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Interview

Roger Rekless im Interview: „Ich mochte von Anfang an Musik, die mich fordert“

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Roger Reckless ist umtriebig: Neben aktivistischen Tätigkeiten, schrieb der gebürtige Bayer 2019 ein Buch über seine persönlichen Erfahrungen mit Alltagsrassismus und brachte im selben Jahr das Album ÜBER DIE NATUR DER DINGE heraus. Offen und ehrlich rappt Roger Rekless über Themen wie Depressionen und Rassismus. Dabei unterstreicht der Deutschrapper die Wichtigkeit von Verständnis und Empathie und erklärt damit gleichzeitig, dass niemand mit den eigenen Erfahrungen allein ist. In seiner im Mai veröffentlichten Single „Wie Black“ etwa spricht Rekless über seine Identitätssuche und das Zusammenrücken der Schwarzen Community. Wir trafen Roger Rekless zum Interview und sprachen mit ihm über seine Rap-Karriere, Rassismus und seine kommenden Projekte. 

Musikexpress.de: Du bist Teil einer Hardrock-Band, der Elektroband Deichkind und hast in Vergangenheit HipHop-Workshops in Island und Australien organisiert. Welche musikalischen Einflüsse haben bei Dir zu dieser Genre-Vielfalt geführt?

Roger Rekless: Sowohl durch das Skateboardfahren als auch das Schauen von Skateboardvideos wurde mein musikalischer Geist geöffnet, denn die haben meist alle Genres gemischt. Manche fuhren auf HipHop und andere auf Metal. Ich habe als Kind schon Gitarrenmusik und Punk genauso gut verstanden wie Rap. Es waren junge Menschen, die wütend über die Zustände in ihrem Wohnort waren. Außerdem wollt ich nie jemand sein, der sagt, er würde ein Genre nicht hören und ich mochte von Anfang an Musik, die mich fordert und dessen Forderung ich verstehe. Wenn sie nicht versucht absichtlich kantig zu sein, sondern sich tatsächlich etwas dahinter verbirgt. Ich spiele übrigens auch in einer Jazzband! (lacht) 

Wieso hast Du Dich bei Deiner Solokarriere für Rap entschieden? 

Roger Rekless: Ich habe schon früh Rap- und Punksongs geschrieben und alle davon waren schlecht! (lacht) Auch wenn ich in einem Block aufgewachsen bin, in dem 90 Prozent der Menschen Migrationshintergrund hatten, war in meinem Umfeld Rap nicht wirklich vertreten. Aber diese Musik hat mir immer viel gegeben, weil über Themen wie Polizeigewalt, Kriminalität und Liebe gesprochen wurde. Themen, die mich betrafen. Rapsongs berührten mich schon immer und ich wollte ebenfalls eine Kultur erschaffen, die andere erreicht und ihnen hilft. Außerdem ist das Genre alleine einfacher realisierbar, weil du zum Texte schreiben nur dich selbst brauchst.

Du hast 2019 das Buch „Ein N**** darf nicht neben mir sitzen“ geschrieben. Darin thematisierst Du Deine persönlichen Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Weshalb wolltest Du dieses Buch aus der Sicht von David Mayonga statt Roger Rekless verfassen?

Roger Rekless: Es sollte eigentlich keine Autobiographie darstellen, sondern die Dynamik von Alltagsrassismus anhand von biographischen Erlebnissen aufzeigen. Ich wollte Leute erreichen und mit Rap hatte ich das Gefühl nur ein gewisses Publikum anzusprechen. Und als ich Anfang letzten Jahres auf einer Demo gegen Rassismus war und all die Menschen dort ihre Schilder habe hochhalten sehen, wurde mir sofort klar, dass viele von denen im Winter nicht mehr da sein werden. Aber genau diese Leute wollte ich erreichen! Mir war klar, dass sie niemals auf ein Rekless-Konzert kommen würden und als man mir angeboten hatte, meine Erfahrungen mit Rassismus zu verlegen, entschied ich mich, diese zusammen mit wissenschaftlichen Studien und Erkenntnissen zu anti-rassistischer Arbeit zu verfassen. Damit man den Leuten vielleicht begreifbar machen kann, dass meine Biografie eine von vielen ist und meine Erlebnisse keine ausschließlich individuellen sind.

In Deiner Buchlesung erklärtest Du, den Titel im Kindergarten gesagt bekommen zu haben. Seit Du den Satz hörtest, gab es ein Leben vor und nach diesem für Dich. Kannst du diesen Wendepunkt näher erklären?

Roger Rekless: Diese Teilung ist der Moment, in dem du als Kind realisierst, dass du anders bist als du dich selbst begreifst. Schließlich stellt man sich als Kind keine Sinnfrage von der eigenen Existenz. Aber dann wirst du durch solche Aussagen in ein Spannungsfeld gebracht, weil du mit etwas Negativem konfrontiert wirst und es selbst gar nicht so siehst. Man kann sich das wie ein Paralleluniversum vorstellen, in dem du die selben Dinge wie zuvor erlebst, aber andere Erfahrungen machst. Plötzlich erfährst du Diskriminierung und Rassismus und alle Leute außerhalb dieser Dimension verstehen dich nicht oder dementieren es sogar. Und je älter man wird, desto mehr versteht man das, aber gleichzeitig realisiert man, dass man nie wieder in eine Welt zurückkann, in der das nicht passiert ist. Sowas führt auch zu einer Identitätsproblematik, weil du dich selbst anders wahrnimmst als dir die Außenwelt einreden will. Und man fühlt sich allein. Deswegen muss man darüber sprechen, um zu verstehen, dass du es nicht bist!

Video: David Mayonga aka Roger Rekless – „Ein N**** darf nicht neben mir sitzen, Eine Deutsche Geschichte“

2019 hast Du auch Dein Album ÜBER DIE NATUR DER DINGE veröffentlicht. In dem darauf zu findenden Song „X“ vergleichst du Depressionen mit einer Gleichung und erklärst: „Weißt du wie scheiße das ist / Wenn du dich fühlst, wie ein X und nicht die Lösung der Gleichung besitzt?“ Wie kamst du auf diese Metapher?

Roger Rekless: Ich wollte versuchen dieses Gefühl, wenn der Geist den Körper und die Emotionen kontrolliert zu verbildlichen. Wenn man in einer depressiven Episode steckt, fühlt es sich an als hätte man was ganz Schlimmes getan und müsste es nun jemandem beichten. Und dieses Empfinden ist einfach die Grundlage von Depression, nur dass es irgendwann nicht mehr nur wie ein Gefühl ist, sondern wie deine Existenz erscheint. Und jeder, der psychische Leiden kennt, weiß normalerweise auch was ihm/ihr da guttut. Doch befindest du dich in einer solchen Episode, bist du genau dazu nicht mehr in der Lage. Und das ist das gleiche Prinzip wie bei einer Gleichung. Du hast da diese komplexe mathematische Aufgabe vor dir, wo du genau weißt, welche Schritte du machen musst, um die Gleichung nach X aufzulösen. Aber wenn du das X bist, dann ist auf einmal alles, was du weißt und was du machen könntest, nicht mehr so einfach möglich.

Was hat dich dazu bewogen so offen über Deine Depressionen zu sprechen?

Roger Rekless: Ich will aufzeigen, dass man mit diesem Gefühl nicht alleine ist. Mir ist das wichtig, weil ich weiß, dass Depressionen wie ein Tanz auf einem Seil sind und wenn man fällt, alles vorbei ist. Es ist notwendig zu kommunizieren, dass man Hilfe braucht. Auch weil ich selbst nur durch eine Freundin herausgefunden habe, dass ich unter Depressionen leide. Ich habe vor Ewigkeiten eine Instrumental-Platte zusammen mit einem Kumpel veröffentlicht, in dessen Liner Notes ich geschrieben habe, dass ich seit einem Jahr das Haus nicht verlassen habe. Diese Freundin hat sich das Vinyl gekauft, es gelesen und mich darauf angesprochen. Ich habe es erst negiert depressiv zu sein, aber sie hat mich aufgeklärt, dass es sich um Symptome davon handelt. Also sollte man offener darüber reden, damit Leute auch früh genug Anzeichen erkennen können und sich Hilfe holen. Bevor der „Ausweg“ plötzlich als eine Möglichkeit erscheint. Ich habe das Album damals überhaupt nur gemacht, weil ich die schwere Episode überlebt habe. Es hätte eigentlich eine EP werden sollen, aber ich wollte festhalten es geschafft zu haben.

Video: Roger Rekless – „X“

2020 warst Du als Featuregast auf „werden 12/12“ zu hören. In einer Line beschreibst Du den doppelten Druck ein Beispiel für PoCs sein zu wollen und gleichzeitig über schmerzvolle Rassistenwitze zu lachen. Kannst Du diesen Druck definieren?

Roger Rekless: Man lacht mit, weil man als junger Mensch dazugehören möchte und man keine Diskussion aufmachen will, die sofort startet sobald man es anspricht. Eine solche Situation ist vielleicht keine traumatische, aber eine sehr schlimme, weil man Wut und Trauer empfindet und diese unterdrückt. Dadurch wird es zu einem diffusen Gefühl der Angst, wodurch man tatsächlich psychische Probleme bekommen kann. Auch wenn Leute es bestreiten, gibt es einen Zusammenhang zwischen Mental Health und rassistischer Diskriminierung oder dem Umgang damit. Wenn Leute sich beschweren, dass man etwas vorher immer sagen oder tun durfte, dann nur weil es auf unsere Kosten ging. Wir haben geschwiegen und es runtergeschluckt – aber nicht, weil es in Ordnung war. Es ist auch wichtig, dass unsere Community einen Safe Space darstellt, in dem man sich austauscht, weil zum Beispiel du als PoC-Frau anderen Rassismus als ich erfährst. Oder auch keine Diskussion führen muss, wenn man nicht mag. In den letzten Monaten gab es eine große Veränderung in unserer Community, die so noch gar nicht in der Mehrheitsgesellschaft angekommen ist. Gerade weil ich auch das Gefühl habe, dass sich einige privilegierte Menschen momentan in ihrer „wokeness“ sonnen. 

Video: Horst Wegener – „werden 12/12“ ft. Roger Rekless & Ami Warning

Du thematisierst in Deiner aktuellen Single „Wie Black“ ebenfalls diese Themen. Weshalb dieser Songtitel?

Roger Rekless: Dieser Song versucht die Identitätsfrage zu beantworten. Ich bin zwar Schwarz, aber auch weiß, weil ich mixed bin. Aber gehe ich nach Ruanda, bin ich Deutscher und man kann es nicht glauben, dass mein Vater aus dem Kongo kommt. Das heißt im direkten Nachbarland sehen sie mich nicht als ihresgleichen, ich muss sie quasi erst überzeugen. Und das war schon immer die Frage: „Wie Schwarz bin ich denn jetzt?“ Gleichzeitig spielt meine weiße Seite in Deutschland keine Rolle, weil ich nicht als weißer Mensch gelesen werde. Und das Lied beginnt ja auch mit der Line: „So Schwarz, dass ich Feedback bekomme von Weißen“. Deswegen musste ich mich schon immer mit dieser Frage auseinandersetzen und es hat sehr lange gedauert bis ich sie beantworten konnte. Doch jetzt bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich und niemand sonst bestimmt, wer ich bin! 

Wie kann man sich den Prozess der Identitätssuche und des Ankommens vorstellen?

Roger Rekless: Der Prozess wurde bei mir durch die „Black Lives Matter“-Bewegung angestoßen. Ich habe dadurch viele Schwarze Menschen getroffen und gemerkt, wie divers wir alle sind. Mir wurde bewusst, dass die Art und Weise, wie ich mein Schwarzsein lebe, nicht einmal meine war. Meine Mutter ist weiß und ich bin auch in einem weißen Umfeld aufgewachsen. Dadurch war ich immer der Schwarze, was mir das Gefühl gab immer eine Antwort darauf haben zu müssen, was Schwarz sein ist. Aber alles was ich davon mitbekam, war durch afroamerikanische Kultur wie Rap und Basketball, wodurch das meine Vorstellung davon wurde. Seit dem Satz im Kindergarten stand ich gefühlt in einer Trennung mit mir selbst. Deswegen sage ich auch in dem Track: „Identitätssuche: Reset“, weil ich verstanden habe, dass ich in mich selber reinhören musste, um zu verstehen wie Schwarz sein für mich ist. Ich habe dadurch verstanden, dass ich nicht nur das Recht, sondern auch das Privileg und Glück habe, mich auf mich selbst beziehen zu können.

Hat Dich dieser Input und die Erkenntnis auch zum Song inspiriert? 

Roger Rekless: Ja total! Ich hatte das Gefühl, dass alles nochmal neu startete und so viel mit mir in diesen wenigen Monaten passiert ist. Nicht nur die BLM-Dynamik, sondern auch die Art und Weise, wie die Leute auf die Bewegung reagiert haben. Alleine dieses Gefühl, dass die Schwarze Community sich weltweit gerade miteinander verbindet. Wir machen die Identitätssuche gerade alle auf unterschiedliche Weise durch. Mit allen meine ich auch Weiße, das ist Teil unserer Entwicklung. Es ist nur so, dass du als Teil einer marginalisierten Gruppe einer Doppelbelastung unterstehst.

Video: Roger Rekless – „Wie Black“

Worauf sollte man sich im Kampf gegen Rassismus mehr fokussieren?

Roger Rekless: Das Verständnis dafür, dass Rassismus ein allgegenwärtiges über Jahrhunderte lang gewachsenes Problem und strukturell verankert ist, fehlt am allermeisten. Und im Kampf dagegen hilft es nicht, dass sich Leute aus der Gleichung rausnehmen, weil sie „woke“ oder „Ally“ sind. Sie müssen Multiplikator*innen werden und zusammen mit uns versuchen etwas auf der Welt zu verändern! Aber auch das bleibt meist an uns hängen und es ist auch noch nicht eingesickert, wie viel Erklärungsarbeit wir eigentlich leisten. Aber die Entwicklung an sich stockt immer wieder, weil sich Leute aus der Affäre ziehen oder nach wie vor darüber diskutieren, ob es Rassismus gibt. Das ist keine Frage mehr!

Stellt „Wie Black“ eine Single-Auskopplung eines kommenden Albums dar?

Roger Rekless: Es ist auf jeden Fall Teil eines Projektes. Wir müssen sehen, ob es ein Album oder eine EP sein wird. Auch wenn genügend Songs für ein Doppelalbum vorhanden sind, muss es sich richtig anfühlen. Nächstes Jahr werden auch einige Projekte von mir kommen, die man vielleicht so nicht von mir erwartet. Aber auch schon 2021 wird die Geschichte musikalisch weitererzählt. Es wird jetzt auch nach jedem Track eine Art Interview zum Song folgen, das diesen näher erklärt. Doch wir verfolgen dabei keinen festen Release-Plan, sondern gehen nach Gefühl.

Hört hier Roger Rekless‘ Songs „X“ und „Wie Black“  im Stream:


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