Kele Okereke im Interview: „Als Vater ist jeder Tag ein Abenteuer!“

Zugegeben, ein wenig verdutzt waren wir schon, als wir die erste Single aus Keles neuem Soloalbum gehört haben. War das noch Kele? Der Bloc-Party-Sänger? „Streets Been Talkin’“ ist eine seichte Folk-Pop-Nummer, die sanft vor sich hin schwelgt. Mit Akustik-Gitarren und ohne Schnörkel.

Auf einmal klingt Kele, der jetzt unter seinem vollen Namen Kele Okereke veröffentlicht, ganz ruhig, fast in sich gekehrt. FATHERLAND, so heißt das neue Werk, entpuppt sich als eine musikalische Entdeckungsreise, die eine ganz andere Seite des sonst eher elektronisch unterkühlte klingenden Kele (erinnern wir uns an seine beiden Vorgänger-Soloplatten TRICK und THE BOXER) zeigt.

Was dem Wandel vom House-Floor zum Singer/Songwriter zu Grunde liegt, verrät der Albumtitel: Kele ist Vater geworden. Im Dezember vergangenen Jahres kam seine Tochter Savannah auf die Welt. Ein Ereignis, das Vieles veränderte.

Ein Blick zurück

2010 – das Jahr, in dem sein erstes Soloalbum erscheint – outet Kele sich. Seitdem setzt er sich offen für die Rechte und Belange der LGBT-Community ein. Und so kam es auch, dass er und sein Partner einen lang gehegten Wunsch in die Tat umsetzten: Mit Hilfe einer Leihmutter wurden sie Eltern.

FATHERLAND fängt all das auf – und ist so vielleicht die bisher persönlichste und intimste Platte des inzwischen 35-jährigen Briten. Wir haben ihn im Berlin zum Interview getroffen. Ein Gespräch darüber, wie es ist Vater zu sein, seine musikalische Vergangenheit und auch ein bisschen über die Zukunft Großbritanniens.

Kele Okereke im Interview: „Ich wollte etwas völlig anderes machen“

ME: Eine Singer/Songwriter-Platte? Musste das sein?

Kele Okereke: Ich wollte etwas vollkommen Anderes machen. Bei TRICK und THE BOXER habe ich ziemlich lange mit den Produzenten gefeilt. Das war Teil der Magie, die das Ganze ausmacht. Bei FATHERLAND hatte ich sofort ganze Songs und Strukturen, die ich nur noch aufnehmen musste. Das hat alles mehr etwas von einem echten Handwerk. Ich habe zuvor Elliott Smith, Nick Drake, Joni Mitchell und Al Green gerade zu verschlungen. Ich hatte diesen intimen Ansatz, den Musik haben kann, etwas vermisst.

Vermisst Du den „alten“ Kele nicht auch ein wenig?

Ich habe das DJing immer sehr gemocht – etwas Neues schaffen, der Kreativität vor Ort live freien Lauf zu lassen und herum zu reisen. Das mache ich ja immer noch. Nur nicht mehr so häufig wie früher.

TRICK und THE BOXER hast Du noch unter dem Namen „Kele“ veröffentlicht – wieso jetzt Dein ganzer Name?

Ich wollte eine klare Abgrenzung zu meinen vorherigen Soloalben haben. Es ist für mich ein neues Kapitel, das ich aufschlage. Es fühlte sich richtiger an, dass ich es als Kele Okereke veröffentliche und nicht nur als Kele. Es ist eben doch eine andere Seite von mir, die ich jetzt zeige. Manche sagen, es ist persönlicher, aber ich weiß nicht genau ob es das wirklich trifft. Alle meine Alben zuvor haben sich für mich auch persönlich angefühlt, ich habe sie ja schließlich selber aufgenommen.

„Es ist eben doch eine andere Seite von mir, die ich jetzt zeige.“ (Kele Okereke)

Ich glaube, „persönlich“ spielt eher auf die Inhalte Deiner Songs an …

Nun gut, es greift vielleicht mehr als andere Platten zuvor einen bestimmten Abschnitt meines Lebens auf – nämlich Vater zu sein. Andererseits waren alle anderen Platten, egal ob Bloc Party oder von mir alleine, eine Reflexion von gewissen Dingen für die ich in der Zeit, in der sie entstanden sind, selber einstand. Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal anhand meiner Musik rekonstruieren kann, wer ich wann wie war. Es ist ein wenig wie meine Autobiographie. Über die Musik, die ich in der Zeit gehört habe, die Clubs, die ich dann besucht habe oder über die Leute, mit denen ich geredet habe.

Wie stark spielen da Deine Erfahrungen mit Bloc Party rein?

Natürlich fließt das alles automatisch mit ein. Seit 14 Jahren bin ich ein Teil davon, erst im vergangenen Jahr haben wir nochmal ein Album herausgebracht. Aber jetzt im Moment sehe ich mich eben als Solokünstler und es sind alles meine eigenen Erfahrungen, die ich da mit einbringe. Ich könnte auch niemals sagen, ob ich lieber in einer Band spiele oder alleine. Es ist beides auf eine Art einmalig.


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