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Kritik

„Leaving Neverland“: So schlecht fühlt man sich nach der Jackson-Doku

Am Samstag zeigt der Sender ProSieben zur Prime Time „Leaving Neverland“. Eine vierstündige Doku, die nur schwer zu ertragen ist. Warum das so ist, wird gleich zu Beginn durch einen Warnhinweis mit weißer Schrift auf schwarzem Untergrund klargemacht: Darin wird sehr explizit sexueller Missbrauch beschrieben. Was darauf folgt, sind ruhig gefilmte, lange Interviewsequenzen mit dem mittlerweile 36-jährigen Wade Robson und dem 41-jährigen James Safechuck, die minutiös darüber berichten, in was für einem Verhältnis sie zu Weltstar Michael Jackson standen, der 2009 im Alter von 50 Jahren starb.

Während der gesamten Zeit gibt es keine Stimmen aus dem Off, keinen Sprecher, der einem sagt, wo man gerade in der Story ist oder wie man das Gehörte einzuordnen hat. Lediglich die Gesprächsszenerien wechseln sich ab mit Archivaufnahmen von Jacksons Neverland-Ranch, Musikvideos, Liveauftritten, einer Pepsi-Werbung, Interviewschnipseln und privaten Fotos. Doch so langsam und monoton diese Bildabfolgen sind, so eine Tortur ist dagegen das, was die beiden eigentlichen Protagonisten der Jackson-Doku ansprechen.

Ihre Stimmen brechen anfangs nur selten, wenn sie aussagen, wie sie Michael Jackson kennenlernten, der sie und ihre Familien mit auf Trips, Tour und mit zu sich nach Hause nahm, und sich schließlich auch auf sexuelle Weise ihnen näherte. Aber sie schauen an der Kamera vorbei, schlucken häufig laut. Als James Safechuck den winzig kleinen Hochzeitsring sowie andere Schmuckstücke, die ihm Jackson geschenkt hatte, aus einer Schatulle holt, zittern seine Hände immens. Im Laufe der Doku werden sie immer mehr Zeit brauchen, um Dinge auszusprechen. Und ihre Stimmen werden wackeliger und wackeliger. Die beiden berichten von einer Vergangenheit, in der sie Kinder waren. Bei Robson soll der Missbrauch im Alter von sieben bis 14 Jahren stattgefunden haben, bei Safechuck fing alles mit zehn Jahren an und endete als er 16 oder 17 Jahre war. Wenn sie beständig mehr Details aus ihrer Erinnerung hervorholen, schmerzt das Zuhören und –sehen.

Kooperation

„Leaving Neverland“: So nüchtern wie ein Polizeibericht

Die Art der Aufzeichnung wirkt so nüchtern, als würde man einem Polizeibericht beiwohnen – nur dass hier die Umgebung besser ausgeleuchtet ist. Aber wer gibt einem das Recht, so genau die Geschehnisse erfahren zu dürfen? Sollten Opfer nicht geschützt werden? Regisseur Dan Reed erklärt, er wolle mit der Dokumentation ein größeres Bewusstsein für Kindesmissbrauch schaffen. Und so sehen es auch die zwei Hauptbefragten, die vor allem von einer Zeit Ende der 80er und Anfang der 90er reden. Aber ist es nicht so, dass sich nun in der Öffentlichkeit entweder darüber aufgeregt wird, dass Michael Jackson nicht zu Lebzeiten verurteilt wurde oder aber darüber, dass sein Name in den Dreck gezogen wird, ohne dass er sich wehren könnte? Bei einem Star in der Größe und derartigen Anschuldigungen bleibt nur wenig Platz für Zwischentöne. Für längere Überlegungen und das Abwägen.

Wie extrem die Reaktionen sein können, zeigt der zweite Part der Doku, der mit der ersten Klage gegen Jackson eingeläutet wird. Vorher erschienen die Erzählungen von Robson und Safechuck wie Einzelfälle – sie fühlten sich wie „etwas Besonderes“. Er rief sie und ihre Familien regelmäßig für stundenlange Telefonate an, hinterließ Faxe, in denen er Spitznamen verwendete und seine Liebe bekundete. Hört man diese Ausführungen, wird einem regelrecht übel. Für die Mütter der zwei war Michael Jackson wie ein Kind, für das man da sein musste, wie sie im Interview beteuern. Doch 1993 beschuldigte Evan Chandler den Musiker, er hätte seinen Sohn Jordan Chandler sexuell missbraucht. Der Fall ging vor Gericht und schlug weltweit in den Medien Wellen. Auch Robson und Safechuck mussten Aussagen machen – und sie erklärten Jackson für unschuldig. Dann wurde sich außergerichtlich geeinigt und für eine Weile herrschte so etwas Ähnliches wie Ruhe für Michael Jackson.

So wirkt sich Kindesmissbrauch im Alter aus

Dann, 2005, wird der nächste Fall vor Gericht gebracht. Wieder scheint es zu dem Thema nur Schwarz und Weiß zu geben. Dan Reed präsentiert Archivmaterial, in dem Massen von Fans auf den Straßen plädieren, ihr Idol sei unschuldig. Die Menschen haben verzerrte Gesichter, sie weinen – die Szenen wirken dramatisch und ähneln denen, die später eingespielt werden, wenn vom Tod Jacksons die Rede ist. Doch von Wade Robson und James Safechuck wird es in den gesamten vier Stunden keinen derartigen Gefühlsausbruch geben. Natürlich sieht man ihnen an, wie sehr es sie Überwindung kostet, die Momente auszuformulieren, in denen sie endlich mit ihren Familien und Lebenspartnerinnen von den Vorfällen in ihrer Kindheit sprechen. Aber sie bewahren eine unglaubliche Fassung, die es einem wiederum fast unmöglich macht, hinzuschauen. Zu privat wirken diese Augenblicke. Und davon gibt es in diesem letzten Teil der Doku viele.

Wir erfahren vom Zerfall der Robson-Familie und insbesondere von den Problemen beider Männer. Sie kämpfen mit Schlaflosigkeit, Panikattacken und einer Angst, die sich in alle möglichen Richtungen auszudehnen scheint. Wieder kommt die Frage auf, wieso es einem erlaubt ist, diese intimen Dinge so ungefiltert zu erfahren? Aber es ist wohl so, wie es die Ehefrau von Wade Robson beschreibt: Was weiß man schon über Kindesmissbrauch? Man fühlt sich naiv, wenn man erst einmal damit konfrontiert wird. Die Gedanken gehen plötzlich in alle Richtungen. Und Regisseur Dan Reed will eben hier eine Ebene des Umgangs mit dem Tabuthema schaffen. Dafür muss eine Menge gesagt und getan werden. Zum Ende wird es wieder den schwarzen Untergrund und die weiße Schrift geben. Dieses Mal ist eine Telefonnummer zu sehen, an die sich Betroffene wenden können. Aber wird die Doku tatsächlich zum Nachdenken über das Thema Kindesmissbrauch anregen?

Eine Aufklärung im Fall Michael Jackson bleibt weiterhin holprig. In den vergangenen Tagen machte Jackson-Biograf Mike Smallcombe auf schwerwiegende Fehler in „Leaving Neverland“ aufmerksam. So passt Safechucks Zeitangabe nicht, die besagt, er sei zwischen 1988 und 1992 auf der Neverland Train Station zu sexuellen Übergriffen gekommen. Denn diese Zugstation ist erst 1993 erbaut und ein Jahr später eröffnet worden. Eine Baugenehmigung untermauert das. Und auch Wade Robsons Bericht über die Zeit, in der er 1990 mit Jackson allein auf der Ranch gewesen sein soll, während der Rest der Familie zum Grand Canyon fuhr, widerspricht der Gerichtsaussage von Robsons Mutter.

„Leaving Neverland“ läuft am 6. April um 20.15 Uhr auf ProSieben und als Livestream in der Mediathek.

Betroffene sexuellen Missbrauchs finden vertraulich, anonym und kostenfrei hier Hilfe: 0800 22 55 530 oder www.hilfeportal-missbrauch.de


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