Hirnflimmern: Josef Winkler über die Beatles und seine Mama


Meine Mutter war Beatles-Fan. Als die Beatles 1966 durch Deutschland blitzten, wäre sie mit 15 im genau richtigen Alter gewesen, um im Circus Krone mitzukreischen. Aber meine Mutter wohnte in einem kleinen Bauerndörfchen, das damals circa 22 Lichtjahre von München entfernt lag, und „Beatles-Fan sein“ bedeutete für sie und ihre Freunde mit viel Glück mal ein Lied im elterlichen Röhrenradio zu erwischen, das freilich nicht auf die Popwelle eingestellt war – was auch daran lag, dass es noch gar keine Popwelle gab –, oder bei einem Schulkameraden zusammenzusitzen, der ein paar Singles besaß. Dazu gab’s einige aus Zeitschriften ausgeschnittene Fotos, und wenn sie bewegte Bilder von den tollen Typen sehen wollten, dann hieß es flink sein, wenn der Ruf durch die Straße scholl, dass die! Beatles! im! Fernsehen! sind! – schnell rüber zu den Nachbarn, die ein TV-Gerät hatten, aber da war der kurze Bericht meist schon wieder vorbei.

Ihren ersten eigenen Beatles-Tonträger erwarb meine Mutter dann erst Anfang der 80er – wohl vor allem aus Verbundenheit; fürs Musikhören selbst war wenig Raum als Bäuerin mit drei kleinen Kindern und einer die extra-kurrikulären Aktivitäten kritisch beäugenden Schwiegermutter. Es handelte sich um die eher obskure Best-of GOLDEN GREATEST HITS (in der „Club Edition“ mit den sinnfreien Regiestühlen auf dem Cover; Kenner nicken kennerhaft). Und als ich bald anfing, mich für Popmusik zu interessieren, gab meine Mutter diese Platte mir. Sie überreichte sie mir nicht in einem feierlichen Akt, sie raunte auch nicht „take this, Bub, may it serve you well“ oder Ähnliches. Sie gab mir nur einen kleinen Hinweis und ließ sie . neben einer Simon-&-Garfunkel-Best-of das einzige Poprelevante im circa 9 cm dicken LP-Stapel meiner Eltern – langsam in meinen Besitz herüberdriften.

Später war ich oft unsicher, ob ich die beliebte Frage nach der ersten eigenen LP guten Gewissens mit „Beatles-Best-of!“ beantworten darf, wo die doch zu mindestens 51 Prozent meiner Ma gehörte. Das Album versuchte kühn, auf zwei Plattenseiten eine repräsentative Auswahl aus dem Gesamtwerk der Vier zu kredenzen, in noch dazu nicht-chronologischer, wilder Mischung, und ich hörte es so besessen und oft, dass für mich bis heute auf „Twist And Shout“ ganz selbstverständlich stimmig „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ folgt. Nach „Penny Lane“ kommt „Day Tripper“, und während das letzte „Uuuuhhh“ von „Help!“ verklingt, klankert schon das Klavier von „Lady Madonna“ los. Was so natürlich kaum wo auf der Welt passiert, aber auf Mas Beatles-Platte und in meinem Kopf.

Am zweiten Adventssonntag ist meine Mutter gestorben. Sie ist nicht einmal 64 geworden; keine Späße zum Geburtstag mit dem Lied von ihrem Zweit-Lieblings-Beatle Paul (ihr Favorit war George). Es ist süßer Trost, dass sie mir immer nah sein wird in der Musik der wunderbarsten Band, die je sein wird. Und so passend, liebe Ma.

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