Hit Hit Flop Flop: Der Trend-Boiler

Nichts ist outer als das, was in einschlägigen Heiß/Kalt-Listen auf der „Angesagt-Seite steht. ME/Sounds präsentiert: Die Trends im dynamischen Durchlauferhitzer -— was uns heute verbrüht, kann uns morgen sehen frösteln lassen.

Top:

* FAKE GRUNGE Während die Originale noch ihr Selbstverständnis diskutierten, demonstrierten Bands wie die Stone Temple Pilots, was Grunge wirklich ist: mit Eddie Vedder-Gehabe und Farbe im Haar der einfachste Weg, als Musiker Geld zu machen.

* RTL LATE NIGHT Der Tag geht, die Blödel-Vollpackung kommt. Mit einer dreisten Kopie des amerikanischen NBC-Erfolgskonzeptes „Saturday Night Live“ lähmt der Kölner Sender den samstäglichen Zap-Daumen der Fernsehnation.

* DENNIZ POP Der Schwede heißt eigentlich Dag Volle, macht seinem Pseudonym aber alle Ehre: Als Produzent der Dancefloor-Megas Dr. Alban, Leite K. und Ace Of Base beherrscht er die Pop-Charts.

* MICHAEL REINBOTH Dieser Mann dagegen kann alles: Als Minister für Nightlife deutschen Dancefloor verwalten, für ME/Sounds schreiben und trotzdem als ELLE-Model eine gute Figur machen: innen gut, außen mit Hut.

* GANGSTA-RAP Helden der harten Zeit gelangen dafür zu trauriger Berühmtheit. Seit Snoop Doggy Dog und Flav als Ballermänner verhaftet wurden, glaubt keiner mehr, daß „Cop Killer“ nicht wörtlich gemeint war.

* CD-ROM Multimedia für die Massen: nachdem in Deutschland 1993 knopp 50.000 CD-ROM-Laufwerke verkauft wurden, brummt es nun auch bei den Software-Zulieferern: Sogar Herbert Grönemeyer ist schon ein bißchen interaktiv.

* BUDDHISMUS Hollywood steht auf „Scientology“, doch die fernöstliche Religion gewinnt an Boden: Richard Gere und Cindy Crawford bekennen sich zu Buddha, ab Februar 1994 bringt Bertoluccis ‚Little Buddha‘ neue Beitritts-Argumente.

* TRANCE Slow Motion in der Disco: Zu Klängen, wie sie einst schon Tangerine Dream erzeugten, wiegen weißgekleidete Grünschnäbel die erleuchteten Häupter. Schlaue Wirte legen Knautschkissen auf die Tanzflächen.

* DER DEUTSCHE DJ Mit Sven Väth ist erstmals ein Plattenaufleger aus deutschen Landen in den Charts der Welt erfolgreich. Culture Beat-Kollege Torsten Fenslau bleibt die Krönung versagt -— er überschlägt sich mit seinem SL.

* NEO-HIPPIES Die achtziger Jahre sind so tot wie ein Yuppie nach dem dritten Herzanfall. Nach Karriere, Boss und Aktenkoffer gelten Love, Peace und Happiness als neue Ideale. Ideale Vertreter: 4 Non Blondes.

* ADIDAS Der Veteran aus Deutschland sorgt wieder für die klare Linie. Die berühmten drei Streifen werden von Szene-Designern umworben, der wiederbelebte Turnschuh-Klassiker „Gazelle“ schmückt berühmte Füße von Jamiroquai bis Mariah Carey.

* DIE ÄRZTE Ein Comeback, auf das nur wenige wetteten: Bela und Farin pokerten einen hochdotierten Vertrag aus, ihre neue Firma zog dennoch das große Los: Wochenlong Top Ten, ausverkaufte Konzerte -— der Kult lebt!

* ISDN Das neuste aller Telekom-Status-Symbole. Mit der privaten Fax-Nummer auf der Visitenkarte ist kein Eindruck mehr zu schinden, wohl aber mit dem diskreten Hinweis, fortan digital verkabelt zu telekommunizieren.

* DAVE PIRNER Der Soul Asylum-Sänger jommerte im Herbst in Journalisten-Mikros, daß er schon Probleme hat, wenn es seine Freundin Winona Ryder im Film mit anderen macht. Damit liegt Dave voll im Trend: Heul mal wieder!

Flop:

* GIRLIE GRUNGE Die Gehätschelten der Gitarren-Revolution haben dabei ihre Chance verspielt. Von allen Medien als wilde Mädchen gefeiert blieben Frauenbands wie L7 oder Babes In Toyland da, wo sie schon immer waren: im Schatten der männlichen Kollegen.

* GOTTSCHALK LATE NIGHT Wer als Publikums-Stimulanz italienische Busenwunder mißbraucht und sich permanent selbst beweihräuchert („Ich bin ein Volksheld“), muß zur Strafe fünf McRibs essen.

* RICHIE BLACKMORE Er reiste während der aktuellen Deep Purple-Welttournee isoliert vom Rest der Band unwillig von Stadt zu Stadt. Nach seinem unvermeidlichen Ausstieg kann er die Gitarre an den letzten Nagel hängen.

* MODELS Seit die „neuen Stars der Neunziger“ in Interviews ihren Senf zum Zeitgeschehen abliefern, manifestieren sich ihre vorrangigen Qualitäten: Models sind meistens nur zum Anschauen schön.

* HIPPIE-HOP Für die Blumenkinder des Rap ist kein Platz mehr in Zeiten wie diesen. Arrested Development’s Konzept von Love, Peace und Landkommune ließ auf Dauer auch Wollsockenfüße einschlafen, ein „Unplugged‘-Album gab den Rest.

* VINYL Das Presswerk der EMI dampft ein letztes Mal. Mit einem Axxis-Album verläßt die letzte schwarze Scheibe die Fabrik, die Nachschub-Situation für Vinyl-Nostalgiker beschränkt sich auf einige japanische High-End-Platten.

* SCIENTOLOGY Die Materialisten unter den Gläubigen dieser Welt haben zwar nach wie vor großen Zulauf, passen aber immer weniger in die Zeit. Trotz Chick Corea & Konsorten: Die Menschheit sehnt sich nach herzvolleren Göttern.

* TEKKNO Zu hart für diese Welt: Technokraten mit dem Doppel-,K‘ locken allenfalls noch freilaufende Landeier auf die Tanzböden. Extosy-Dealer gehen reihenweise in den Konkurs. Motto: Kuscheln statt Knallen.

* LONDON Die CD-Veröffentlichung der Beatles-Best-Ofs „Rot“ und „Blau“ macht den derzeitigen kreativen Tiefpunkt der einstigen Trend-Metropole schmerzhaft deutlich: 1993 kam keine einzige wirklich erfolgreiche neue Band von der Insel.

* HERBERT GRÖNEMEYER Beschäftigt 1993 vor allem seine Anwälte und klagt kreuz und quer gegen jeden, der mit seinem Namen unerlaubterweise Geld machen möchte. „Chaos“ verhält sich eher ruhig: „Platin“, aber das nur mit Müh‘ und Not.

* NIKE „Just Do It“ war als Handlungdirektive für eine Generation der Orientierungslosen offensichtlich nicht konkret genug. Jugendliche Käufer wußten nur, was sie nicht wollten: die gleichen Turnschuhe tragen wie Bierbauch Andre Agassi.

* DESIGNERDROGEN Weil nach gentechnischen Selbstversuchen am lebenden Organismus stark kontaminierte Leichen anfallen, die Sondermülldeponien aber jetzt schon aus allen Nähten platzen.

* HANDY Die D-Netz-Minis waren nur zu Jahresbeginn noch ein Markenzeichen für zeitgemäße Trend-Menschen. Der Preisverfall (399 DM bei Quelle) sorgt dafür, daß auch der Schichtorbeiter in der Trambahn mit dem Handy rummacht.

* BRUCE DICKENSON Weg von der Eisernen Jungfrau: Der Iron Maiden-Frontman sagt dem Metal „Tschüß“ und wendet sich der klassischen Theaterkunst zu. Das ist erst ein Trend für 1995: raus aus dem „Headbangers Ball“, rein ins „Zeit“-Feuilleton.

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