Kritik

„Homecoming“ Staffel 2 auf Amazon Prime Video: Weniger ist mehr

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„Komm‘ darüber hinweg“, prädigt ein mittelalter weißer US-Amerikaner von einem Plakat herab – und die Firma „Geist“ verspricht genau das. Ein wenig von ihrem Medikament, gewonnen aus roten Blüten, und schon wird alles gut. Das galt auch für die Soldaten mit posttraumatischer Belastungsstörung in der ersten „Homecoming“-Staffel auf Amazon Prime Video. Sie lebten in einem Komplex irgendwo in Florida, bekamen das Mittel beim Essen untergejubelt. Das vorgeschobene Ziel: Ihre Traumata überwinden. Tatsächlich löschte die Einrichtung aber ihr Gedächtnis, ohne das sie es wussten. Es war klar, dass dieses Vorgehen nicht ewig unbemerkt und ohne Konsequenzen bleiben würde. Überaus nützlich und wenig überraschend zugleich interessieren sich in der zweiten Staffel daher auch mächtige Player für die Wunderblüte und das Unternehmen „Geist“ – und das obwohl das sogenannte „Homecoming“-Projekt gescheitert schien.

So viel sei zur Handlung verraten: In den neuen Folgen sehen wir Walter Cruz (Stephan James), den Soldaten aus der ersten Staffel, der sich aufs Land zurückgezogen hat und dort an seiner Veranda arbeitet, als ihn Flashbacks ereilen. Auch die neue Protagonistin, (anscheinend) Ex-Soldatin Janelle Monáe, kämpft mit ihren eigenen Dämonen und erwacht auf einem See im Nirgendwo, während sie jemand am Uferrand beobachtet. Was hat sie auf dem See verloren, und überhaupt, wer ist sie? Unterdessen wehrt sich Gründer Leonard Geist (Chris Cooper) gegen die neuen mächtigen Interessenten an „Geist“, die sein Lebenswerk übernehmen und für ihre Zwecke missbrauchen wollen. „Homecoming“ zeichnet sich vor allem durch drei Stärken aus: Die Kürze (rund 30 Minuten pro Folge), den Sam-Esmail-Look (der „Mr. Robot“-Showrunner fungiert auch als auführender Produzent) und die dialoggetriebene Handlung mit hervorragendem Darsteller*innen.

HOMECOMING | Trailer – New Mystery on Prime Video May 22, 2020 auf YouTube ansehen

Auf den Punkt

Wer heute neue Serien sucht, erschrickt oft angesichts hunderter Folgen oder dutzender Staffeln. „Homecoming“ mit seinen sieben Folgen lässt sich in etwa dreieinhalb Stunden beenden und folgt zielstrebig seinem Plot. Wie schon in Staffel 1 bewegt sich das Format dabei zwar auf verschiedenen Zeitebenen – bevor und nachdem Protagonist*innen ihre Erinnerung verlieren –, dennoch können Zuschauer*innen immer die Übersicht behalten. Es ist abzusehen, wie die Fäden zusammenlaufen, warum Leonard Geist sich gegen die Firmenübernahme sträubt, wieso Janelle Monáe sich an nichts mehr erinnert. In einer entscheidenden Episode fokussiert sich das Geschehen auf einen Showdown im Wald – keinerlei Nebenstrang findet darin statt, die Folge dauert nur 23 Minuten. Keine Minute zu wenig, keine zu viel. Das ist das Geniale.

Außerdem verbindet die Serie geschickt alte Mystery-Tradition mit frischer Ästhetik. Im orchestralen Score spielen mal Streicher, in spannenden Momenten unterstreicht eine Oboe das Geschehen. Sparsam setzt die Serie Dolly Zooms à la Hitchcocks „Vertigo“ ein oder vertikale Shots, wenn Charaktere die Treppe hinunterlaufen. Am Episodenende bleibt die Kamera stehen, während der Creditsong schon einsetzt. An anderer Stelle verfolgt man dank befestigter Kamera eine Melone im Supermarkt. Sam Esmail hat sich zwar im Gegensatz zur ersten Staffel als Regisseur zurückgezogen, doch das „Mr. Robot“-Gefühl bleibt auch unter der Inzsenierung von Kyle Patrick Alvarez bestehen.

Janelle Monáe als Getriebene

Letztlich trägt aber vor allem Janelle Monáe, bekannt etwa aus dem Oscar-prämierten „Moonlight“, die gesamte Serie. Die kurzen Episoden beschränken sich auf viele Dialoge, in der ihre kühle Präsenz überzeugt. Auch hier ist sich das Format des Podcastsursprungs bewusst, was sich außerdem auch in schönen Splitscreen-Aufnahmen widerspiegelt, etwa wenn die Protagonist*innen telefonieren. Verglichen mit Julia Roberts in Staffel 1 ist Monáe jedoch eher von den Ereignissen getrieben. Weniger Reaktion, mehr Aktion: das hätte der Serie gut getan. Schade daher, dass Julia Roberts in den aktuellen Episoden nur noch als auführende Produzentin agiert und nicht mehr selbst spielt. „Homecoming“ war ein Lichtstreifen, nachdem ihre Karriere schon etwas zu verblassen drohte. Die Serie bewies auch, dass Hollywood-Größen sich nicht für TV-Serien zu schade sein sollten.

In Staffel 1 war Julia Roberts Charakter Heidi Bergman maßgeblich als Therapeutin an dem „Homecoming“-Projekt beteiligt und entwickelte eine innige Beziehung zu ihrem Patienten Walter. Diese freundschaftliche Dynamik besteht in der zweiten Staffel zwischen keinen der Charaktere. Stephan James als traumatisierter Soldat spielt bedeutungsvolle Entscheidungen mit einer Leichtigkeit, die einen gar nicht erst nachdenken lässt – trotzdem mangelt es ihm am Konterpart, den Julia Roberts als Therapeutin darstellte. Das Herz der ersten Staffel ist damit genommen, die nicht nur wegen ihrer zehn statt nunmehr sieben Folgen ein tieferes Eintauchen in die Figuren bot.

Fazit: Immer noch eine Ausnahmeserie, aber mit Ausbaufähigkeiten

„Homecoming“ ist ein 30-Minuten-Drama, derer es mehr bedürfte. Der Trick, ein Vor- und Nachher zu spiegeln und sich langsam auflösen zu lassen, verblasst im zweiten Durchlauf dennoch etwas. Hier hat die Serie Déjà-vu allzu wörtlich genommen, die letzte Folge lautet ironischerweise „Again“. Aber endlich zeigt sich, wer wirklich hinter „Geist“ steckt. Und darauf haben wir echt gewartet! Außerdem merkt Leonard Geist, dass ihm sein Baby ein für alle Male über den Kopf gewachsen ist. Das Gedächtnis auszulöschen scheint einfach zu schön, um wahr zu sein. Sollte es eine dritte Staffel geben, wäre es ratsam, mal etwas von der Formel abzuweichen. Die Hochzeiten verlorener Identitäten (wie mit der „Bourne“ -Reihe) sind nun ja auch etwas her.

Die zweite Staffel von „Homecoming“, sieben Folgen, je ca. 30 Minuten, läuft ab dem 22. Mai 2020 auf Amazon Prime Video.


Frances Marion: Kriegskorrespondentin, Drehbuchautorin, Frauenrechtlerin
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