ME-Porträt

Zwischen Sexklischee und Emanzipation: Katja Krasavice, die Boss Bitch aus dem Netz

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Die Stimmung ist beinahe andächtig, als das Intro durch den abgedunkelten Konzertsaal hallt. Nur vereinzelte Ausrufe aus dem Publikum durchbrechen die von einer Klaviermelodie begleitete Stimme: „All der Hass beweist auch dir, dass du alles schaffen kannst. Ich bin nicht mehr irgend ’ne Bitch. Ich bin ’ne motherfucking Boss Bitch!“

Der Vorhang fällt, Basssalven walzen durch den Raum. Auftritt „Boss Bitch“: Katja Krasavice schwebt vorsichtig eine Treppe hinunter, flankiert von zwei Tänzerinnen. Das Mikrofon hält sie eng am Mund. Noch bewegt sie sich etwas unsicher, als müsste sie erst herausfinden, wie sie sich in ihrer neuen Rolle als Popstar bewegt. Das lenkt jedoch kaum ab von dem Kreischen in der Halle und den hunderten Smartphones, die sich ihr entgegenrecken. Kein Wunder: Hier performt gerade eines der gehyptesten deutschen Pop-Phänomene der Stunde auf ihrer ersten Live-Tour.

Katzenspiele aus dem Kinderzimmer

Ein Dreivierteljahr später erwischen wir Katja Krasavice an einem Winterabend zwischen zwei Terminen ihres vollgepackten Promo-Kalenders. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz eines Autos, um 20 Uhr will sie auf YouTube livestreamen. Sie beugt sich zum Fahrersitz, auf dem ihr Manager Drilon telefoniert, und bestellt vegetarische Frühlingsrollen. Dann fährt der Wagen an, die festliche Weihnachtsbeleuchtung der Berliner Flaniermeilen zieht goldene Schatten über ihr Gesicht. Ihre knallpinken Extensions fallen über einen exzentrisch aussehenden Plüschmantel, ihre Gelnägel sind fast genauso lang wie ihr kleiner Finger.

Als Katja Krasavice 2014 mit knapp 18 Jahren erstmals die Öffentlichkeit sucht, sitzt sie mit wasserstoffblond gefärbten Haaren und einem mit Socken ausgestopften BH vor ihrer ersten Spiegelreflexkamera. Im Hintergrund erkennt man ihr Kinderzimmer: ein Traum in Pink voller Playboy-Kissen und aus dem Ikea-Regal quellenden Schuhen. Für YouTube Deutschland ist sie eine verstörende Erscheinung. Ihr erstes Video wird da bereits wie wild im Netz geteilt. In dem Clip namens „Wie werde ich eine Katze“ krabbelt die YouTuberin im Stringtanga und Stretch-Oberteil auf allen Vieren durchs Zimmer, leckt Milch aus einem Napf und spielt an einem Kratzbaum.

„Ich wusste von Anfang an, wie das Online-Business tickt“, erklärt Krasavice heute. „Leute mit viel Reichweite hätten meine Videos nie gepostet, selbst wenn sie diese gut gefunden hätten – einfach, weil ich zu unbekannt war. Auf der anderen Seite lieben es die Leute, gemeinsam andere zu hassen.“ Also habe sie sich eine Strategie überlegt: „Wenn ich gezielt provoziere, würden die Leute meine Videos teilen und sich über mich lustig machen.“

Rapper als Steigbügelhalter

Die Strategie geht auf. Schon nach wenigen Videos perfektioniert sie ihre Provokationen in gezielten YouTube-Challenges. Sie trifft sich mit einer Rostocker Amateurpornodarstellerin und testet in einem Video, wer mehr Wiener Würstchen in seinen Mund bekommt. Sie errät den Geschmack von Flüssigkeiten, mit denen sie sich auf dem Boden kniend bespritzen lässt. Sie spricht darüber, mit welchen Rappern sie gerne schlafen würde – und erhält von diesen reichweitenwirksam spöttische Reaktionen. „Während das ganze Internet mit dem Finger auf mich gezeigt hat, haben sie eigentlich nur mein Spiel mitgespielt und mich bekannt gemacht“, sagt sie.

Fragt man nach, ob ihr diese Häme damals nicht etwas ausgemacht habe, verneint sie kühl. Das Mobbing in der Schule sei ja bereits eine Art Bootcamp für sie gewesen, dort sei sie von Anfang an für ihre knappen Outfits und ihr Make-up gehänselt worden. Sie habe die Hebel einfach nur auf die Online-Welt übertragen.

Es fällt nicht leicht, das zu glauben. Da ist diese junge Frau, die radikal offen ist, wenn es in ihren YouTube-Videos um das gestörte Verhältnis zu ihrem übergriffigen Vater, das Mobbing in der Schule oder ihre verkorkste Sexualität während der Pubertät geht. Gleichzeitig scheint dieselbe Frau eine Kevlarweste vor sich zu tragen, hinter der sie keine Miene verzieht, wenn sie heute auf dem Weg zum nächsten Businesstermin in einem Irrsinnstempo abspult, dass der Hass im Netz sie nie berührt habe.

Katja Krasavice: extrem fragwürdiges Role Model für viele junge Mädchen

Damals erkennt Katja Krasavice schnell, wie lukrativ ihr Geschäftsmodell ist, das längst aus mehr besteht als „Sex sells“. Es ist der Moment, in dem sie beginnt, ihre Nähe zu kapitalisieren. Sie wird zu einem unwahrscheinlichen und extrem fragwürdigen Role Model für viele junge Mädchen. Ihre Fans lieben sie, teilen alles, was sie macht. In ihren YouTube-Videos bewirbt Katja Krasavice ein Browsergame, in dem sie angeblich für gemeinsame Zocker-Sessions erreichbar ist. Sie richtet einen kostenpflichtigen Social-Media-Account ein, auf dem sie exklusive Inhalte teilt. Sie erzählt von Sex mit Fans auf Club-Events, immer wieder verlost sie ihre Handynummer. Der Fanbox ihres neuen Albums liegt ein Code bei, mit dem man Teil eines privaten Instagram-Accounts werden kann. Dort könne man „ganz unter sich“ sein. Laut eigenen Angaben wird sie davon 12.500 Exemplare verkaufen.

Gleichzeitig verändert sich ihre Fanbase. War sie einstmals vor allem Ziel von Hass und Häme im Internet, übernehmen plötzlich positive Kommentare unter ihren Videos. Es sind vor allem junge Mädchen, die Katja Krasavice glorifizieren. Plötzlich ist sie ist Vorbild – auch wenn sie viele ihrer Videos heute am liebsten für immer aus dem Internet verbannen würden. „Wenn ich ein schlechtes Vorbild wäre, würden mir nicht so viele Mädchen schreiben, dass sie dankbar sind, durch mich zu sich selbst gefunden zu haben. Einige schreiben mir, dass sie ohne mich nicht mehr am Leben wären“, erzählt sie nicht ohne Pathos. „Meine Fans sind ja keine operierten Barbies, sondern ganz normale Mädchen. Und die sind happy, dass ihnen jemand sagt, dass sie es genau so im Leben schaffen können, wie sie sind.“

In der HipHop-Szene gut vernetzt – und kommerziell in einer Liga

Jetzt stoppt ihr Manager Drilon den Wagen und hupt. Auf der Straße läuft Takt32 vorbei, ein Berliner Rapper, der als Backup seit Jahren die Deutschrap-Größe Kool Savas auf Tour begleitet. Katja Krasavice und er begrüßen sich herzlich: „Ey, was geht?“ Mittlerweile ist sie in der Berliner HipHop-Szene gut vernetzt. Das liegt auch an ihrer freundschaftlichen Beziehung zu ihrem Manager Drilon, der in der Vergangenheit mit Rapstars wie Capital Bra zusammengearbeitet hat. „Im Rap werde ich zum Glück von allen gut angenommen und respektiert – wie andersherum auch“, sagt sie, als die Fahrt fortgesetzt wird. Und dann blitzt wieder die Geschäftsfrau in ihr auf: „Ich spiele ja auch kommerziell längst in deren Liga mit, wenn man sich meine Verkäufe anschaut.“

Diese Akzeptanz in der Deutschrap-Szene ist alles andere als selbstverständlich. Katja Krasavice ist nicht die erste YouTuberin, die es mit Rap versucht. Sie ist aber eine der ersten, die nicht belächelt oder gnadenlos von der Szene zerrissen, sondern gefeiert wird. Und das, obwohl sie sehr offen damit umgeht, dass sie ihre Texte nicht selber schreibt, die Beats häufig schon fertig stehen, bevor sie überhaupt das Songkonzept zu Gesicht bekommt. „Jeder hat jemand, der mitschreibt. Das hat nichts damit zu tun, ob man Musiker ist oder nicht“, erklärt sie und hat damit recht, wenn man sich in der Branche etwas auskennt. Dass Künstler*innen es offen zugeben, ist jedoch selten.

Möglicherweise ist Katja Krasavice die deutsche Variante eines Trends, der sich schon seit Längerem in den USA durch Künstlerinnen wie Cardi B und Bhad Bhabie abzeichnet. Beide hatten erst nach einer Karriere im Reality-TV zur Musik gefunden und wurden dank dieses Bekanntheitsvorsprungs blitzschnell zu Superstars. Die Wagenburg-Mentalität der HipHop-Szene bricht immer weiter auf, seit theoretisch jeder mit einem TikTok-Hit oder YouTube-Video zur Sensation werden kann.

Pionierarbeit von „Eurer Mami“

Gleichzeitig wirkten US-Rapperinnen wie Nicki Minaj in den vergangenen Jahren als Türöffnerinnen für sexuell aufgeladenen, selbstbestimmten Rap von Frauen, die zuvor im Genre flächendeckend objektifiziert wurden. 2014 räkelt sich Minaj im Musikvideo zu „Anaconda“ in lasziven Posen und wird dafür noch vom Internet millionenfach in Memes hämisch zerpflückt. 2020 sprengt der deutlich explizitere Song „WAP“ – ausgeschrieben „Wet Ass Pussy“ – von Cardi B und Megan Thee Stallion als emanzipatorische Hymne das Internet. Eine vergleichbare, wenn auch zuweilen plattere Ästhetik etablieren Rapperinnen wie Shirin David oder eben Krasavice heute auch in Deutschland. Ob sie sich in der Hinsicht als eine Pionierin sieht? „Deswegen heißt mein neues Album ja EURE MAMI“, stellt Krasavice zufrieden fest.

Und ihre Reise kennt nur einen Weg: nach oben. Als Clubs auf ihren Meet & Greets vor ein paar Jahren reihenweise Einlassstops verhängen müssen, hat sie noch keinen einzigen Song veröffentlicht. Mittlerweile verkauft sie 1 000-Personen-Kessel in ganz Deutschland aus. Ihre Musikvideos sind auf Hochglanz getrimmt, einer der Drehs soll 175 000 Euro gekostet haben. Einige ihrer kristallklar ausproduzierten Instrumentals können sogar mit renommierten Beatbastlern aus den USA mithalten. Nichts ist dem Zufall überlassen. Ihr Debütsong „Doggy“ ist ein Ohrwurm aus dem Lehrbuch – auch wenn der noch eher nach Autoscooter-Soundtrack für die Großraumdisco klang statt nach der zeitgeistigen 808-Basis ihrer aktuellen Songs. Heute hat der Clip über 30 Millionen Aufrufe.

Katja Krasavice professionalisiert sich weiter: Der bombastische Auftakt zu Album Nummer zwei hört auf den Namen „Million Dollar A$$“, es ist ein Feature mit dem Berliner Gangsta-Rapper Fler. „Ich habe Katja nicht gebangt, doch ich würde gerne“, rappt dieser in seinem Part. Im Hintergrund thront Katja Krasavice, nur von etwas Zuckerwatte-Plüsch bekleidet, einen Meter höher auf einem weißen Ross. In Grunde setzt sie das Narrativ der Frau als Sexobjekt im Rap fort – mit dem Unterschied, dass sie es selbstbestimmt fortschreibt. Aber ist sie deswegen eine Feministin, wie manche behaupten?

Mit ihrer plötzlichen Wahrnehmung als Feministin (und dem Begriff generell) tut sie sich schwer. „Ich sehe mich nicht als Feministin“, sagt sie, „aber höre immer wieder, dass ich der Feminismus in Person bin.“ Und dann redet sie sich in Rage: „Deswegen finde ich es sehr komisch, wenn Feministinnen, die auf Märsche gehen oder was weiß ich, zu mir sagen, ich wäre eine Schande. Die sagen, jede Frau soll sein, wie sie sein will – aber für mich gilt das dann irgendwie nicht, wenn ich meinen Körper zeige. Bedeutet Feminismus denn nicht, dass ich machen kann, was ich möchte – warum werde ich dann in eine Schublade gesteckt?“ Gern spricht sie nicht über das Thema.

Trotzdem haben auch die Feuilletons des Landes Katja Krasavice entdeckt. „Bei der ,Boss Bitch‘ wird einem warm ums Feministinnenherz“, titelt „Die Welt“ anlässlich ihrer Biografie, die sie jüngst gemeinsam mit einer Boulevardjournalistin veröffentlichte. Die „Zeit“ besucht sie zu Hause und berichtet seitenlang über sie. Krasavice sitzt in öffentlich-rechtlichen Talkshows, um über ihren Spagat zwischen Sexklischee und Emanzipation zu sprechen. Die scheidende Teenie-Bastion „Bravo“ hievt Krasavice wiederholt aufs Cover. Passt schon, liest sich ihr Buch doch wie eine zielgruppengerechte Sammlung an Lebenstipps für die Generation Z: Verbieg dich nicht! Verkauf dich nicht unter Wert! Mach dich von niemandem abhängig! So provokant wie Katja Krasavice in ihren sexualisierten Videos auftritt, so gerne dürften Eltern diese Zeilen lesen. Womöglich ist ihre Verpackung provokanter als die Inhalte.

Das Telefonat ist vorbei, Katja Krasavice wischt den Anruf auf ihrem iPhone zur Seite. In wenigen Minuten wird sie sich via Livestream bei ihren Fans melden. Dann geht die Kamera an, schon wenige Sekunden später werden ihr Hunderte Fans zusehen. Die „Boss Bitch“ ist in ihrem Element.

Dieser Text erschien erstmals im ME 02/2021.


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