Ende Künstler*innen, die solche Themen in ihrer Musik ansprechen. So was gibt es sowohl im Rap als auch im Punk. Diese Bands spielen eben dann eben vor maximal 150 Menschen, aber dafür haben sie eine geile Attitüde und performen in jedem Kaff – selbst wenn der Ort komplett braun ist. Antifaschistische und politische Musik zu machen, ist nicht unbedingt ein Ticket zum großen Geld. Uns wird häufig vorgeworfen, dass wir das nur machen, weil es gerade angesagt ist. Wenn es mir darum gehen würde, Geld zu verdienen, würde ich Politik in meiner Musik vermutlich ausklammern. Jede Szene hat immer einen Anteil an Menschenfressern, die ihre Künstler*innen nicht supporten und nicht so solidarisch sind, wie sie es eigentlich sein sollten. Damit schaden sie der Szene, aber das ist ihnen meistens nicht bewusst.

Obwohl viele Rap-Künstler*innen selbst aus prekären Verhältnissen kommen, wird Kapitalismus immer mehr zu einem Hauptmerkmal der HipHop-Branche. Warum?

Das ist doch das Witzige, man. Zurzeit gehen viele diesen amerikanischen Ghetto-Weg. Entweder du wirst Profi-Sportler*in oder Rapper*in. Mal abgesehen davon, dass uns dieses Ghetto-Problem in Deutschland gar nicht so extrem betrifft, veröffentlichen viele Rapper Musik, die sich an dem System reibt und gegen den Staat vorgeht. Ab dem Moment, an dem das Geld dann aber da ist, fangen sie an, genau die Werte und Statussymbole zu bedienen, die dieses System verherrlicht. Der kapitalistische Staat freut sich, wenn viel Geld für Uhren und Autos ausgegeben wird, weil damit der Kreislauf bestehen bleibt. Das ist genau das Paradoxe. Diese Typen kommen aus dem Dreck und kritisieren das System bei jeder Gelegenheit. Sobald sie aber die Möglichkeit haben, bei dieser ganzen Sache mitzumachen, tun sie nichts anderes als die Geissens. Geld korrumpiert Menschen. Versteh mich nicht falsch, Geld ist cool und ich bin auch kein Fan davon, in den Wald zu ziehen und sich dort von Pilzen zu ernähren. Es ist schön, wenn man sich und seiner Familie etwas gönnen kann, aber wenn man beginnt, Geld zu Gott zu erheben, ist man ein Stück weit verloren. Auch das ist Kapitalismus. Es ist ätzend, dass die neue Generation diese grässlichen „Haste nix, biste nix“-Werte vorgelebt bekommt.

„Ich bin der Meinung, dass die ständigen Weltreisen und großen Ausflüge, die Fortsetzung des Imperialismus markieren.“

Wie bewertest Du die deutsche Politik in Bezug auf die Pandemie?

Das Spektrum ist sehr groß. Wir haben hier schon fähige Leute. Man kann über unsere Politik sagen, was man will, aber die meisten Entscheidungen haben schon Sinn gemacht. Und das sage ich als jemand, der sehr direkt von den Einschränkungen betroffen ist. In Deutschland sind die Todeszahlen recht niedrig geblieben, auf der anderen Seite hat man aber wieder irgendwelche CDU-Politiker, die sich am Verkauf von Masken bereichern. Menschen verlieren ihren Job oder ihre Unternehmen und die haben nichts Besseres zu tun, als ihre Taschen mit der Not anderer zu füllen. Aber das ist ein grundlegendes Problem der Politik. Ich möchte nicht in der Situation sein, über alles entscheiden zu müssen. Von daher ist es für mich vollkommen in Ordnung, da mitzugehen und mich an die Regeln zu halten. Der ganze Prozess mit dem Impfen hätte vielleicht etwas schneller und mit weniger Hemme vonstattengehen können, wenn weiterhin alles in dem Tempo bleibt, wird bestimmt alles wieder okay. Wir haben das alles zum ersten Mal gemacht und ich hoffe, dass es viele Jahre dauern wird, bis so etwas wieder kommt.

Du glaubst, dass es zu einer weiteren Pandemie kommen wird?

Davon bin ich überzeugt. Der Mensch geht abscheulich mit der Natur um. Schau dir nur mal die Viehhaltung an. Diese Tiere werden von uns eingesperrt und mit Antibiotikum vollgepumpt. Da braucht sich keiner wundern, dass irgendwelche resistenten Viren auftauchen, die wir nicht mehr im Griff haben. Unser Umgang mit den Ozeanen, der Luft und unseren verfügbaren Ressourcen muss besser werden. Vielleicht kann Corona den Leuten in dieser Hinsicht etwas die Augen öffnen.

Was kann die Bürgerschaft noch tun, um die Situation positiv zu beeinflussen?

Ich bin kein Corona-Prophet. Ich kann die Leute schon verstehen, dass sie ausrasten wollen, wenn sie wieder rausdürfen. Natürlich hilft das der Gesamtlage nicht weiter, aber man muss auch bedenken, dass die Kids ziemlich unter diesen Einschränkungen leiden. Man sollte aufeinander achten und die Emotionen nicht zu hoch kochen lassen. Gerade mit der Querdenkerszene hat sich bewährt, dass eine solche Pandemie für jede Gesellschaft eine Probe ist. Das war immer so in Krisen. Man muss das jetzt auf diesem Level zu Ende bringen und anschließend kann man auch ein Fazit ziehen.

„ZICKEZACKENZECKEN“ kombiniert orientalische Musik à la Tarkan mit dem Aufruf zu mehr Gemeinschaft.

Diesen Freiheitsdrang spürt man gerade bei gutem Wetter an jeder Ecke.

Man braucht das ja auch. Das ist so schön, wenn ich durch Hamburg laufe und die Straßen voll mit Menschen sind. Vielleicht lernen die Leute dadurch auch wieder, wie wichtig Gemeinschaft eigentlich ist. Man spiegelt sich in gewisser Weise ja auch in seinem Gegenüber und bekommt Feedback, auf das, was man macht. Es gibt diesen Spruch: „Es gibt keine Kunst, wenn es keinen Betrachter gibt“. Das trifft auch auf den Menschen zu. Wir können nur Mensch sein, wenn es andere Menschen gibt, mit denen wir interagieren können.

Auch die Polizei steht nicht nur aufgrund der Corona-Maßnahmen sehr häufig in der Kritik. Was für eine Form an Veränderung wäre hier angebracht?

In deutschen Sicherheitsapparaten wie der Polizei, der Bundeswehr, dem Verfassungsschutz und vielleicht auch der Feuerwehr, findet derzeit eine rechte Unterwanderung statt. Das liegt aber in der Geschichte der Sicherheitsbehörden, dass solche Leute in wichtigen Ämtern sitzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Amis jemanden gebraucht, der die Arbeit wieder aufnimmt. Dabei wurde auch auf Kader der alten SS zurückgegriffen. Ich stehe jeder Art von Sicherheitsinstanz sehr skeptisch gegenüber und finde, es müsste etwas geben wie eine wirklich unabhängige, total transparent agierende Behörde, die in unser aller Interesse die Polizei und den Verfassungsschutz überwacht. Das klingt zunächst utopisch, aber ich glaube, das wäre etwas. Man sollte kontrollieren, wer eine Dienstwaffe in die Hand nimmt und auf Demos kontrolliert. Man sollte die Vergangenheit der Beamten durchleuchten, denn es kann kein Zufall sein, dass in lauter Polizei-Gruppenchats ständig lauter Nazi-Zeug auftaucht. Viele der Rechten Anhänger haben eine Affinität zu so was – die haben Bock auf Waffen, Autorität und Macht.

„Ich hoffe, dass Corona der AFD bei den Bundestagswahlen nicht in die Karten gespielt hat. Diesen Rattenfängern darf keine Bühne geboten werden.“

Du bist ein bekennender Befürworter der Antifa. Auf „Vice“ gibt es einen älteren Beitrag, der sich mutmaßlich gegen die Antifa richtet und viele ihrer Anhänger als privilegierte Teenager bezeichnet, die sich schlichtweg gegen ihr Elternhaus auflehnen. Wie stehst Du zu diesem Vorurteil?

Man kann nicht verheimlichen, dass Faschos es aufgrund der Antifa in weiten Teilen Deutschlands wesentlich schwerer haben, Fuß zu fassen. Wenn es nicht egal wo, immer 20 mutige Antifa-Kids geben würde, die auf die Straße gehen und demonstrieren, dann würden wir in vielen deutschen Städten Fakelläufe zu Reichsfeiertagen sehen. Der Vorwurf von dem Beitrag stimmt natürlich zum Teil. In der RAF stammten auch viele Anhänger aus Mittelschichtsfamilien, oder höheren Kreisen. In einem gewissen Umfang kann man hier von Rebellion sprechen, aber dieses Auflehnen hat auch viel mit Bildung zu tun. Es erfordert wenig Weitsicht, Flüchtlingsankömmlinge abzustempeln. Es erfordert hingegen sehr viel mehr Weitsicht, selbst zu erforschen, warum die Welt ist, wie sie ist. Sich mit Dingen wie bestehender Armut zu beschäftigten, setzt ein gewisses Maß an Interesse voraus, das viele nicht besitzen. Es ist im Endeffekt doch auch egal, was dich aus dem Bett treibt. Wenn du raus gehst und etwas Gutes tust und von etwas überzeugt bist, von dem du glaubst, dass es dir und dem Rest der Welt ein besseres Leben ermöglichen kann, dann ist das doch gut. Und wenn dieser Antrieb durch die Rebellion gegen deine Eltern entsteht, dann ist das auch okay.

Wie sieht Deine Prognose für die kommenden Jahre aus in Bezug auf die deutsche Gesellschaft?

Dadurch, dass die amerikanische Kultur und die USA in der Vergangenheit häufig als Vorreiter für die Entwicklungen gedient haben, die hier stattfinden, fürchte ich leider, dass die deutsche Gesellschaft in der Zukunft eine noch größere Spaltung erfahren wird. In irgendeiner Form wird sich das früher oder später entladen, weil die Fronten einfach so verhärtet sind. Durch Corona werden sehr viele Menschen arm werden und solche Umstände haben in der Vergangenheit häufig den Trend zum Rechtsruck aufgezeigt. Die Menschen sollten verstehen, dass der gemeinsame Umgang wichtig ist und wir aufeinander Acht geben sollten. Die Flüchtlinge, die hierherkommen und ihre Heimat verlassen müssen, sind nur so arm, weil wir so reich sind. Daher ist es nur fair, dass sie hier Obhut finden. Unser Kulturkreis hat diese Völker über Jahrhunderte ausgesogen und geplündert. Vielleicht verstehen die Leute durch Corona, wie abhängig wir alle voneinander sind und dass wir diese Welt miteinander teilen.

SWISS‘ neue EP LINKSRADIKALER SCHLAGER ist am 02. Juli 2021 erschienen.


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