Die da oben

Íñigo Quintero: Die weiße Wand der Generation Z


Gerade glaubten wir, TikTok verstanden zu haben, da kommt einer wie Íñigo Quintero daher.

Immer, wenn man glaubt, verstanden zu haben, wie Songs auf dem Videoportal TikTok zu Hits werden, zerhaut ein neuer freak incident das schöne Regelwerk, das man sich als Non-Heavy-User zurechtgebastelt hatte. Bisherige Annahmen: Es braucht eine markante Tanzszene, die TikTok-Nutzer zu sogenannten challenges anregt, wie das Video zu Lizzos Song „About Damn Time“.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Oder ein starkes Motiv wie Miley Cyrus’ „Flowers“, den Sommerhit mit der Selbstbehauptungszeile „I can buy myself Flowers“, der Abertausende Menschen dazu verleitete, Videos von sich selbst zu posten, wie sie sich – naheliegend – selbst Blumen kaufen. Oder, auch gut: Man schreibt Songs, die in ihrer Beschaffenheit der Funktionsweise von TikTok bereits angepasst sind, so wie die knappen, flüchtigen, bestens zur Untermalung kurzer Videosnippets geeigneten Stücke der britischen Musikerin PinkPantheress.

Wie Ayliva durch eine angebliche Drohung ihres Exfreundes bekannt wurde

Ein Künstler als weiße Wand, auf die man eigenen Kummer und eigene Sehnsüchte projizieren kann

Man glaubt, das alles kapiert zu haben, und dann kommt einer wie der spanische Sänger Íñigo Quintero, und nichts ist mehr klar. Von TikTok aus hat sein Song „Si No Estás“ einen irrwitzigen Siegeszug gestartet: Nicht nur auf Platz eins der deutschen Singlecharts, auch in den Top 10 der Billboard Global 200 und an der Spitze der weltweiten Spotify-Charts landete das Pianostück über die Sehnsucht nach einer abwesenden, womöglich immer abwesend bleibenden Person. Fans schwärmen von der Tiefe des Songs, doch beim ersten Hören zieht er an einem vorbei wie eine flüchtige Erinnerung an tausend gefühlige Radiostücke.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Vielleicht ist die Generation Z froh, mal einen viralen Song zu hören, der sie nicht zum Shoppen oder Erstellen fragwürdiger Tanzcollagen animieren will? Bevor die Erklärungsversuche an dieser Stelle noch tantiger werden, einigen wir uns drauf: Womöglich macht Quinteros Reiz auch seine Anonymität aus. Bislang ist über ihn kaum mehr bekannt als die Tatsache, dass er aus A Coruña kommt und mächtig verwundert über seinen Erfolg ist. Ein Künstler als weiße Wand, auf die man eigenen Kummer und eigene Sehnsüchte projizieren kann: auch danach kann man sich ja durchaus sehnen.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 1/2024.