Interview

Megaloh im Interview über seine Rap-Karriere: „Ich hatte Angst zu träumen“

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Sowohl durch seine Chartplatzierungen, als auch der Verwendung von immer schwierigeren Raptechniken, machte sich Megaloh mehr und mehr einen Namen in der Deutschrap-Szene. Mit Leichtigkeit scheint der Deutschrapper in seiner fünften Single-Auskopplung seines kommenden Albums 21 Double- und Tripletime zu rappen. Doch stehen hinter den Erfolgen eine siebenjährige Tätigkeit als Lagerist und ein Rap-Battle mit sich selbst. Eine Kombination aus Erfahrungen und Neugier auf Neues, das mithilfe von Reimtechniken und Flows in sein kommendes Album 21 einfließt. Dabei hat Megaloh bereits mit „21“, „Glaub ma“, „Monte Christo“, „Gordon Shumway“ und „Live&Direct“ einen musikalischen Vorgeschmack gegeben. Wir sprachen mit dem 40-jährigen Uchenna van Capelleveen, wie Megaloh mit bürgerlichem Namen heißt, im Interview über die Entstehung von „Live&Direct“, Familie und seine am 13. August erscheinende Platte 21.

Musikexpress.de: Deine Eltern sind aus den USA nach Deutschland gekommen, um Dir ein besseres Leben zu ermöglichen. Dadurch entsteht Druck. Woher hast Du den Mut geholt, einen kreativen Job anzunehmen?

Megaloh: Ja, safe! Da mein Vater zum Teil aus Deutschland stammt und der Rassismus damals schlimmer in den USA war, kam die Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen. Das war insbesondere für meine nigerianische Mutter eine komplette Entwurzelung, da sie zu Beginn die Sprache nicht sprach und kein soziales Umfeld hatte. Besonders bei ihr lag der Fokus auf der Bildung, weshalb sie schon in früher Kindheit wollte, dass ich in allem sehr gut bin. Note 1 war fast nicht genug, man kann sich also den Druck vorstellen. Die Liebe zur Rapmusik war von Anfang an sehr groß, trotzdem kam die Entscheidung, dem beruflich nachzugehen bei mir spät, da der Glaube daran fehlte. Erst als ich vor zehn Jahren den Deal mit Max Herre unterschrieb, verstand ich, dass es meine Chance ist Rap als beruflichen Weg einzuschlagen. 

Musikexpress.de: Zu dem Zeitpunkt warst du doch bereits sehr aktiv in der Rap-Szene?

Megaloh: Ja, das stimmt! Ich hatte das Glück, bereits zu Schulzeiten jemanden kennenzulernen, der produziert, wodurch wir zumindest in der Lage waren, Musik aufzunehmen. Dennoch habe ich zu dem Zeitpunkt alles nebenbei gemacht, weil für mich nicht klar war, dass das mein Lebensweg sein wird. Dementsprechend war es für mich damals selbstverständlich, dass ich studieren muss, um es vor allem meiner Familie recht zu machen. Ich wollte mit meinem BWL-Studium meine Eltern zufriedenstellen, um meinem Traum im Rap nebenbei verfolgen zu können. Doch ich bin durch die Prüfungen gefallen und dann exmatrikuliert worden.

Musikexpress.de: Wie reagierten Deine Eltern?

Ich denke, in dem Moment wurden meine Eltern zum ersten Mal damit konfrontiert, dass ich nicht den Weg gehen werde, den sie für mich vorgesehen hatten. Dennoch hat es noch paar Jahre gedauert bis ich das Selbstbewusstsein erlangte, um zu sagen, dass ich Musik machen werde. Ich war deswegen gefühlt ziemlich lange eine Enttäuschung und hatte ein schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter. Wir redeten lange nicht miteinander. Doch als ich parallel zu meinem Deal mit Max Herre einen Lager-Job annahm und damit meine eigene Familie – die ich zu dem Zeitpunkt bereits hatte – ernähren konnte, war meine Mutter beruhigt. Rückblickend wollte sie anscheinend vor allem, dass ich es schaffe, Verantwortung zu übernehmen und in der Lage bin, meine Familie und mich zu ernähren. 

Musikexpress.de: Während Du dem Lager-Job nachgingst, hattest Du zwei Top-10-Alben. Dennoch musstest Du dort teilweise Doppelschichten schieben. Wie war diese Zeit für Dich?

Megaloh: Die Erfahrung war überwiegend positiv, weil ich mein Durchhaltevermögen, Selbstbewusstsein und -vertrauen dadurch erhielt. Ich konnte mir beweisen, dass ich es mit der Musik ernst meine und bereit bin Opfer zu erbringen. Ich stand um vier Uhr morgens auf, ging ins Lager und musste vollbeladene LKWs mit bis zu 40-50 Kilogramm schweren Paketen ausleeren. Und war ein Container leer, folgte der nächste. Obwohl ich bereits damals viel Fitness gemacht habe, war diese Arbeit eine starke körperliche Belastung. Irgendwann hat sich der Körper aber daran gewöhnt und ich bin im Endeffekt sieben Jahre im Lager geblieben. Zwar landete ich 2013 mit meinem Debüt auf Platz 9 und 2016 mit meinem zweiten Album auf Platz 2, doch reichte es finanziell trotzdem nicht aus, weil ich viel Unterstützung in der Musik brauchte. Gerade weil ich durch meinen vorigen Misserfolge gezeichnet war. Erst durch die vielen Live-Auftritte war ich in der Lage, den Lager-Job zu kündigen und darauf zu vertrauen, dass Rap ausreichen würde.

Musikexpress.de: Deine fünfte Single-Auskopplung „Live&Direct“ aus Deinem kommenden Album 21 ist nicht nur eine Ansammlung an Deutschrapikonen, sondern Du rappst auch in Double- und Tripletime. Kannst Du Näheres zum Entstehungsprozess schildern?

Megaloh: Ursprünglich war der Song nicht für mein Album, sondern für ein anderes Projekt gedacht, das jedoch nicht mehr in dieser Form stattfinden wird. Die Songidee und das Sample kamen von Götz Gottschalk und den Beat dazu hat Ghanaian Stallion gebaut. Amewu war es, der durch seinen Part die Messlatte überdimensional hoch gesetzt hatte. Es ist ein Beat, auf den man hätte normal rappen können, doch er entschied sich dazu, ihn auf Doubletime zu rappen. Wenn man genau guckt, erkennt man auch, dass er einfach entspannt ein paar Silben mehr in die Zeilen reinpackt hat als alle anderen. Ich war auf jeden Fall richtig schlecht gelaunt und hatte keine Lust mehr meine Strophe zu schreiben (lacht). Aber aus Wettbewerbsgründen habe ich mich da reingesteigert und so ist ein starker Part entstanden. Es war nur die Verzweiflung, weil Amewu zersägt hat und ohne ihn wäre die Single so nicht entstanden. 

Musikexpress.de: Passend zum Titel: Wie fühlt es sich an, zu wissen, den Song irgendwann mal „Live&Direct“ performen zu müssen?

Megaloh: Schrecklich! Und anstrengend, ehrlich gesagt (lacht). Es gibt vor allem zwei Stellen, die besonders anstrengend sind, wie etwa die Zeilen: „Viele meiner Brüder sind ab hier jetzt keine Brüder/Sondern wieder meine Schüler, weil ich wieder ma‘ den Übertreiber raushängen lass’“. Es wird richtig schwer, dass die nicht genuschelt rauskommen. Aber es ist eine Herausforderung und man wächst an dieser! Ich werde auf keinen Fall zurückschrecken, das auch live zu präsentieren.

Video: Megaloh – „Live&Direct“

Musikexpress.de: In 21 hast Du nicht nur raptechnisch mitgearbeitet. Du hast erstmalig drei Beats produziert und zwei mitproduziert. Woher kam das Interesse dazu?

Megaloh: Mein Sohn war der ausschlagende Punkt dafür, dass ich mich dazu entschied, ab jetzt auch Beats zu machen. Ein prägender Moment für mich war sein Prozess des Laufenlernens. Wie jedes Kind stand er jedes Mal nachdem er gefallen war wieder auf und versuchte es erneut. Ein Wille, der so stark ist, dass man weitermacht. Und da hat es bei mir „Klick“ gemacht und ich fing an, darüber nachzudenken, was ich alles machen möchte, wovon mich die Angst aber abhält. Ich hatte Angst zu träumen, wodurch auch meine Rap-Karriere mehr ein Marschieren als ein Fliegen war. Man konstruiert sich seine eigene Realität, wodurch Mauern im Kopf entstehen. Mein Sohn hat mir ermöglicht, neue Perspektiven zu sehen und ich will für ihn da sein, falls er zum Beispiel Musik machen will. Rückblickend war ich, um Beats zu bekommen, immer abhängig von jemanden, der produzieren kann. Ich will das nicht für ihn und es wäre auch schöner, wenn wir zusammen etwas erarbeiten könnten. Es fiel mir am Anfang sehr schwer, aber mit Geduld und Zeit fing es an, immer mehr Spaß zu machen! Es ist wie beim Laufenlernen: Erst krabbelst du, dann läufst du und am Ende rennst du. 

Musikexpress.de: Dein zweites Album REGENMACHER trug einen Titel mit mehreren Interpretationsmöglichkeiten. Ist es bei 21 genauso?

Megaloh: Mein Major-Debütalbum ENDLICH UNENDLICH ist eine Beschreibung in zwei Worten und meine zweite Platte REGENMACHER stellt einen Titel mit nur einem Wort dar. Ich wollte, dass  der Name von diesem Album sich auch ästhetisch von den beiden vorangegangenen Alben unterscheidet und entschied mich so diesmal für eine Zahl. Außerdem ist 21 die alte Postleitzahl von Berlin-Moabit, wo ich aufgewachsen bin. Dort fing ich auch mit dem Rap an und festigte meine Positionierung in der HipHop-Kultur. Der Albumname steht für eine Rückbesinnung an die Energie des Anfangs. Texte zu schreiben ist für mich in den vergangenen Jahren mit großem Druck verbunden gewesen. Ich bin mit der Zeit immer verkopfter geworden und davon wollte ich wieder weg. Im Entstehungsprozess der neuen Platte bin ich viel intuitiver rangegangen, deswegen habe ich viele Sachen garnicht aufgeschrieben, sondern gefreestylt oder nur ein paar Zeilen notiert und habe direkt mit der Aufnahme begonnen. Die Zahl 21 als Albumtitel hat viele Bedeutungen, so ergibt die Quersumme drei und es ist mein drittes Majoralbum. Witzigerweise erscheint die Platte am 13.08., was zusammengerechnet ebenfalls 21 ergibt. 

„Ich habe mich selbst dazu konditioniert, nicht das Geschaffte zu sehen, sondern mich auf das Fehlende zu fokussieren.“

Musikexpress.de: Du hast in Deinem Song „Ein Stern wird geboren“ einen 56-silbrigen Reim auf einen 56-silbrigen Reim folgen lassen. Empfindest Du nach einer solchen Leistung den Druck, Dich zu übertreffen?

Megaloh: Ein „Guinness World Record“-Eintrag kam leider bislang noch nicht (lacht). Es ist schwer dies zu beantworten, weil ich durch meine Erziehung geprägt bin, die Wahrnehmung zu haben, dass ich das Potenzial habe, vieles zu machen und mehr rausholen zu können. Und diese Einstellung hat sich mit der Zeit vergrößert. Es ist ein ständiges Gefühl der Unzufriedenheit da, welches in mir liegt und ich auch niemandem ankreiden möchte. Ich habe mich selbst dazu konditioniert, nicht das Geschaffte zu sehen, sondern mich auf das Fehlende zu fokussieren. Habe ich 90 Prozent geschafft, blicke ich auf die zehn Prozent. Aber ich versuche es abzulegen und bin auch der Ansicht, dass man verzeihender mit sich sein sollte. Weniger verkopft sein und mehr Selbstliebe wagen.

Video: Megaloh – „Ein Stern wird geboren“

Musikexpress.de: Hat das Verkopftsein auch positive Einflüsse auf Deine Rap-Karriere?

Megaloh: Natürlich! Ich versuche besser zu werden und der Versuch sich zu steigern macht auch Spaß. Auch wenn dieses nicht linear verläuft. Nach „Ein Stern wird geboren“ hatte ich nicht mehr das Bedürfnis, lange Reime zu schreiben. Es ist ein Attribut, das man auch auf andere Weisen zeigen kann, wie zum Beispiel bei Samy Deluxes „Unplugged Cypher DLX“. Ich nutzte dort die Phonetik anders, was auch eine Reimtechnik ist. Ich sehe Rap immer ein wenig als Wettbewerb und hatte schon immer den Wunsch und den Anspruch, der Beste zu sein.

Musikexpress.de: Gab es diese musikalische Weiterentwicklung auch bei 21?

Megaloh: Mit Sicherheit, aber wahrscheinlich nicht so wie es die Fans erwarten würden. Wenn man es richtig anstellt, ist das Schöne am Leben, dass man sich bis zum Ende weiterentwickeln kann. Das hoffe ich zumindest. Selbst wenn sich der Körper irgendwann mal nicht mehr in die gute Richtung entwickelt, kann der Geist durch die Sachen, die man macht und anstrebt lernen und fit bleiben. Und so sehe ich das auch mit der Musik. Alle neuen Bewegungen im Rap finde ich spannend und denke, man sollte sich nicht auf eine Zeit begrenzen. Gerade technisch betrachtet, haben alle Entwicklungen ihre Aspekte von denen man als Rapper etwas lernen kann. Und mit diesem Album wollte ich wieder näher am Zeitgeist sein und habe auch modernere Einflüsse und frühere Erfahrungen, die ich gesammelt habe, mit einbezogen. Es ist eine klare Fortführung von meinem Weg und eine Komplettierung des Künstlers Megaloh. 

Hört hier Megaloh Songs „Live&Direct“  im Stream:

Megalohs Album 21 erscheint am 13. August 2021.


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