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Kraftwerk im Museum, Tag 3: So fuhr der „TRANS EUROPA EXPRESS“

Einmal, ziemlich am Anfang der Greatest-Hits-Section des Konzerts: ein kurzer Moment der Stille. Während das Stück „Ätherwellen“ langsam auszischelt und noch bevor der Applaus des Publikums einsetzt, fällt einem Besucher vorne links ein leerer Bierbecher zu Boden, er springt mehrfach auf und nieder und erzeugt dabei in dieser akustischen Lücke ein Geräusch, das perfekt zu der Musik passt. Der Mensch hat für einen Augenblick über die Maschinen triumphiert. Mithilfe eines Plastikbechers, der sich als Remixer betätigt.

Was vorher geschah: Kraftwerk spielen ihr Meilenstein-Album TRANS EUROPA EXPRESS aus dem Jahr 1977. Die Idee von Techno Pop nahm mit diesem Album Form an, mechanische Beats als chiffrierte Abstraktionen von Alltagsgeräuschen, Musique concrète mit Popwirkung, die bis dahin bestmögliche Fusion von Maschinenbeats und Pop-Melodien. Die elektronische Fantasie über eine Fahrt mit dem „Trans Europa Express“ von Paris über Wien nach Düsseldorf ist ein Klassiker mit Langzeitwirkung, der HipHop (Afrika Bambaataa und die Folgen) und House (Larry Levan und die Folgen) gleichermaßen beeinflusst hat.

Puristen werden bemängeln, dass Kraftwerk die Tracklist des Albums umgestellt und das neoklassizistische, romantisierende „Franz Schubert“ und die Vocoder-A-cappella-Miniatur „Endlos endlos“ unterschlagen haben. Aus dramaturgischen Gründen ergibt es aber Sinn, das Konzert mit der heiligen Dreieinigkeit „Trans Europa Express“, „Metall auf Metall“, „Abzug“ – quasi der Mutter aller DJ-Mixe – zu beginnen. Wir freuen uns über die kristallklaren Klänge, die im Surround-Sound von links nach rechts und von vorne nach hinten über die Decke der Neuen Nationalgalerie wie wildgewordene Elektronen in einer Braun’schen Röhre tänzeln. Und über das Publikum, das seit drei Konzerten exakt an den immer gleichen Stellen Zwischenapplaus spendet.

Notiz an mich: Warum bekomme ich bei der „Hookline“ von „Radioaktivität“ seit drei Tagen Ganzkörpergänsehaut? Das Problem mit den Ohren ist gelöst: einfach die Bügel der 3-D-Brille zwischen Kopf und Bügel der Brillebrille klemmen. Keine Schmerzen mehr. Heute Nacht geträumt, ich hätte mit Ralf Hütter nach dem Konzert gesprochen.



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