Popkolumne, Folge 238

Hits, Hypes, Nieten von Linus Volkmann: Das Jahr so far in sieben Listen


Linus Volkmann sortiert schon mal 2023: Beste Newcomer, größte Hypes, tollste Konzerte, klare Nieten.

Liebe Listenfüchse! In der heutigen Kolumne sortiert Linus Volkmann schon mal das laufende Jahr ein: Beste Newcomer, größte Hypes, tollste Konzerte, klare Nieten. Ein Text in Listenform, wenn das Eberhard Excel noch erleben könnte!

Lachen ist wie ein Döner - Paulas Popwoche

Fünf Gründe, warum man unbedingt im August schon mal eine Art Jahresrückblick betrachten sollte

01 Um zu schocken (Eltern, Lehrer, Mainstream)

02 Um mit Stützkäufen und/oder Lichterketten noch eingreifen zu können, falls bis jetzt nur total Ungutes im Spotlight 23 steht.

03 Weil man damit endlich noch schneller ist als die ohnehin galoppierende Zeitverfluggeschwindigkeit. So hat man den grauen Herren, also den Zeitdieben aus „Momo“ von Michael Ende, auch selbst mal was geklaut.

04 Why not! Gefühlt ist übermorgen doch eh schon wieder Weihnachten.

05 Wenn im Dezember dann die „echten Rückblicke“ kommen, kann man wissend abwinken. Distinktionsgewitter!

Drei musikalische Entdeckungen des Jahres

01 Leftovers

Ihr Debüt-Album KRACH erschien Ende 2022, nun kommt in diesem Herbst bereits das nächste. Leftovers aus Wien sind der grindige Entwurf einer Indierockband, der auch in den Zwanzigern Bestand haben kann. Explizit, getrieben, wahnhaft, aufregend. Irgendwo zwischen The Strokes, Messer, Lana Del Rey und deinem letzten Kater.

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02 Kapa Tult

Gibt es auch nicht erst seit 2023, aber dieses Jahr haben die vier „fetzigen jungen Leute“ (Quelle: Musikjournosprech 1983) noch mal enorm aufgedreht. Erste Platte hieß unlängst ES SCHMECKT NICHT, dazu gab es diverse Videos und bereits einen kleinen Hype … Letzterer möge sich bitte weiter hochschaukeln, Kapa Tult sind das Bällebad aus gelben Überraschungsei-Inhalten. Also viel zu entdecken, los geht‘s:

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03 Skuff Barbie

Deutschsprachigen Soul gibt es nicht? Die Münsteranerin Skuff Barbie und ihr Producer Boom Boi drehen diesem Vorurteil den Saft ab. Das Debüt trägt den Titel PASSIFLORA und flimmert zwischen lässigem Ostwestfalen-Rap und den Roots der Künstlerin, die in dem zentralafrikanischen Staat Äquatorialguinea liegen.

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Drei Hypes des Jahres 2023

01 Barbie – Der Film

Wenn ich hier schreibe „Wie viel hat man zu diesem Event-Movie schon gelesen und gehört?“, dann vervollständigt der eigene Kopf zwangsläufig: „Ja, und zwar wie viel Scheiße, meinst du wohl!“

Insofern möchte ich nicht auch noch in dieses globale Groschengrab eine edgy Meinung nachmünzen. Nur soviel: „Barbie“ hat feministische Ideen und female Selbstwert an Orte gespült, die das so nicht oder viel zu wenig verfügbar haben. Der Film drumrum ist (meinetwegen) Geschmackssache, für mich persönlich aber besitzt nicht nur der Song „I’m Just Ken“ mit seinen Queen-Vibes eine Attraktion, die das Jahr 2023 locker überdauern wird.

Paulas Popwoche: Der „Barbie“-Film hat mich traurig gemacht
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02 Ski Aggu

Berlin Boysclub Rap mit dem Wahnsinn in den Augen. Hier will ich unbedingt auch noch mal drauf hinweisen, bevor es ohnehin bald schon jeder mitgekriegt hat, weil es bei tagesschau.de stand oder mal im Deutschlandfunk kam. Ski Aggu: Eine Urgewalt an Spaß, Rausch und Witz. Und dazu eine überlegene Inszenierung in den Sozialen Medien. Ski Aggu wirkt nicht wie bloß ein weiterer Maskenrapper, sondern ist vielmehr das juvenile Zeitgeist-Update zu Acts wie K.I.Z., Deichkind beziehungsweise Scooter. Wem Finch Asozial, der mit ähnlich trashig souveränen Retro-Gabba-Sounds und bunten Videos agiert, zu, naja, „asozial“ ist, der findet mit Ski Aggu das weit weniger macker- und penismäßige aber nicht minder wilde Update.

Ski Aggu und Charlotte Stahl im Interview: „TikTok wird immer wichtiger“
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03 Taylor Swift

In den analogen Fußgängerzonen des vergangenen Jahrtausends traf man immer wieder auf folgendes Phänomen: Eine lange Schlange von motivierten Menschen campte im Freien vor einem Schalter. Anlass waren Touren heißgeliebter Bands, für die man unbedingt eine Karte ergattern wollten. So parkten sich die Fans mitunter Tage vor Verkaufsbeginn auf der Straße, um nicht zu kurz zu kommen. Irgendwie verdammt romantisch, oder? 2023 erlebt nun die digitale Version dieser Liebesbekundung. Und die läuft – passend zur digitalen Welt selbst – natürlich schneller und frustrierender ab: Karten für die Taylor-Swift-Tour 2024 bekommen zu wollen, fesselte unzählige Interessierte gleichzeitig vor ihrem Rechner. Mit einem Ticket im Warenkorb endete dieser „Refresh, Refresh!“-Flashmob dabei für die wenigsten.

Sechs Dinge, die von Benjamin von Stuckrad-Barres Buch „Noch wach?“ übrig bleiben

01 Ein unterhaltsam überlieferter Einblick in das „Höher schneller, weiter“-Gelaber von Medienmachern.

02 Ein allerdings eher bestürzender Einblick in die sonstigen Realitäten großer Medienhäuser.

03 Auch übrig bleibt die Ambivalenz, die sich breit macht, wenn das große belletristische me-too-Buch mit Konsens-Charakter von einem Mann geschrieben wird …

04 Diese Zitrone (BvSB) hat noch sehr viel Saft. Der illustre Autor ließ sich unlängst (und gefühlt fast schon boomer-deppert) für die Punk-Kampagne der Band Madsen begeistern. Nie von der Nummer gehört? Kein Wunder, dieser Mediencoup fuhr ziemlich ungebremst vom Start aus in den Graben. Ich fasse daher kurz zusammen: Eine crazy Schülerband wurde erfunden … Junge Scheiße Punx.

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Es gab ein Video, bei dem diese so taten, als hätten sie den damals noch unveröffentlichten Madsen-Song „Alte weiße Männer“ geschrieben. Irgendwann sollte der Hype um die Kids aufgelöst werden: Also dass eigentlich Madsen mit ihrer damals neuen Platte hinter den Songs stecken. Angefeuert wurde das alles von prominenten Junge-Scheiße-Punx-Fake-Fans wie eben Stuckrad-Barre. Problem: Trotz gütiger Mithilfe einiger Hans Dampfs stellte sich überhaupt kein Hype um jene Platzhalter-Band ein. Die Auflösung der Story lief so auch fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Ist Stuckrad-Barre immer noch ein handlungsfähiger Akteur des populären Zeitgeists? Ich glaubte nach dieser Geschichte nicht mehr daran. „Noch wach?“ indes beweist, dass der Autor weiterhin zentrale Themen, Haltungen und das richtig Timing nicht nur im Blick, sondern auch im Griff hat. Fame, wem Fame gebührt.

05 Schlecht gealtert allerdings: Stuckrad-Barres Debütroman „Soloalbum“. Im Zuge von „Noch wach?“ habe ich jenen noch mal angehört, er steht – vom Autor gelesen – auf Spotify. Wohlwollend gesagt: Stuckrad-Barre muss eine ziemliche Bewusstwerdungsreise von diesem Buch hinzu dem feministischen Approach von „Noch wach?“ hingelegt haben. Denn „Soloalbum“ strotzt in Persona seines (Anti-)Helden einfach nur vor Misogynität, einiges geht dabei sicher auf den Nacken der Rollenprosa des fiktionalen Antiheldens (Persilschein: lyrisches Ich), aber in vielen der chauvinistischen Mini-Rants gegen dicke Frauen und Mädchen, die keine Ahnung von Musik haben, bleiben die biographischen Bezüge auf den Autor nicht aus. Sorry to say, liebe BvSB-Ultras. Ich hatte „Soloalbum“ auch weit schöner in Erinnerung. Zeiten ändern dich.

06 Habe „Noch wach?“ übrigens als Hörbuch gehört. Extra den Gratis-Monat bei Audible weggesnackt! Wieder was gespart.

ME.Gespräch mit Thees Uhlmann und Benjamin von Stuckrad-Barre: „Es brennt grundsätzlich hinter uns.“

Bestien mit Überraschungsmoment – vier durchgeknallte Tierhorrorfilme

01 „Cocaine Bear“ (2023)

Dieses Jahr machen zwei Filme einen lange schwelenden Trend amtlich: „Cocaine Bear“ ist einer davon. Es geht um selbstironischen Horror, dessen Grundidee zwar Trash ist, der aber eben trotzdem nicht von Genre-Nerds gedreht wird, die bloß mit paar Handpuppen, drei Liter Kunstblut, einem Loofa-Schwamm als rausgeplatztes Gehirn und ein paar Schauspiel-Imitatoren hantieren. „Cocaine Bear“ hat sich einiges von der „Stranger Things“-Hippness abgeschaut und mit Ray Liotta und Jesse Tyler Ferguson („Modern Family“) sogar echte Stars aufzuweisen. Seine groteske Story (wilde Bären auf Kokain) nimmt der Film durchaus ernst und spektakelt sich auf angenehm schmalen neunzig Minuten einen sehr unterhaltsamen Feelgood-Splatter zusammen.

02 „Slotherhouse“ (2023)

Jetzt ins Kino kommt nun ein ähnliches Projekt. Nur mit einem anderen Tier, das die Leute umnietet: Einem Faultier namens „Alpha“.

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03 „Sharknado“ (2013)

Der erste große Ausschlag dieses interessant durchgeknallten Sub-Genres ist mittlerweile zehn Jahre her: Ein Hurrikan lässt in großer Zahl tödliche Haie auf die Menschen regnen. Die Idee ist hier der Star, der Film und seine diversen Sequels können dagegen auf Strecke selten mithalten.

04 „Zombeaver“ (2014)

Ein Wortwitz, der tatsächlich auch auf deutsch funktioniert: „Zombiber“. Das ist aber längst nicht das einzige, was diesen Indie-Streifen zu mehr als einem kleinen Geheimtipp macht. Unerwartet kurzweilig, teilweise so spannend, das man die irrsinnig Grundprämisse (toxische Biber töten junge Leute in deren Ferien) fast vergisst – oder zumindest für nachvollziehbar erachtet.

Fünf Dinge, auf die man im Popjahr 2023 hätte verzichten können

01 Zehntausende Social-Media-Soli-Bekundungen für das „wahre Opfer“ der Row-Zero-Affäre: Till Lindemann. Oft verfasst von Männern, deren Profilfotos Autos oder Motorräder sind.

02 Zehntausende Social-Media-Hasskommentare, die sich gegen die Frauen richteten, die es wagten, sich öffentlich zu den Geschehnissen bei Rammstein-Konzerten zu äußern.

03 Die Anwälte Lindemanns und ihr Auftreten, das offensichtlich dem Ziel galt, Medien und Zeug:innen einzuschüchtern – so schmälerten sie wahrscheinlich zählbar Betroffenensichtweisen, die sich nach Außen trauten. Danke für Nichts.

04 Rammstein allgemein.

05 Die neue Single „Paris“ von Fynn Kliemann. Inklusive der Zeile: „Fehler sind federleicht, aber wiegen schwer wie Betonschuh“. Naja, ein Jahr Reue beziehungsweise Medien-Off muss wohl reichen.

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne: Puddingmasse Rammstein

Fünf aufwühlende Konzerte 2023

01 Finna / 18.05.23 / Frankfurt / Paulskirche

Tapfer spielt sich die Hamburger Rapperin Finna in die Herzen des Laufpublikums auf einem Straßenfest. Das ist nicht gerade einfach! Hätte ich vor dieser Kulisse performen müssen (was denn überhaupt?), ich wäre nach wenigen Minuten gebrochen und weinend hinter einem Vorhang verschwunden. Finna indes hat geliefert und auch Leute, die wenig mit female HipHop am Hut haben dürften, zum Mitwippen bewegt. Nächste Woche erscheint übrigens ihr ganz neuer Clip zusammen mit Tigrrez Punch. Das Stück: „Tausend Prozent“.

02 Oidorno / 21.04.23 / Frankfurt / Café Exzess

„Halt die Fresse, ich will saufen“, diesen Song nur einmal live sehen! 2023 macht es möglich. Die interessante Diskurs-Oi!-Gruppe vom Label Audiolith gab eines ihrer seltenen Konzerte. Abgehalten wurde es in dem selbstverwalteten Café Exzess, das sich immer noch beseelt und autonom gegen die Gentrifizierung seiner Hood stellt. Ein angemessener Rahmen, der einem das Gefühl geben konnte, der Häuser- und Kulturkampf der 70er- und 80er-Jahre seien doch nicht zugunsten von Investoreninteressen entschieden worden…

03 Brandt Brauer Frick / 23.02.23 / Frankfurt / Mousonturm

Wenn die K.I. auf einer Roboter-Geburtstagsfeier vor ihresgleichen auflegen müsste? Vermutung: Es liefe eher weniger Reinhard Mey stattdessen hypnotische, wiederholungsreiche Musik auf Beats. Brandt Brauer Frick sind für mich allerdings der Beweis, dass selbst diese Form repetetiver Musik unglaublich aufgewertet werden kann, wenn sie eine menschliche Komponente aufweist. Ein Abend wie ein Trip, eine Art wortloses Techno-Musical – in a good way.

04 Isabelle Pabst / 15.06.23 / Köln / Stadtgarten

Die rheinländisch-kroatische Isabelle Pabst präsentierte hier Songs ihres Debüt-Albums – auf dem an einer Stelle übrigens auch Hendrik Otremba von Messer zu hören ist. Pabst bringt eine ganz eigene Poesie in ihre Texte ein, alles wirkt hinreißend unverbraucht und smart. Nach ihr trat übrigens noch die Legende des Minimal-Technos auf: agf – antye greie-fuchs. Damit hat sich auch dieser Punkt meiner persönlichen Bucketlist erfüllt, jetzt ist also nur noch ein Tränen-Tattoo und die Lösung des Nahost-Konflikts offen.

05 Accept / 17.01.23 / Frankfurt / Batschkapp

Auch Legenden kann man klonen. Statt des Original-Sängers Udo Dirkschneider wuselt ein ähnlich kleiner Mann mit Hasskappe zwischen den unzähligen Gitarristen der Hard’n‘Heavy-Kultband herum. Bei „Restless And Wild“ singen ich und ähnlich Hängengebliebene sogar begeistert mit. Zu meiner Entschuldigung: Die Vorband von diesem prächtigen Penisrock-Inferno war immerhin die Tribute-Band Iron Maidens. Sorry not sorry!

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Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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