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Kritik

„Malcolm & Marie” auf Netflix: Diese beiden brauchen eine Therapie!

von

Ein abgeschiedenes Haus. Absolute Stille. Aus der Ferne bahnen sich die Scheinwerferlichter eines Autos ihren Weg durch die dunkle Nacht. Aus steigen Marie (Zendaya) und Malcolm (John David Washington) – sie geht im glamourösen Abendkleid direkt auf die Toilette, er dreht in Feierlaune, im maßgeschneiderten Anzug, die Musik im Haus auf. „Du siehst heute Abend wunderschön aus”, ruft er ihr zu. Von ihr kommt nur ein „Ich kann dich nicht verstehen” zurück. Und damit sind die Regeln des Spiels bereits erklärt.

„Malcolm & Marie” ist ein Kammerspiel über zwei sich Liebende, die viel sagen, aber wenig hören. Malcolm ist ein Filmemacher, dessen Debütfilm auf der Premiere kurz zuvor anscheinend verdammt gut ankam. Marie ist eine Schauspielerin mit Drogenvergangenheit, der offenbar nie der große Wurf gelang. Und er vergaß ihr in seiner Rede zu danken und sorgt damit für den Bruch in einer Beziehung, die zuvor schon mit Rissen durchzogen schien. Es ist die von Ungesagtem angefachte Explosion, nachdem die Lunte jahrelang den Funken stand hielt.

„Malcolm & Marie” ist ein Film, in dem zwischen den beiden Charakteren verwaschene Grenzen endlich trennscharf neu – oder längst überfällig zum ersten Mal – gezogen werden. Eifersucht, Ansprüche, Werte und Wert, Gleichberechtigung, Abhängigkeit, Sexismus, emotionale Geiselhaft, Privilegien, Macht, Reue, Perspektiven, Egoismus – die Liste der Verhandlungsgegenstände ist lang und mindestens genauso wirr wie der immer weiter in immer brachialeren Wellen eskalierende Streit zwischen Marie und Malcolm.

Darsteller*innen schinden Eindruck

Letztlich ist es die Bildführung, mit der Regisseur Sam Levinson („Euphoria”, „Assassination Nation”) Ruhe und Struktur in das Chaos bringt. Die Kameraarbeit erinnert an die eines David Fincher („The Social Network”, „Fight Club”), in der jede noch so kleine Bewegung mit einer dahinterstehenden Absicht vollzogen wird, die sich wie der Faden einer Stickerei zwischen den Dialogen Malcolms und Maries hindurchfädelt, um sie am Ende zu einem stimmigen Muster zusammenzuziehen.

Doch diese klar konstruierte Ästhetik hat auch ihre Nachteile, denn sie kann streckenweise arg artifiziell und schnell steif wirken. Und das kann auch kein von Jazz geprägter und von Timothy Lee „Labrinth” McKenzie verantworteter Soundtrack wettmachen.

Trotzdem schindet „Malcolm & Marie” Eindruck – in großen Teilen durch seine Darsteller*innen. John David Washington wirkt in den hitzigsten Momenten des Films wie sein Vater Denzel Washington – von der Melodie seiner Stimme bis hin zur Mimik. Es scheint, als ob nun alles aus Washington herausbricht, was die Regie von Christopher Nolan ihm in „Tenet” versagte: echte Emotionen zu zeigen.

Zendaya verleiht Marie eine ausgesprochen selbstsichere Abgeklärtheit, gegen die Washingtons Malcolm im Chaos des Wortgefechtes verzweifelt wie gegen eine Mauer rennt. Ihre Souveränität, die Klarheit ihrer Formulierungen provozieren Malcolm, denn sie greifen sein Weltbild an, in dem er seine Freundin aus dem Drogensumpf zerrte, er moralisch überlegen ist und er die Macht hat.

Aber Marie weiß, welche Unsicherheiten er mit diesem toxischen Verhalten verdrängen, welche Schuld er auf ihr abladen will und legt den Finger kompromisslos in die Wunde – und trägt dabei einen dermaßen dick aufgetragenen Lidschatten, der ihre Lider wie einen Anker nach unten zu ziehen und so kaum noch Licht durchzulassen scheint. Es ist wie das Licht am Ende des Tunnels der Beziehung von Malcolm und Marie, das mittlerweile nur noch an der Grenze der Wahrnehmbarkeit entlangschrammt.

Vertraut und nervig wie der zweite Lockdown

Der Film macht es mehr als deutlich, warum seine beiden Hauptfiguren um die 100 Minuten am Stück mit Streit und vermeintlicher Versöhnung verbringen: So klar und so deutlich wie in dieser Nacht haben sich Malcolm und Marie noch nie zuvor miteinander beschäftigt. Die Frage ist jedoch: Müssen wir wirklich als Zuschauer*innen direkt neben den beiden auf der Therapiecouch Platz nehmen?

Bis zu einem bestimmten Punkt funktioniert das. Doch nach gut zwei Dritteln seiner Laufzeit geht „Malcolm & Marie” die Puste aus. Denn es scheint alles gesagt, nur eben noch nicht in dieser oder jener verletzenden Tirade. Der Film beginnt sich im Kreis zu drehen. Damit wird er zwar tatsächlichen Beziehungsstreits vermutlich gerecht, einer bis zum Ende mitreißenden Dramaturgie jedoch eher weniger. Für sein Publikum ist das letzte Drittel von „Malcolm & Marie” wie der zweite Lockdown während der Coronapandemie: Es fühlt sich vertraut an, nervt aber richtig hart. Dann helfen keine noch so eloquenten Mono- und Dialoge mehr, die noch zu Beginn des Films in minutenlangen Einstellungen für brillante Momente gesorgt haben.

Ab diesem Punkt wirkt Sam Levinsons Drehbuch immer mehr wie wortgewandte Angeberei ohne Fokus. „Malcolm & Marie” verkommt zum „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs” der Kammerspiele, verpasst gleich mehrere treffende sowie interessante Möglichkeiten, den Abspann zu starten und suhlt sich stattdessen lieber in pathetisch anmutenden Momenten.

Was andere Kritiker*innen dem Film vorwerfen, ist er jedoch nie komplett: ein reines Eitelkeitsprojekt. Es ist das Produkt eines der derzeit interessantesten Autoren – das sollte spätestens seine Serie „Euphoria” klargemacht haben –, der für ihn neue Ausdrucksmöglichkeiten im Medium Film sucht und das eben auf der weltweiten Netflix-Bühne tut. Und die Streamer*innen können sich so nach Alfonso Cuaróns „Roma” und David Finchers „Mank” einen weiteren prestigeträchtigen Schwarz-Weiß-Film ins digitale Regal stellen.

„Malcolm & Marie“ ist seit dem 5. Februar 2021 auf Netflix im Stream verfügbar.

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